Essen und Trinken : Ein Blick in den Blog-Topf

Es gibt so einschneidende Momente im Leben: die eigene Hochzeit, ein neuer Arbeitsplatz. Für unsere Autorin brachte die Entdeckung des Food-Blogs eine emotionale Erschütterung. Über die kulinarischen Weiten des Internets.

Harriet Köhler

Ich habe drei große Schwächen. Erstens: Ich drücke mich gern vor der Arbeit. Zweitens: Ich bin verdammt ungeduldig, vor allem wenn ich hungrig bin. Drittens: Ich denke zu viel übers Kochen nach.

Zumindest das mag auf den ersten Blick nicht als Schwäche erscheinen, trotzdem, ich schäme mich ein wenig dafür. Andere machen sich über die Dekonstruktion diskursiver Machtverhältnisse Gedanken, ich darüber, wie man Perlhuhnkeulen entbeint und mit Salbei füllt. Manche sorgen sich um die Erderwärmung, ich freue mich heimlich über die Vorzüge, die der Klimawandel für den deutschen Riesling birgt. Mein Mann kauft sich vor einer Bahnfahrt „Literaturen“, den „New Yorker“ und den „Economist“. Ich greife zum „Feinschmecker“, dem „Jamie Magazine“ und zu „Bon appetit“. Was anderen ihre kommentierte Brecht-Gesamtausgabe ist, ist mir der Bestellkatalog des Feinkosthändlers Bosfood.

Wenn ich nicht einschlafen kann, würze ich in Gedanken Lämmchen. Gäste, die zum Essen kommen, sind entzückt über diese Leidenschaft – bis sie nach dem Dessert über die Außenpolitik der USA debattieren wollen und ich die Gänge das Inaugural Luncheon der Obamas rezitiere. Manche sehe ich nie wieder. Dabei habe ich sehr gern Gäste – auch, weil man sich mit der Planung und Vorbereitung eines Menüs locker zwei Tage von der Arbeit ablenken kann.

Jetzt brauche ich dazu keine Gäste mehr, auch keine Kochzeitschriften und Kochen mit Kerner erst recht nicht. Ich habe Food-Blogs entdeckt.

Es begann mit einem Link, den mir ein Freund per E-Mail schickte, www.deliciousdays.com. Kein Betreff, kein Kommentar. Ich klickte ihn an – und landete direkt im Himmel. Erst zum Abendessen begab ich mich wieder auf die Erde zurück. Delicious Days ist der Blog einer Münchnerin namens Nicole Stich und wahrscheinlich der berühmteste Food-Blog Deutschlands, seit er vom „Time Magazine“ unter die 50 coolsten Websites der Welt gewählt wurde. Wunderschöne Bilder, herzige kleine Geschichten und natürlich Rezepte zum Niederknien – als ich die mit Ricotta, Spinat und rohem Eigelb gefüllten Ravioli sah, habe ich sogar ein bisschen geweint vor Glück. Leider bloggt Nicole Stich nur sehr selten. Nach einem Tag auf der Homepage hatte ich alle Rezepte gelesen.

Aber ich war angefixt. Ich brauchte mehr. Und fand mehr. 49 Links umfasst der Food-Blogs-Ordner in meinem Lesezeichen-Menü, und das ist wirklich nur eine kleine Auswahl. Die Anonymen Köche (anonymekoeche.net) zum Beispiel gewannen mein Herz, als sie die Zubereitung eines Fasans, den der Nachbar geschossen hatte, beschrieben, Schritt für Schritt, mit einer Euphorie, die einen mitfiebern ließ beim Lesen, die einen hoffen ließ und schmecken und riechen – bis der Eintrag mit einer Elegie auf die Sauce zu Ende ging: „Die Sauce war das Beste. Aber der Vogel war zäh wie Sau.“

Das ist ein Charakterzug der Blogger, der Kochbuchautoren fehlt: Keiner von ihnen würde verhehlen, wenn ein Rezept zwar Eindruck macht, aber nicht funktioniert. In Kochbüchern sieht immer alles super aus – um sich nicht selten beim Nachkochen als fades, amorphes Etwas zu erweisen. Food-Blogger hingegen stellen auch mal Bilder ins Netz, die an fleckige Plastikspeisekarten in Touristenfallen erinnern. Bei Viet World Kitchen zum Beispiel (vietworldkitchen.com) wird einem nicht immer gleich klar, worin der Unterschied zu dem besteht, was man in gekachelten Imbissstuben in Bahnhofsnähe serviert bekommt, rein optisch, meine ich. Wenn man dann allerdings die Rezepte liest, versteht man sofort, warum vietnamesisches Essen zu Hause nie richtig köstlich, sondern immer nur so lala wird: Sogar eigentlich einfache Gerichte, wie etwa die Pho-Suppe vom Rind, werden hier mit nicht weniger Sorgfalt geköchelt als die Trüffelsuppe, die Paul Bocuse einst Giscard d’Estaing servierte. Und etwas Tröstendes haben schlechte Fotos ja auch: Auf einmal sieht das selbst gekochte Essen besser aus als die Vorlage.

Zum Glück, oder leider, ist schlechte Fotografie die Ausnahme, nicht die Regel. In vielen Blogs werden nicht nur seltene Tomatensorten, sondern auch Kameras, Brennweiten und Objektive diskutiert. Der „Best Food-Blog Award“ wird längst auch in der Kategorie Fotografie vergeben. Die Rezepte des aktuellen Preisträgers, La Tartine Gourmande (latartinegourmande.com), will man gar nicht ausprobieren, weil man ahnt, dass der Anblick des daheim angerichteten Tellers erschütternd sein wird.

