Zeitung Heute : ES MUSS NICHT IMMER ENGLISCH SEIN:  POLEN LIEGT SO NAH

AN DER ROBERT-JUNGK-OBERSCHULE IN WILMERSDORF KÖNNEN SCHÜLER AUSSERGEWÖHNLICHE FÄCHER WÄHLEN: POLNISCH, MEDIENGESTALTUNG, KOCHEN ODER AUCH TAI CHI

Jeden, dwa, try, czetery. Ania Simon, Kunstlehrerin an der Robert-Jungk Oberschule in Wilmersdorf zählt nach, ob ihre Schützlinge auch alle zum Kunstunterricht angetreten

sind. Dann redet sie in schnellem Pol-

nisch mit den Siebtklässlern, während sie bunte Blätter austeilt – die fast schon fertigen Bilder der Schüler. Wiktoria, 12, zeichnet an einigen bunt gemusterten großen Buchstaben weiter, das ist die Aufgabe. Daneben hat sie aber auch noch einen Totenkopf mit lustiger Haarschleife gemalt. Währenddessen unterhält sie sich mit ihren Mitschülern – und springt dabei ständig zwischen Deutsch und Polnisch hin und her. „Wie zu Hause“, sagt sie. „Mit meinen Eltern rede ich Polnisch und mit meinen Brüdern Deutsch.“ Ihre Eltern sind vor ihrer Geburt nach Deutschland gezogen. Bevor sie im vergangenen Herbst in den deutsch-polnischen Europa-Zug der Robert-Jungk-Gesamtschule kam, ging das zierliche, dunkelblonde Mädchen auf die deutsch-polnische Europa-Grundschule. Dort, auf der Goerdeler-Grundschule, waren viele der Schüler in Wiktorias jetziger Klasse.

Seit 2005 gibt es in jedem Jahrgang der Robert-Jungk-Oberschule zwei Klassen, die bilingual deutsch-polnisch unterrichtet werden. Kunst, Gesellschaftswissenschaften, Biologie und Musik werden auf Polnisch gelehrt, außerdem gibt es Polnischstunden – als Mutter- oder Partnersprache, jeweils fünf Stunden pro Woche. Englisch und Sport haben sie gemeinsam mit den anderen vier Klassen, die nicht zum Europa-Zug gehören. Von der neunten Klasse an sollen sie beide Sprachen gleichermaßen auf Muttersprachen-Niveau beherrschen.

Bei Wiktoria ist das schon jetzt kein Problem. Doch am Nachbartisch sieht es ganz anders aus. Maciej, 14, ist erst seit zwei Jahren in Deutschland und war bis zum Herbst auf einer normalen Grundschule. Er habe in Polen zwar vorher ziemlich lange Deutsch gelernt, aber nur wenig behalten, sagt er mit einem noch immer ziemlich starken Akzent und einigen Fehlern. Biologie sei in der deutschen Grundschule zu schwer für ihn gewesen, er bekam keine Note. An der Robert-Jungk-Oberschule kommt er jetzt wesentlich besser mit. „Aber das Beste“, sagt er und breitet seine Arme weit aus. „das Beste sind meine Freunde.“ Die helfen, wenn er etwas nicht versteht. Der 14–Jährige Marcin mit dem hochgegelten Iro, der neben Maciej zeichnet, ist allerdings auch noch nicht so lange in Deutschland und hat ebenfalls noch Probleme, sich richtig in der fremden Sprache auszudrücken. Zum Glück kann er später bei der schriftlichen Arbeit zum Mittleren Schulabschluss wählen, ob er die Fremdsprachenprüfung in Polnisch oder Englisch ablegen möchte. Sollte er es bis zum Abitur schaffen, würde auch in diesen Prüfungen Polnisch eine wichtige Rolle spielen. Noch sind die Abituranforderungen nicht fertig ausgearbeitet.

Im Frühjahr werde es den ersten Abiturjahrgang seit 20 Jahren geben, sagt Joachim Corvinius, allerdings noch einer ohne Europaklassen. „Darauf sind wir sehr stolz.“ Corvinius ist Musiklehrer und hat früher beim Hessischen Rundfunk gearbeitet. An der Jungk-Oberschule hat er gemeinsam mit dem Techniker und Erzieher Henry Böhm ein ganz besonderes Projekt aufgebaut: das Fach Mediengestaltung. In einem höchst professionellen Fernsehstudio unterrichten die beiden ihre Schüler. In einem der drei Schneideräume sind Andrea, Nadine und Jacqueline aus der zehnten Klasse gerade dabei, eine Sequenz eines selbst gedrehten Films mit Musik zu unterlegen. Die vier sehen gebannt auf die Monitore vor ihnen und fahren den Film immer wieder vor und zurück. „Das ist immer noch zu lang“, sagt Andrea. „Das ist nicht so schlimm“, antwortet Corvinius. „Ist ja im Moment auch noch eine Art Rohschnitt.“

Nebenan im Fernsehstudio diskutieren Kimberley und Eva gerade über die Lichteinstrahlung: „Wir müssen noch den Flächenscheinwerfer setzen“, sagt Kimberley. Der große, schlaksige Anthony steht ein paar Meter entfernt hinter einer Kamera und filmt die beiden Mädchen probeweise, das Resultat ist auf einem Monitor zu sehen. „Ich bin heller als Eva“, findet Kimberley. Das muss noch korrigiert werden. Mithilfe von Techniker Henry Böhm wollen sie bald alles im Studio so vorbereitet haben, dass die anderen zum geschnittenen Film eine Moderation drehen können. „Ich finde das toll“, sagt Kimberley. „Ich hätte Lust, so was später als Beruf zu machen. Videojournalistin oder so.“

Henry Böhm nickt ermutigend: „Der Unterricht hier im Studio ist ein bisschen wie ein Dauerpraktikum. Die Schüler lernen, eigenverantwortlich zu arbeiten.“ Die soziale Komponente sei bei der Arbeit wichtig, Aber auch das Produkt, das am Ende herauskommt: Corvinius hält einen ganzen Stapel DVDs in der Hand. Einen Film über den Piloten Gail Halverson haben die Schüler gemacht und einen über polnische Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg. Schauplatz ist meist das Fernsehstudio. Schüler und Lehrer laden zum Gespräch. „Schon fast alle Minister“ seien zu Diskussionen vorbeigekommen, sagt Corvinius. Die Schüler waren zum Beispiel mit der Kamera bei einem Treffen zwischen Außenminister  Frank-Walter Steinmeier und dem polnischen Botschafter dabei. Selbst eine CD mit Prüfungsaufgaben für den mittleren Schulabschluss in Polnisch ist hier im Tonstudio entstanden – für diese Sprache konnte die Bildungsverwaltung nicht wie bei den anderen Fremdsprachen eine CD bereitstellen.

Nicht nur die Europaklassen lernen Polnisch, sondern auch viele andere der rund 650 Schüler – als zweite Fremdsprache ab der siebten Klasse. „Französisch kann ja jeder“, sagt Julian aus der Zehnten, der seit dreieinhalb Jahren Polnisch lernt. Und dann beginnt der Unterricht, und Julian ist an der Reihe, auf Polnisch etwas über sich zu erzählen: „Ja interesaje sie szachami i komputerem“, sagt er. Schach und Computer mag er also. „Das war super, fast wie ein Pole, eine sehr gute Überraschung. Oder hast du einen Spickzettel?“, sagt Polnischlehrer Maciej Lecki lachend. Nicht immer ist Julian so eifrig bei der Sache.

Hinter ihm an der Wand hängen Zettel, auf die die Schüler Gründe geschrieben haben, warum sie Polnisch lernen wollen. „Wenn ich Polnisch fließend spreche, könnte ich vielleicht an der deutsch-polnischen Universität Viadrina studieren“, steht da. Und: „Weil ich mich mit meinen Großeltern verständigen will.“ Daneben ist zu lesen: „Schließlich liegt Polen so nah.“ Und das stimmt: Besuche bei den Partnerschulen in Polen sind nicht selten, Veranstaltungen zu Literatur, Politik und Landeskunde Polens gehören zum Schulleben.

Aber Polnisch und Beleuchtung sind nicht die einzigen ausgefallenen Dinge, die man an der Robert-Jungk-Schule, einer integrierten Gesamtschule im Ganztagsbetrieb, lernen kann. In einer der mehr als 20 Arbeitsgemeinschaften stehen Kochen, Judo und Tai Chi auf dem Stundenplan.

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