Zeitung Heute : Essay: Kein Netzer mehr aus der Tiefe des Raums

Karl Heinz Bohrer

Erwartung auf Sieg ist auch die Triebkraft für den, der ihn beschreibt. Ohne diese Erwartung müssen wir noch einmal alle Faszination der Erinnerung zusammen nehmen: Die Siege liegen nicht so sehr vor uns, sie liegen hinter uns. Siege? So fragt ein besorgter Zwischenrufer und hebt den Zeigefinger: Es ging nicht um den Sieg - so meint der Zeigefinger -, sondern ums Spiel, um Völkerverbrüderung, um die Entdeckung des Körpers, des Charakters, der Seele im Körper gar. Eine ganze Fußball- und Sportphilosophie, kulturkritisch rechts oder links, kann dieser erhobene Zeigefinger gegen uns richten. Und wir sprechen von Siegen! Von nichts anderem, ja. Denn wenn schon im großen Geschäft von Stars, Transaktionen und Bestechungsskandalen die alte Seligkeit von Sportbrüdern wich, so blieb oder kam doch dafür die finanzierte Aufregung, der Sieg eben, der unersättliche, von dem wir hier noch einmal mit Hingabe sprechen wollen, bevor wir in neuen Siegen oder Niederlagen auf- oder untergehen.

Denn eben das war es, was diese Fußballepoche, diese unglaublichen acht Jahre, die nun zu Ende gegangen sind, ausmachte: Westdeutsche Mannschaften siegten auf Klub- und Nationen-Ebene seit Mexiko 1970 mit solcher Leichtigkeit, dass Europameisterschaft und Weltmeisterschaft für immer in Pacht genommen schienen. Der schon seit 1976 sich anbahnende Abfall von solcher Höhe wurde von den richtigen Fans im Grunde nie wahrgenommen, geschweige denn als Möglichkeit akzeptiert.

Und so bekamen wir kurz vor Argentinien doch noch die spannende, die dramatische Situation: Fast über Nacht, im Zeitraum von zwei aufeinanderfolgenden Niederlagen - gegen Brasilien und Schweden -, geriet die deutsche Nationalmannschaft ähnlich wie unsere ersten Klubs von der schimmernden Siegerstraße ab. Mehr noch, sie ist kein Favorit mehr. Trotz noch immer glänzender Spieler geriet sie ins Mittelmäßige. Das nicht Mittelmäßige aber - davon ist zu reden. Das war ja das Erstaunliche der vorangegangenen Epoche: nicht mehr nur der Biedersinn und der Kampfgeist, nicht mehr die Legende von "Elf Freunde wollen wir sein", nein, etwas nicht für möglich Gehaltenes geschah: Die Deutschen erfanden einen neuen Stil, der die europäischen Massen faszinierte.

Das Herz will stehen bleiben

Der Blick zurück kann nur nostalgisch sein. Das westdeutsche Fußballmärchen begann vielleicht in jener mexikanischen Gigantomanie zwischen Italien und Deutschland, als nach dem 4:3 in der Verlängerung die Menschen, von sprichwörtlicher Ergriffenheit gepackt, glaubten, einem mythologischen Ereignis, einem Azteken-Fest beigewohnt zu haben: Die Emotionalität dieses unglaublichen Spiels des 20. Jahrhunderts hatte damals die unübersteigbare zitternde Spitze erreicht, und die bei solchen Anlässen immer aus dem Häuschen geratenden englischen Zeitungen schrieben mit Emphase: "Wo immer die deutschen Fußballer auftreten, da geben sie dem Spiel eine fast metaphysische Note. Wir müssen uns verbeugen, wir müssen ihnen danken. Schnellingers Ausgleichstor wenige Minuten vor dem Schlusspfiff, das war einer der Augenblicke, wo das glückliche Herz für immer stehen bleiben will." Aber schon damals deutete sich an, was bald artistisch kommen würde: Beckenbauer und Overath entfesselten einen Angriffsgeist, der die zynischen Italiener das Fürchten lehrte wie nie zuvor. Der englischen Zeitungen Reaktion war noch Erinnerung an die vorangegangene 3:2-Schlacht zwischen Deutschland und England, wo das damalige Idol der Nation, Uwe Seeler, das schon verlorene Spiel gegen die überlegenen, brillanten Weltmeister von 1966 endgültig aus dem Feuer riss. Dieses Gefecht und die folgende Italien-Schlacht, diese beiden Denkwürdigkeiten waren wahrscheinlich die letzten Auftritte der deutschen Nationalmannschaft vom alten Typ in ihrer Vollendung: tapfer und intelligent. Aber schon deutete sich Genie an. Und als es dann plötzlich passierte, war es doch plötzlich und ohne Ankündigung, wie der unvorbereitete Blitz aus heiterem Himmel: Netzer kam aus der Tiefe des Raumes.