Das Interessante an Blogs sind aber nicht die Bilder. Was lockt, ist die Möglichkeit, nicht mehr nur den Versuchsköchen der Essen-und-Trinken-Redaktion in die Töpfe schauen zu können, sondern der halben Welt. Dass man nicht nur neue Garmethoden, Gewürze und Mixturen kennenlernt, sondern auch die Emotionen, die für unterschiedliche Menschen mit Gerichten verbunden sind.

Es gibt türkische Blogs (kochdichturkisch.de), südafrikanische (cooksister.com) und kanarische (kanarische-kueche.de). Es gibt What’s for Lunch, Honey, (whatsforlunchhoney.blogspot.com), geschrieben von einer Frau aus Mumbai, die ihre Currys inzwischen in Weimar rührt. Es gibt Souvlaki for the Soul (souvlakiforthesoul.com), den Blog eines Griechen, der in Australien lebt. Es gibt Nordljus (nordljus.co.uk), wo eine in England lebende Japanerin ihre Leser daran teilhaben lässt, wie sie an ein Chorizo-Sandwich genauso konzentriert herangeht wie an ihren Grüntee-Kuchen mit Azuki-Bohnen-Mousse. Oder Lucullian Delights (lucullian.blogspot.com), den Blog einer im Toskanischen lebenden Schwedin, die englische Renaissance-Lyrik studiert hat, jetzt aber über italienisches Essen philosophiert. Großartig ist auch The Pioneer Woman (thepioneerwoman.com), von einer dereinst Sushi-mümmelnden Großstädterin, die sich in einen Chucks und Cowboyhut tragenden Viehhirten verliebte, zu ihm in die Prärie zog und nun ihre – nicht nur kulinarische – Metamorphose zur Ranch Wife dokumentiert. Was dabei rauskommt? „Thanksgiving, deconstructed“, Whisky-glacierte Karotten, „Pasta alla Marlboro Man“ und Homemade Ranch-Dressing, natürlich.

Tränen lache ich über die Geschichten, die Peppinella von „Peppinella kocht dir was“ (peppinella.blogspot.com) über ihre italienische Familie zum Besten gibt. Zum Beispiel die von dem Versuch, die ganze Familie auf Diät zu setzen und statt fettem Fleisch und Süßkram nur noch Weight-Watchers-Punkte zu servieren: „Ich träume nachts von großen Mengen Gorgonzola mit literweise Rotwein. Es ist ein Kreuz. Du kannst Dir vorstellen, was ein Mensch kocht, der seinen Espresso mit Süßstoff trinkt.“ Zum Glück gab’s schon zwei Wochen später wieder Ravioli mit Walnuss-Mascarpone-Füllung.

Da ist noch etwas, das Food-Blogs wertvoll macht: Expertise, auf die man sonst keinen Zugriff hat. Es gibt den Wild Yeast Blog (www.wildyeastblog.com), bei dem es ausschließlich ums Brotbacken geht, vom Hamburgerbrötchen über Sauerteig-Pancakes bis hin zum Rotweinbrot mit Pinienkernen und Feigen. Oder einen Blog, in dem sich alles um Nudeln und Spätzle dreht (blog.nudelmaschinen.com). Lunch in a Box (lunchinabox.net) beschäftigt sich ausschließlich mit der Befüllung von Brotzeitdosen. „18th C Cuisine“ hat sich ganz auf die französische Küche des 18. Jahrhunderts kapriziert (18thccuisine.blogspot.com). Es gibt Blogs für Zöliakier (www.glutenfreegirl.blogspot.com) und Atkins-Anhänger (carb-low.de), für Veganer (veganolution.wordpress.com) genauso wie für Veganer auf Diät (blog.fatfreevegan.com), für Weinkenner (25cl.de, schnutentunker.de) und passionierte Trinker (bartender-lab.com).

Außerdem gibt es Dutzende und Aberdutzende Blogs, die ausschließlich dem süßen Zahn opfern: Kuchen, Kekse, Patisserie. Besonders bezaubernd ist der von Fanny, einer 23-jährigen Französin von der Côte d’Azur, die ernsthaft darüber nachdenkt, Pâtissière zu werden. Und die in ihrem Blog von einer Erfahrung berichtet, von der ich nicht mal nach zwei Flaschen Riesling zu träumen wage: Sie hat ein Praktikum bei Pierre Hermé gemacht, einem der besten Pâtissiers der Welt (foodbeam.com). Und so kann man nicht nur Köchen am anderen Ende der Welt, sondern auch denen am oberen Ende der Weltrangliste in die Töpfe sehen.

Natürlich hat die Werbeindustrie die Food-Blogs längst entdeckt. Manche Blogger verdienen inzwischen richtig Geld mit ihren Seiten, viele zeigen Werbebanner. Und mehr als einer ist mit einem eigenen Kochbuch am Ende doch zurückgekehrt in die traditionelle Welt des Prints. Manchmal denke ich darüber nach, ebenfalls anzufangen. Ich könnte Tag und Nacht in der Küche stehen, könnte körbeweise Kochbücher nach Hause schleppen, ohne ein schlechtes Gewissen zu kriegen. Wäre ja alles rein beruflich! Andererseits: Ich drücke mich gern vor der Arbeit. Und ich wäre viel zu ungeduldig, um meine Kunstwerke vor dem Verspeisen auch noch zu fotografieren.

Die Autorin wurde mit dem Roman „Ostersonntag“ bekannt. Ihr nächstes Buch erscheint im Frühjahr 2010, ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben