Essen & Trinken : Alles Banane

Kinder essen sie im Brei, Inder im Curry – Eisdielen machen daraus den Bananensplit. Doch die beliebteste Frucht der Welt ist politisch und ökologisch umstritten. Eine kleine Kulturgeschichte der „Dschungelwurst“

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Auch im "Dschungelbuch" von Walt Disney darf die Banane nicht fehlen.Foto: Cinetext

Für die Deutschen hat die Banane ihre Unschuld schon 1989 verloren. Damals, als „Zonen-Gaby“ vom Cover des Satire-Magazins „Titanic“ grinste, in der linken Hand eine geschälte Gurke. „Meine erste Banane“ stand daneben, und spätestens damit war die Banane das Symbol für ein Ressentiment. Dafür, dass es den Ostdeutschen nach der Wende ohnehin nur um exotische Genüsse ging, selbst wenn sie diese nicht einmal erkannten. Eins draufgesetzt hat dann noch Otto Schily, als man 1990 in Bonn diskutierte, warum so viele Ostdeutsche bei der ersten freien Volkskammerwahl die CDU gewählt hatten. Er zog eine Banane hervor und hielt sie in die Fernsehkamera. Die Banane, ein Witz-Obst. Kein Wunder, dass der Cartoonist Tetsche sie „Dschungelwurst“ taufte. Inzwischen ist die Banane auch in anderen Teilen der Welt ganz schön in Misskredit geraten. Etwa wegen der Bedingungen, denen die Bananenpflücker ausgesetzt sind. Gerade mal zwei Dollar bekommt ein Bananero in Südamerika am Tag für die schwere Arbeit mit der Machete. Oder die Pestizide, die der Anbau der Bananen verschlingt. Die Banane ist nämlich ein arg empfindliches Gewächs, jedenfalls die gelbe, wohlgeformte Cavendish, die auf den meisten Plantagen angepflanzt wird. Zwar gäbe es theoretisch 1200 Bananensorten. Doch wer isst in Europa schon Süßbananen, grüne Stärkebananen oder mehlige Kochbananen? Und da wären noch die Prozesse gegen den US-amerikanischen Konzern Dole, neben Chiquita der größte Produzent von Bananen. Sechs Bananeros aus Nicaragua verklagten den Konzern, weil Dole auf den Plantagen das Schädlingsbekämpfungsmittel DBCP versprüht haben soll. Und das, obwohl seit 1977 bekannt war, was DBCP anrichten konnte. Es macht zum Beispiel steril. Die Arbeiter bekamen 2007 von einem amerikanischen Gericht Schadenersatz in der Höhe von 2,5 Millionen Dollar zugesprochen. Geld haben die Arbeiter bis heute keines gesehen, eine Bezirksrichterin hat das Urteil kassiert. Doch erst einmal zu den erfreulichen Dingen der Banane: Das meistgegessene Obst der Erde ist nahrhaft, eine Kalorie pro Gramm. Oft das Letzte, was Sportler aufrechterhält: 130 000 Bananen werden jedes Jahr beim Berlin-Marathon verteilt. Man kann mit Bananen Currygerichte verfeinern oder sie in Butter und Honig anbraten. Man kann Chips, Likör und Sirup daraus machen. Oder Banana Bread, Bananenbrot. Oder man püriert sie und mixt sie mit Milch und ein bisschen Honig zu Bananenfrappé, ein Getränk, das runtergeht wie Babybrei, weich, süß und flüssig. Die gematschte Banane ist ja meistens auch das erste Obst, das Babys bekommen. Nur die Flecken, die sie macht, sind fies. Die Banane enthält jede Menge Mineralstoffe, vor allem Kalium, dazu Ballaststoffe und die Nerven-Vitamine des B-Komplexes. Auch Serotonin ist in Bananen enthalten, jenes Hormon, das die Stimmung aufhellt. Wobei Walnüsse zehn Mal mehr Serotonin enthalten. Dafür kann man mit dem Inneren einer Bananenschale angeblich die Blutung von Schürfwunden stillen. Und gegen Durchfall hilft sie auch. Vor allem die Deutschen sind ein Volk der Bananenesser, was man schon daran sieht, dass die Banane auf den meisten Obstwagen im Supermarkt die Nummer 1 hat. Im Nachkriegsdeutschland war sie der erste Kontakt mit dem Exotischen, ein Symbol für Wohlstand und Genuss. Am liebsten als Bananensplit, mit Eis und Schlagsahne versetzt und Schokoladensauce drüber. Die Kombination des Wirtschaftswunders: Fett und Zucker. Heute konsumieren die Deutschen jedes Jahr 600 000 Tonnen, so viel wie sonst niemand in Europa. Mehr waren es nur 1989, im Jahr von Zonen-Gaby: 800 000 Tonnen wurden importiert, wobei die meisten Bananen aus Mittel- und Südamerika kommen. Und, ja, die Ostdeutschen aßen mehr Bananen. 