Bevor wir dieser Zeile, die wir vor fünf Jahren an dieser Stelle zelebrierten (Bohrer spielt auf einen früheren Netzer-Text an, die Red.), nachhorchen und ihrer Bedeutung ganz inne werden, eine vorsorgliche Klarstellung: Natürlich waren da vorher zwei andere schon, die gerade Mexiko eine neue Qualität gaben und deren Namen bald um die Welt tickten: die beiden Bayern Müller und Beckenbauer.

Genau genommen müsste man den Beginn der neuen deutschen Fußballära mit des jungen Franz Beckenbauers Auftritt im Londoner Endspiel von 1966 datieren. Und nicht mehr zu vergessen war dieser Name für die englischen Weltmeister, als der Münchner mit einer eleganten Gefährlichkeit ohnegleichen in León die englische Abwehr durchschritt und mit ansatzlosem Schuss den nicht mehr für möglich gehaltenen Anschlusstreffer schoss. Es folgte Uwe Seelers Kopfball, und dann, in der Verlängerung, ereignete sich das, was die Mexikaner in einer Art kindlichen Analphabetentums von allen anderen am besten ausgedrückt haben: bum, bum, bum. Müller hatte sein lautmalerisches Attribut für immer und wurde mit zehn Toren zum dritterfolgreichsten Stürmer aller Weltmeisterschaften bis dahin. Nur der sagenhafte Franzose Fontaine war 1958 mit 13 Toren und der bei uns noch berühmtere Ungar Kocsis war 1954 mit elf Toren eine Kleinigkeit besser - ja, wir wirklichen Fans datieren unsere eigene Schüler- und allererste Jugendgeschichte mit Weltmeisterschaftsdaten.

Die Achse Müller-Beckenbauer war ansatzweise also schon vorhanden, als es noch nicht die deutsche Supermannschaft und noch nicht den Münchner Europasieger gab. Und die Achse Müller-Beckenbauer war auch noch immer da, als die deutsche Siegermannschaft und die Münchner Europasieger nicht mehr nur siegten. Deshalb sagen wir - um die einmalige Stunde des westdeutschen Fußballs wirklich zu charakterisieren - noch einmal: Netzer kam aus der Tiefe des Raumes. Denn nur solange Netzer aus der Tiefe des Raumes kam, so lange währte wirklich die deutsche Fußballherrlichkeit. Erfolgreich waren sie sicher sechs Jahre lang. Groß aber wirklich nur zwei bis drei Jahre, zwischen 1971 und 1973. Die Weltmeisterschaft von 1974 war schon keine souveräne Handlung mehr, sondern wurde von der ebenbürtigen Cruyff-Mannschaft überschattet.

Wie aber beschreibt man Netzers Erscheinung, wie wiederholt man dieses Phänomen mit Worten? Der Star von Borussia Mönchengladbach mit den fliegenden blonden Haaren ist für die europäischen Fans, für die Epiker und Lyriker romanischer und angelsächsischer Blätter, für die Kulturphilosophen gar vielleicht durch drei Großauftritte vor allem markiert: durch den ersten Sieg einer deutschen Nationalmannschaft in Wembley, das unvergessene 3:1 von 1972, und durch die beiden Inter-Mailand-Spiele von 1971, die das deutsch-italienische Wunder von Mexico wiederholten: Nun aber waren die Italiener endgültig nicht mehr nur konfrontiert mit dem traditionellen deutschen Kampfgeist, dem unermüdbaren heißen Herzen. Was damals an Kombinationen zwischen Netzer, Lefevre und Heynckes ablief, war unerhört, war an Arroganz nicht mehr überbietbar, an präziser Brisanz der Aggression ungesehen. Wenn dieser Netzer seinen Elchgang in Bewegung setzte, wenn er also aus der Tiefe des Raumes kam, wenn er anhob - genießen wir das ruhig einmal in Zeitlupe - und den Ball unwiderruflich in die gefährliche Zone hob, wenn das geschah, dann wurden Heynckes, Wimmer und Lefevre zu abgeschossenen Pfeilen, dann glaubten Italiens hartgesottene Kommentatoren, zum zweiten Mal die Kimbern und Teutonen einbrechen zu sehen, nun aber nicht barbarisch, sondern in wilder Eleganz.

