Zeitung Heute : Essecke mit Milchglasfenster - Wohnungen für treulose Städter in Französisch-Buchholz

Falk Jaeger

Ja, sie gehört noch zur Stadt Berlin, jene zwischen Ort- und Landschaft unentschiedene Gegend, die man nach endloser Fahrt durch Pankow und Buchholz in nördliche Richtung erreicht. Man spricht von "Französisch Buchholz", denn es waren die Hugenotten, die das Land kultiviert und ihm eine rigide Struktur mit langgezogenen Parzellenstreifen aufgeprägt hatten, auf denen sie Gartenbau betrieben. Die mehr als einen Kilometer langen Wegspuren sorgen noch immer für soldatische Ordnung unter den Siedlern und Kleingärtnern von "Glücksklee" und "Edelweiß".

Hier an der Peripherie hatte der Senat Flächen ausgemacht, die sich zur Bebauung eignen könnten: als Lockmittel für treulose Städter, die den Plattenbau flüchten und den Verlockungen des billigen Baulandes im Brandenburgischen zu erliegen drohen. Eine Wettbewerbssituation also, die der Senat mit Qualität zu meistern trachtete. In Zeiten leerer Kassen glaubte man, die Lasten für Erschließung und Infrastruktur den Bauträgern aufbürden und trotzdem noch konkurrenzfähige Preise bieten zu können.

Die "Bauausstellung Berlin 1999", ohnehin nur halbherzig publik gemacht, ist jedoch gescheitert: wegen des mangelnden Engagements des Senats, wegen des zänkischen Dreiecksverhältnisses zwischen Senat, Bezirk und Bauträgern und nicht zuletzt, weil der Senat mit eigenen Grundstücken selbst Kasse machen wollte.

Wie also an der Peripherie bauen? Welche Dichte ist dem Bewohner zuzumuten? Welche Bautypen versprechen Erfolg? Dabei gilt den Bauwilligen das frei stehende Einfamilienhaus als Idealbild, das jedoch kein Verantwortlicher ernsthaft unterstützen will. Gefragt sind vielmehr "Städtische Wohnformen". Doch noch die raffiniert verdichtete Bebauung, bei der die gegenseitige Beeinträchtigung minimiert wird, sieht eben nicht nach Einfamilienhaus aus.

Die Einfamilienhauskolonie kann nicht das Thema der Berliner Stadterweiterung sein, meint auch der Architekt Klaus Zillich und präsentiert 29 einkommensorientiert geförderte Wohneinheiten, die als einziges Bauaustellungs-Projekt im Teilgebiet Buchholz-West realisiert werden konnten. Städtischer, verdichteter und trotzdem mit intensivem Grünbezug - Mietwohnungen mit Eigentumscharakter, so das Credo.

Das U-förmige Ensemble bildet den Kopf des neuen Siedlungsstreifens. Im Zusammenklang mit der gegenüberliegenden Behindertenwerkstatt an der Triftstraße formt es einen kleinen Platz und trägt mit einer Ladenarkade zu dessen Funktion als Quartierszentrum bei. Auf das Ladengeschoss sind Reihenhäuser (Maisonettes) aufgesattelt, zugänglich über einen "Gartenweg" auf der Obergeschossebene im Hof. Allerdings haben die Architekten als viertes Obergeschoss noch "Penthäuser" obenauf gesetzt. So entstand eine Wohnanlage mit hoher Wohnqualität und vier verschiedenen Eingangstypen, mit Grünflächen im Obergeschoss und zum Teil mit privaten Dachgärten.

Die Dächer sind als Kollektorfläche ausgebildet. Diese größte Solarwärmeanlage in Berlin speist über einen großen Thermos-Tank die Heizanlage des ganzen Quartiers, deren Kapazität für künftig 1000 Wohneinheiten ausgelegt ist. Kontrollierte Lüftung und 15 Zentimeter dicke Wärmedämmung sorgen in den Häusern für niedrigste Heizkosten.

Mit sonderbaren Vorschriften macht die in Berlin für die Förderung zuständige Investitionsbank Berlin (IBB) schon seit längerer Zeit Investoren und Bewohnern das Leben schwer. Dass in Berlin das Obergeschoss der Maisonettes über eine zweite Treppe zugänglich sein muss (jedes normale Reihenhaus kommt bei drei Geschossen mit einer inneren Treppe aus), wirkt unverständlich und treibt vor allen Dingen die Preise in die Höhe. Dass vor den vom Laubengang aus einsehbaren Küchenfenstern zwingend Milchglasscheiben eingebaut werden mussten, ist reine Schikane. Soll doch jeder seine Gardine selbst aussuchen! Statt dessen eine gemütliche Essecke mit Milchglasfenster - für die Bewohner eine unerträgliche Bevormundung! Man sollte den zuständigen Sachbearbeitern in der IBB die Bürofenster weiß kalken.

Die Architektursprache der Anlage erinnert an die derzeit in Berlin gängigen innerstädtischen Bauweisen. Allerdings wird sie hier weniger rigide gehandhabt. Der eher kleinstädtische Maßstab schafft die Vermittlung zwischen der innerörtlichen Erschließung und den individuelleren Familienhäusern, dies sich im rückwärtigen Bereich anfügen sollen. Nun hofft man, die Ideen der Bauausstellungsplanung in absehbarer Zeit doch noch verwirklichen zu können. Das richtige Stadtgefühl wird sich wohl erst nach Fertigstellung der Hauptverkehrsstraßen und mit der Anbindung an die Straßenbahn einstellen.

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