Essen und Trinken : Fetter Fang

Vor 50 Jahren setzte Günter Grass ihm in der Blechtrommel ein literarisches Denkmal. Heute ist der Aal vom Aussterben bedroht: Ohne menschliche Hilfe würde er die Havel nie erreichen. Ein Krisenreport aus dem Fischerkahn.

Andreas Austilat
306379_0_49ffdefb.jpg
Auf der Unterhavel fängt Jürgen Vaupel Aale.Foto: Andreas Austilat

Sechs Grad zeigt das Thermometer heute früh. Gefühlt sind es null. Ohne das Gummizeug wäre ich wahrscheinlich schon tot oder wenigstens steif. Der Regen kommt schräg von vorn und der Notizblock ist nass wie ein Schwamm. „Hätten sie mal einen Bleistift genommen“, sagt Jürgen Vaupel, „der geht immer.“ Bestimmt. Vorausgesetzt, man kann seine Finger noch bewegen.
Vaupels Finger sind auch nass, aber ihm scheint das nichts auszumachen. „Lebenslange Gewöhnung“, sagt er. Der 66-Jährige hat mit seinem Basecap und den silbernen Bartstoppeln Ähnlichkeit mit Steven Spielberg. Mit bloßen Händen hievt er das Netz aus dem Wasser, schüttet den Inhalt auf den stählernen Boden des offenen Kahns. Aale – fast ein Dutzend, schlangengleich schlagen sie mit dem Schwanz um sich, dass es in der Bilge nur so spritzt.
„Kennen Sie eigentlich Günter Grass?", frage ich. Vaupel brummt. „Die Blechtrommel?“ Er brummt wieder. Und während er die Stahlklappe über dem Fischkasten schließt, sagt er doch noch was: „Die Blechtrommel, die hat schon ein bisschen was kaputt gemacht.“ Natürlich meint er diese Szene mit dem Pferdekopf. Die berühmteste Pferdekopfszene der Weltliteratur. Allenfalls Mario Puzos „Pate“ kommt da noch mit. Aber bei dem liegt der abgetrennte Schädel nur so rum. Bei Grass ist er Köder, winden sich die Aale aus Nüstern und Ohren, dass es einem den Appetit verschlägt. Und zwar auf Dauer, glaubt Vaupel. Dabei sei das doch Unsinn. Aale sind keine Aasfresser.
Genau 50 Jahre ist es her, dass Grass seinen Roman geschrieben hat. Damals lernte Vaupel Schlachter. Und als Schlachter fuhr er zur See. In jener Zeit machten sich die Matrosen noch nicht irgendein Fertigessen in der Mikrowelle warm, da wurden an Bord Leute gebraucht, die auch mal einen halben Ochsen zerlegen konnten. In seiner Kombüse ist Vaupel bis nach Aruba gekommen, oder nach Chicago, auf Tankern und auf Frachtern. Und sicher hätte er auch auf einem Fischtrawler angeheuert, wenn die Augen nicht gewesen wären. Zu schlecht für die Arbeit an Deck, hieß die Diagnose. Fischer ist Vaupel trotzdem geworden, aber sein Revier ist weder der Atlantik noch die Nordsee, sondern die Unterhavel.
 Er ist einer von 16 Berufsfischern in Berlin.
„Geht’s“, brüllt er, um den dröhnenden Außenborder zu übertönen, während in der Ferne der Grunewaldturm auftaucht. „Ja“, ruf ich zurück und frage: „Wie viel Reusen kommen jetzt noch?“ – „Zwölf“. Du liebe Zeit. Das heißt noch mindestens zwei Stunden Kahnfahrt liegen vor uns. 16 Reusen hat Vaupel in der Havel versenkt. Schlauchartige Netzgebilde in denen sich hin und wieder auch mal ein Zander, ein kleiner Hecht oder eine Plötze verfängt. Vor allem aber geht es ihm um den Aal.
Das ist der Brotfisch der deutschen Binnenfischer, der bringt das meiste Geld. Und man fängt ihn am besten mit der Reuse. Ein altes Ofenrohr ginge zur Not auch. Vielleicht sogar ein Pferdeschädel. Aber nur, wenn er hohl ist. Weil der Aal Höhlen liebt. Gern vergräbt er sich tagsüber im Grund.
Natürlich ist es nicht nur die Blechtrommel, die Leuten den Appetit verdorben hat. Wegen seiner schlangenhaften Art ist der Aal nicht leicht zu vermarkten. Ich erinnere mich gut daran, wenn meine Mutter zu Pfingsten Aal zubereitet hat. Aal grün mit Gurkensalat ist als Gericht mindestens so berlinisch wie gebratene Leber mit Apfel und Zwiebeln oder Klopse. Aber während eine Boulette sich garantiert nicht mehr rührt, kann auch ein toter Aal noch aus seinem Eimer springen und die Küche durchqueren. Noch Tage nach seinem Tod arbeiten Muskeln und Nerven des Aals. Ich habe es selbst gesehen.
Aber der Geschmack seines festen und grätenarmen Fleischs ist nun einmal unvergleichlich. Das schmeckt nicht nur den Deutschen: In Italien pilgern die Leute nach Comacchio unweit des Po-Deltas, weil sich der Ort einen Namen als Aalstadt gemacht hat. In England war Aal in Gelee früher ein Arbeiteressen, das vorzugsweise in Mash & Pie-Shops verkauft wurde und mindestens so populär war wie Fish and Chips. In einem der letzten dieser Shops hat der Grafiker und Autor Jake Tilson sein Londoner Atelier eingerichtet und den Aal zum Kunstobjekt erhoben. Unterstützt wird er dabei von dem japanischen Fotografen Kyoichi Tsuzuki. Auch die Japaner sind geradezu verrückt nach Aal. Und dabei warten sie nicht mal bis er ausgewachsen ist, sondern verzehren ihn kaum geschlüpft gleich tonnenweise.