Dann aber durchzuckte die Fans das große Glück vom anderen Zustand. Der sagenhafte, am Ende verhängnisvolle 7:1-Sieg Borussia Mönchengladbachs über Inter Mailand, diese allertiefste Demütigung von Europas Superstars bis dahin durch die neuen Götter vom Niederrhein - das war wahrscheinlich Netzers größte Stunde. Wie er damals vom Platz ging, sehr langsam und in dieser schleifenden Art, das war die Geste desjenigen, der wusste, wie brillant er war. Er zog die Italiener an unsichtbaren Haaren hinter sich her, und diese mythologischen Vergleiche, die nun möglich wurden, die gaben dem Bild sein Unvergessliches. Fußball nicht ästhetisch, sondern das Ästhetische als Fußball.

Beckenbauer, der Einzigartige

Es war Netzers Nationalmannschaft, die in diesem Stile in Wembley triumphierte. Es war Netzers Stil, der 1972 zum 3:0-Europa-Sieg über die Sowjetunion führte. Das zweite Tor - eine Kombination Netzer, Heynckes, Wimmer. Das dritte Tor - eine Kombination Schwarzenbeck, Hoeneß, Müller. Die bayerische und die niederrheinische Verknüpfung war damals ohnegleichen und ohne Fehl. Sie war die Erklärung eines Fußballwunders, das von der Weltmeisterschaft 1974 gerade noch gestreift wurde. Denn machen wir uns nichts vor: der knappe Sieg über die hinreißenden Niederländer hatte leider schon wieder etwas von jenen braven Ritterspielen der fünfziger und sechziger Jahre, wo den Tapferen das Glück zu Hilfe kam. Auf neutralem Platz, ganz zu schweigen von Amsterdam, hätten die Cruyffs und Neeskens die Deutschen eindeutiger geschlagen als diese sie. Schweigen wir ganz von den vorangegangenen Spielen: den kläglichen Vorstellungen gegen Australien oder die DDR, den Kampfspielen gegen Jugoslawien, Schweden und Polen. Auftritte, die nicht vergleichbar waren mit jenen Spielen, die zur Europameisterschaft von 1972 geführt hatten. Netzer kam schon damals nicht mehr aus der Tiefe des Raumes.

Gewiss, das lässt sich nicht beweisen. Dass aber der nostalgische Blick zurück 1974 schon den Zenit, nicht aber mehr den Höhepunkt bedeutet, liegt eben daran, dass damals der rasante Stil Netzers nicht mehr gespielt wurde. Über Beckenbauers Nimbus und Ruhm wurde vergessen, was in der Fußballseele der Fans geschah, als die Meldung im Mai 1973 einschlug, dass Netzer Deutschland verlasse und als Legionär nach Spanien gehe. "Der-kann-uns-doch-das-nicht-antun"-Schrei hatte eine feine Witterung für das Außergewöhnliche dieses Spielers. Gewiss: Beckenbauer, der Einzigartige, der Kaiser, blieb. Aber das Fanal, die Verheißung, der Erfinder des Angriffs, der war gegangen. Das hat den Stil der deutschen Mannschaft einschneidend geändert: Er gewann noch an Perfektion, an Routine, an Sicherheit. Er verlor aber das unerhört Tollkühne, die Emotion, die Anfang der siebziger Jahre von Wembley bis Mailand und Mailand bis Brüssel die Zuschauer hingerissen hatte.

Wir wollen dem bayerischen Perfektionsstil, der etwa zum Stil der deutschen Nationalmannschaft wurde, nicht zu nahe treten. Aber weil er etwas mit dem relativen Niedergang des deutschen Fußballs zu tun hat, soll es angedeutet sein. Keiner der drei Europacupsiege der Bayern hat bei denen, die es sahen, wirkliche Sympathie für die Sieger hinterlassen. Ob gegen Atletico Madrid, gegen Leeds oder gegen St. Etienne - es waren unüberzeugende, unschöne Siege. Man erinnert sich nicht an sie wie an die Siege von Real Madrid oder von Ajax. Es fehlte ihnen auch alles, was die unglücklicheren Borussen so sehr auszeichnete. Erfolg ist alles? Wie wenig diese oft gehörte Sentenz stimmt, zeigt sich hier. Was ist der Fußballsieg denn anders als eine Fiktion, eine Sekunde der Emotion? Als reiner Fakt ist er stumpfsinnig oder besser: ohne Sinn. Er wird nur lebendig, erinnert, ein kultureller Fakt sogar, durch die Manier, wie er zu Stande kommt. Das ist das Spirituelle am Fußball: er ist ganz Wille und Vorstellung. Er kann zum Fokus für unsere Illusion und unsere Wünsche werden, wenn er diese ganz besondere Qualität besitzt.