25 Kilo pro Person im Jahr 1992. Ein Westdeutscher kam nur auf 14 Kilo. Doch die Geschichte der Frucht ist auch eine von Kolonialisierung und Gewalt. Begonnen hat es 1871, als die amerikanischen Brüder Keith in Costa Rica eine Lizenz zum Eisenbahnbau erhielten. Sie trieben den Ausbau einer Eisenbahnlinie voran, im Gegenzug erhielt einer der beiden Brüder riesige Ländereien zum Anbau von Bananen – der Grundstein für ein riesiges Imperium, die legendäre United Fruit Company. Am Anfang brachten die Bananen noch Fortschritt, ob in Ecuador, Nicaragua, Honduras oder Costa Rica. Die Bananenfirmen bauten Straßen, versorgten einstmals abgelegene Gebiete mit Strom. Doch sie errichteten auch eine Art Staat im Staat, übernahmen die Kontrolle über Häfen und Infrastruktur und unterdrückten jede Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen, nicht selten äußerst blutig. Der Schwede Fredrik Gertten weiß alles über die Banane. Er war früher Journalist, seit 15 Jahren macht er Dokumentarfilme, die ihn immer wieder nach Nicaragua geführt haben. Dort kam er an den Bananenplantagen irgendwann nicht mehr vorbei. An den Waschanlagen, die noch aus den 70er Jahren stammen. An den Kindern, in deren Urin Rückstände von den Pestiziden festgestellt wurden. An den Monokulturen, die durch die Plantagen entstanden sind, am gigantischen Wasserverbrauch der Kulturen: 1000 Liter verbraucht eine Staude, bis sie reif ist. Als er von den Bananeros hörte, die Dole verklagten, weil sie unfruchtbar geworden waren, beschloss er, einen Film zu drehen. „Bananas!“ heißt er, dieses Jahr ist er beim Kulinarischen Kino der Berlinale gelaufen. Gertten zeigt Arbeiter mit zerfurchten Gesichtern, die weder lesen noch schreiben können und denen nicht einmal die einzige Freude ihres armseligen Lebens vergönnt war: Kinder zu haben. Gertten zeigt eine Armada von Firmenanwälten, die alles daransetzt, um die Arbeiter als unglaubwürdig darzustellen. Und immer wieder sieht man die Schädlingsbekämpfungsflugzeuge, die dicht über die grünen Stauden fliegen wie in Hitchcocks „Unsichtbaren Dritten“. Inzwischen hat Fredrik Gertten selbst den langen Arm von Dole zu spüren bekommen. 2009 musste „Bananas!“ auf Druck der Dole-Anwälte aus dem Wettbewerb des Los Angeles Film Festival genommen werden. Als er daraufhin weltweit Aufmerksamkeit erregte, wurde Gerttens kleine schwedische Produktionsfirma von Dole verklagt. 250 000 Dollar Gerichtskosten sind für Gertten schon angefallen, immerhin wurde das Verfahren eingestellt. Es hatte Boykottaufrufe in Schweden gegeben, der Film wurde sogar im schwedischen Parlament vorgeführt. Gerttens persönliches Fazit aus seinen Recherchen: Er kauft nur mehr Fair-Trade-Bananen, auch wenn die erheblich teurer sind. „Wir müssen uns bei allem, was wir kaufen, fragen: Wie entsteht etwas?“ In Deutschland scheint sich das noch nicht herumgesprochen zu haben. Gerade mal 1,7 Prozent macht der Anteil der Bananen aus fairem Handel aus, bei Biobananen immerhin 20 Prozent. Zum Vergleich: In der Schweiz stammt die Hälfte der verkauften Bananen aus fairem Handel. Zumindest in der Kunst hat die Banane noch ihre Unschuld bewahrt. Was wäre die Musik von Velvet Underground ohne Andy Warhols Banane auf dem Cover? Oder der Künstler Thomas Baumgärtel. Seit 20 Jahren hat er ein Motiv: die Banane. Als Skulptur, in Ölgemälden, als Installation, als Performance. Auch im Stadtbild hat er sich verewigt. Von Baumgärtel sind die knallgelben Bananen-Graffitis, die man immer wieder auf Hauswänden sieht. 1986, während seines Kunststudiums in Köln, hat er damit begonnen. Hat eine Schablone gebastelt und nachts Bananen neben die Eingänge von Galerien gesprüht. Inzwischen 4000 Mal, in ganz Deutschland, auch in New York war er schon. Die Banane als Obsession und als Markenzeichen. Nur einem Künstler hat die Banane kein Glück gebracht: dem Sänger Harry Belafonte. In jedem Konzert muss er irgendwann den Banana-Boat-Song anstimmen, weil die Leute damit Karibik und Sonnenuntergang verbinden. Dabei ist es eigentlich ein Protestlied, es handelt von Schmerzen und Tränen und der Arbeit des Zuckerrohrschneidens. Für Harry Belafonte wurde das Lied zum Fluch, die markanten Töne des „Day-ooh, day ay ay ooh“ wurden öfter in Werbespots verwendet als jede andere Tonfolge auf Erden. „Bananen, Bananen! Ich hasse Bananen!“, sagte Belafonte einmal in einem Interview. Was auch schon wieder wie ein Bananen-Song klingt.

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