Zeitung Heute : Essen auf Rädern

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Von Henryk M. Broder

Wenn ich früher mit dem Zug von Köln nach Hamburg fuhr, bestand ein wesentlicher Teil der Vorbereitungen darin, Essen für die Reise einzupacken. Butterbrote mit und ohne Belag, Buletten, Tomaten, hart gekochte Eier, Äpfel, Bananen und Mandarinen, dazu ein paar Schoko-Riegel und mindestens eine Tafel weiße Schokolade, am liebsten Nestle-Crunch. Zu trinken nahm ich ein paar Dosen Cola und Eistee mit und eine Flasche Wasser ohne Kohlensäure. Und als Nachtisch noch eine kleine Rolle Prinzenkekse von de Beukelaer und eine Handvoll polnische Muh-Muh-Sahnebonbons ("handgeschnitten, handgewickelt").

Essen auf Rädern fand ich immer besonders aufregend. Kaum saß ich im Zug, befiel mich ein unbändiger Hunger. Ich quälte mich etwa bis Düsseldorf, bevor ich die ersten Brote auspackte, bei Münster waren nur noch die Prinzenkekse übrig und ab ‰ Bremen überlegte ich, ob ich nicht in den Speisewagen gehen und da wenigstens einen Blick auf das Menü werfen sollte. Ich habe es nie gemacht. Die Luftmischung aus Küchenfett und Zigarettenqualm war einfach zu ekelhaft. Ich werde schon hysterisch, wenn sich jemand im Fernsehen eine Zigarette anzündet, würde einer in einem geschlossenen Raum direkt neben mir rauchen, müsste ich ausrasten.

Im Zuge meiner eigenen Akkulturation gewöhnte ich mir das Stullenpacken langsam ab. Ich entdeckte, dass man praktisch alles im Bahnhof fertig kaufen konnte. Natürlich war es nicht dasselbe wie hausgemacht und viel teurer dazu - meine Eltern hätten nie zwei Mark für ein halbes Brötchen mit einem Stück Käse darauf bezahlt -, aber es war einfacher und auch aufregender, alle Imbiss-Stände in den "Markthallen" am Hamburger Hauptbahnhof zu besichtigen und zu sehen was es alles gab, auch wenn ich am Ende immer das gleiche kaufte: eine Bulette, zwei Brötchen, zwei Cola und eine Apfeltasche.

Reisen ohne zu essen, kommt mir vor wie mit Ohropax in ein Konzert zu gehen: vollkommen sinnlos. Neulich war ich in München und wollte nach Augsburg. Die Fahrt dauert etwa 30 Minuten. Kaum ist man im Zug, muss man wieder aussteigen. Ich hatte in München noch drei bis vier Minuten Zeit und konnte der Versuchung nicht widerstehen. Mit einem Paar Wiener auf einem Pappteller in der Hand schaffte ich es in der letzten Sekunde in den Zug. Als der Regionalexpress anfuhr, überlegte ich mir, dass es besser gewesen wäre, den nächsten Zug zu nehmen, um noch ein paar Häppchen für die Reise kaufen zu können.

Ich kenne in Berlin ein paar Leute, die quer durch die Stadt fahren, wenn es sein muss bis nach Pankow oder Lichtenrade, um an einer bestimmten Imbiss-Bude "die beste Curry-Wurst der Stadt" zu kaufen. Das würde ich nie machen, weil ich Curry-Wurst einfach ekelhaft finde, nur die kölsche Blutwurst, "Himmel und Erde" genannt, ist noch ekelhafter. Aber ich kann den Reiz solcher Expeditionen nachvollziehen. In New York gibt es "Food-Carts", kleine mobile Garküchen aus Aluminium, die von morgens bis abends einfaches und gutes Essen zu lächerlich niedrigen Preisen anbieten. Shoarma und Falafel, Suppen und Sandwiches, fertige Obstsalate und abgepackte Kuchen. Auf nicht einmal einem halben Quadratmeter wird gegrillt, gedünstet und gebraten. Ich frage mich immer, wo die Cart-Chefs ihre Vorräte versteckt halten, das Fleisch, die Pitas, die Getränke-Dosen und alles Übrige. Mittags stehen lange Schlangen vor den "Carts", aber natürlich geht man nicht zum "Cart" an der nächsten Ecke, sondern zu einem zwei oder drei Blocks weiter, denn der hat das bessere Fleisch, die frischeren Pitas oder die schärferen Gewürze. Dann setzt man sich auf die nächste Bank und futtert.

Ganz anders dagegen: Essen im Flugzeug. Es ist immer eine demütigende Erfahrung, obwohl es die Reisenden nicht so zu empfinden scheinen. Was mich immer am meisten erstaunt, ist die Gnadenlosigkeit gegen sich selber, mit der sie bis zum letzten Bissen durchhalten. Als hätten sie für das Essen bezahlt und den Flug nur als Zugabe dazubekommen, werden die Alufolien leergeputzt und am Ende mit einem Stück Brötchen blank gerieben, damit man sie gleich wieder benutzen kann. Ich frage mich immer, wie der Vorgang aus der Sicht der Stewards und Stewardessen aussieht. Sie rollen mit ihren Wagen durch die engen Gänge und sehen eine Meute von Gefangenen vor sich, die alles in sich hineinstopfen, was ihnen vorgesetzt wird, in geduckter Haltung, die Ellbogen an den Leib gepresst, die Knie angezogen. Da muss einfach Verachtung aufkommen, die man in den Augen sehen kann, spätestens wenn sie die Tabletts wieder einsammeln und scheinheilig fragen, ob es geschmeckt hat. Dann fallen die Passagiere in eine Fressnarkose oder sie müssen aufs Klo, während die Stewards und die Stewardessen in den Bordküchen Butterbrote auspacken, die sie von daheim mitgebracht haben.

Der absolute Inbegriff von Essen auf Rädern ist aber Dim Sum. Man sitzt schon vormittags beim Chinesen, und das Essen rollt auf einem Servierwagen vorbei. Es hat überhaupt keinen Sinn zu fragen, was in den kleinen Töpfen, die aufeinander gestapelt sind, drin ist. Man zeigt einfach mit dem Finger drauf und lässt sich überraschen. Mal sind es gefüllte Teigtaschen, mal gekochte Hühnerfüße. Am Ende werden an der Kasse einfach die leeren Teller gezählt. Der Vorteil von Dim Sum ist: Man wird nicht satt, deswegen kann man hinterher gleich richtig essen gehen.

Am besten zu Ikea, in echt, denn das unmögliche Möbelhaus hat eine Kundenkantine, die einen Eintrag im Michelin verdienen würde. Richtige Feinschmecker haben den Laden noch nicht entdeckt, es muss an der Möblierung liegen, aber es ist auch kein Geheimtipp mehr: Ikea hat den besten Lachs zwischen dem Polarkreis und der Sahara. Es gibt ihn geräuchert und gedünstet, auf Toast oder auf Pasta, und am besten holt man sich zuerst den einen und dann den anderen. Wenn es noch Lachsplätzchen oder Lachseis zum Nachtisch gäbe, wäre das Menü perfekt. Und so fahre ich manchnal von Schmargendorf nach Spandau, nur um bei Ikea Lachs zu essen. Es ist nicht Essen auf Rädern, denn ich bin es, der sich bewegt und nicht das Essen. Aber eines Tages wird es anders sein, es wird eine Flotte mobiler "Ikea-Carts" geben, die eine ganz neue Imbiss-Kultur in Berlin verbreiten werden - von Halensee bis Tauentzien, von der Siegessäule bis zum Platz am Wilden Eber. Lachs ist für alle da!



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