Wenn zwischen 1970 und 1974 ein solcher Fußballspirit herrschte, dann war das natürlich - neben dem allgemeinen Zeitgeist, der bis hinein in den Sport wehte - das Zusammentreffen von drei, vier, fünf ganz ungewöhnlichen Spielern: Mit Beckenbauer, Netzer und Overath war den Westdeutschen ein Überangebot an eben dem gegeben, woran es ihnen jetzt so bitter fehlt: an Mittelfeldherren. In diesen Jahren waren wir so stark, dass wir eine Beckenbauer-, eine Netzer-, eine Overath-Mannschaft hätten aufbieten können. Gute, intelligente Spieler, schussgewaltige Stürmer hatte der deutsche Fußball immer gehabt. Aufregende Individualitäten, Stars auf eigene Kosten dagegen selten. Sie waren auch nicht gefragt oder wurden nur mit Widerstand geduldet. Netzer, Overath, Grabowski und Breitner waren von diesem seltenen Karat. Müller schoss die entscheidenden Tore, aber sie haben dem deutschen Spiel das Unberechenbare, das wirklich Gefährliche gegeben, den Schuss von aggressiver Intelligenz, durch den es berühmt wurde.

Es ist kein Zufall, dass Netzer und Breitner, in denen diese Eigenschaften am reinsten hervortraten, gleichzeitig auch die beiden Outsider waren: Wenn sich die Nationalmannschaft von dem Biedermannstil seiner Funktionäre damals etwas zu lösen begann, dann nur deshalb, weil solch brillante Figuren es ermöglichten. Bei Spielern wie Netzer, Breitner und Overath trat zur überragenden fußballerischen Begabung jenes Quäntchen Disziplinlosigkeit, das auf dem Spielfeld die große, tödliche Situation schafft, worin sie sich mit den internationalen Großen wie Cruyff und Boninsegna trafen. Brave, angepasste Jungens, wie sie von der Mutterkirche des Fußballs, dem Deutschen Fußball-Bund, von jeher bevorzugt werden, schaffen das nicht. Als Netzer und Breitner ausschieden, gewann die deutsche Mannschaft zwar noch weiter, aber sie verlor jene brennende Schärfe, vor der die anderen Angst hatten. Die konservative Tendenzwende hat, so weit sie den Fußball betrifft, jedenfalls keine Vorteile gebracht. Es lässt sich eines schon voraussagen: Wenn der Typ des Jasagers und Klassenprimus in einer Mannschaft an solcher Stelle vorherrscht, wenn es dort keine Leute gibt, die auf eigene Faust zu entscheiden verstehen, dann gilt alle Taktik, alle Technik, alle Trainerweisheit nichts. Seit einiger Zeit schon wirkt die deutsche Nationalmannschaft wie ein Koloss auf tönernen Füßen. Der Ruhm, die eingehämmerte Taktik, die glänzende Technik, aber kaum ein Spieler mehr mit der Unverschämtheit, Rasanz, Entscheidungsfähigkeit wie in den frühen siebziger Jahren. Grabowskis Absage ist deshalb ein schlimmer Verlust, Breitners Ferne eine traurige Geschichte.

Warten auf das Unerwartete

Aber der Abgesang auf die Stars von gestern, der Ruf nach dem einzigartigen, unersetzbaren Beckenbauer und die nie endende Erinnerung an den Augenblick, als Netzer aus der Tiefe des Raumes kam - diese Hommage auf eine große Mannschaft und eine einmalige Fußballepoche soll die Zukunft nicht berauben: Die Deutschen verteidigen den Titel und sind dennoch keine Favoriten mehr. Das ist ein großer Vorteil gegenüber 1974, dessen miserable Eröffnungsspiele etwas mit dieser deutschen Favoritenrolle zu tun hatten.

Aber wer ist heute schon Favorit? Die großen Stars von gestern werden alle fehlen: kein Beckenbauer mehr und kein Cruyff, nicht mehr die Italiener Facchetti und Rivera, nicht mehr die Brasilianer Jairzinho und Marinho, ohne den Schotten Bremner und Polen Gadocha. Es sind Namen, von denen man jeden einzelnen mit homerischen Adjektiven schmücken sollte, die keinem Spieler mehr nach ihnen zukommen werden. Aber vielleicht wird Argentinien gerade deshalb eine Entdeckung wie es Mexiko wurde. Vielleicht sehen wir eine neue deutsche Mannschaft, von der wir jetzt noch nichts ahnen. Vielleicht ereignet sich abermals das Unerwartete, diese entscheidende Kategorie, ohne die dieses Spiel nicht ist, was es sein kann. Es ist immer nur die besondere Stunde, die das Besondere macht, und die deutsche Nationalmannschaft war immer darin groß, zum Günstling einer solch besonderen Stunde zu werden. Dann kommt es nicht auf Siege an, sondern nur auf den besonderen Augenblick: Wir warten auf den noch Unbekannten aus der Tiefe des Raumes.

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