Leider, dem Aal geht es nämlich nicht gut. Es geht ihm so schlecht, dass sogar der Verband der Sportfischer mitgemacht hat, als der Aal 2009 in Deutschland zum Fisch des Jahres erklärt wurde.
Der Aal ist zwar ein zäher Überlebenskünstler, aber er ist auch kompliziert, sein Lebensweg verschlungen. Alle europäischen Aale, ob sie nun im Mittelmeer leben, in Nord- oder Ostsee oder in der Unterhavel, haben eine gemeinsame Heimat: Die Sargasso-See, ein 5000 Meter tiefes, planktonreiches Meeresgebiet südlich der Bermudas. Hier laicht der Aal, so glaubt man wenigstens zu wissen. Tatsächlich reichen weder das Auge des Menschen, noch seine Horchgeräte tief genug, ihn bis dahin zu verfolgen. Doch wenigstens hat man seine Brut dort schon nachgewiesen.
Die wandert mit der Drift des Golfstroms binnen drei Jahren nach Europa und verteilt sich dort in den Küstengewässern. Ist diese Wanderung schon merkwürdig, noch seltsamer ist das nächste Stadium. Die jungen, sogenannten Glasaale sind imstande, sich an die Bedingungen des Süßwassers anzupassen, schwimmen die großen Flüsse hoch, erreichen so selbst die Havel oder den Spreewald.
Theoretisch wenigstens, praktisch sind Europas Flüsse schon seit 100 Jahren so verbaut, dass der Mensch dem Aal auf die Sprünge hilft. So unterhält der deutsche Fischereiverband seit 1908 in Hamburg die Aalversandstelle. Die überwiegende Zahl der Flussaale wird nämlich als junger Glasaal vor Europas Küste gefangen und reist dann mit dem Lastwagen. Oder er wird vorher noch in einer Aalfarm hochgepäppelt, um seine Überlebenschancen zu verbessern, und erst dann verschickt.
Den Ankauf der Aale, die dann in hiesigen Gewässern ausgesetzt werden, teilen sich die öffentliche Hand sowie die Fischer und ihre Verbände. In Berlin wurden im laufenden Jahr für 128 000 Euro knapp 333 000 junge Tiere ausgesetzt. Die dürfen nicht alle gefangen werden. 40 Prozent müssen wieder abwandern können, um so für Nachwuchs zu sorgen. Das alles ist Teil des deutschen Managementplans – die EU verlangt von ihren Aal-fangenden Mitgliedern solche Pläne. Außerdem ist der Aal seit diesem Jahr Handelsbeschränkungen unterworfen. Nur wenn er aus nachhaltiger Fischerei stammt, darf er aus der EU exportiert werden. Damit soll verhindert werden, dass europäische Jungaale wie in den vergangenen Jahren tonnenweise nach Asien verkauft werden, um dort gleich im Sushi oder in den gewaltig expandierenden chinesischen Aalfarmen zu landen.
Von dort gibt es kein Zurück. Doch in einer Aalfarm wird nur gefangene Brut aufgezogen. Der Aal laichtda nicht. Zur Arterhaltung muss er also wandern können. Mindestens mit fünf, manchmal erst mit 17 Jahren, packt ihn der Trieb. Er frisst sich Fett an und mutiert zum Blankaal, wie er wegen seines silbrig glänzenden Bauchs dann genannt wird. 28 Prozent kann sein Fettanteil erreichen, das macht ihn schmackhaft, aber eben auch nicht ideal für eine leichte Küche. Die Fettreserve ist Wegzehrung für den 6000 Kilometer langen Weg zurück in die Sargasso-See, wo sich die Aale noch einmal versammeln, um sich zu paaren, bevor sie ihr Leben in den undurchdringlichen Tiefen beschließen.
Jürgen Vaupel weiß, dass er mit weiteren Fangbeschränkungen rechnen muss. Schon jetzt darf er nur Aale aus der Reuse in den Fischkasten übernehmen, die mindestens 45 Zentimeter lang sind, künftig werden es 50 sein. Und eines Tages wird er vielleicht auch keine Blankaale mehr fangen dürfen, mag es auch noch so unwahrscheinlich sein, dass ein Flussaal wirklich die Sargasso-See erreicht, vorbei an Schleusen und den Turbinen der Kraftwerke.
Ein Boykott wie ihn manche Supermarktketten schon medienwirksam erwogen haben, wird die Art nicht retten. Denn wenn sie ihn gar nicht mehr fangen dürfen, werden Vaupel und seine Kollegen auch nicht mehr in das Aussetzen der Aale investieren und die nachhaltige Bewirtschaftung einstellen.
Nach dreieinhalb Stunden läuft Vaupel seinen Steg im Stößensee an. Der Fang war gut, ungewöhnlich gut sogar. Wahrscheinlich wird er einiges davon an einen brandenburgischen Kollegen abgeben. „Die Berliner lieben es, ihren Aal dort zu kaufen“, sagt er und lacht. Den Rest verkauft er in seinem eigenen kleinen Laden, das meiste geräuchert. Denn dann bringt die Ware mehr Geld.
Große Kunden hat er wenige. Die beziehen ihre Ware lieber aus der Farm. Dort bekommen sie immer die gleiche Größe, die gleiche Konsistenz, müssen nicht groß sortieren, bevor sie ihre Räucherkammer füllen. Das Geschäft mit Fischern wie Vaupel ist ihnen einfach zu mühsam.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar