Essen und Trinken : Frutti Tutti

Sie hießen Venezia, Rimini und San Remo – italienische Eisdielen gaben der westdeutschen Jugend ein Zuhause. Wie Industrieeis und Billigflieger diese Kultur verändert haben.

Susanne Kippenberger
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Salvatore Fiore 1964 vor seiner ersten Eisdiele in Castrop-Rauxel.Foto: Lucia Fiore/ LWL-Industriemuseum

Wie ein Hauch umhüllte die Kälte den Becher, ließ ihn noch eleganter aussehen, als er sowieso schon war. Ich erinnere mich noch genau an diesen feinen Nebel auf der silbernen Schale, der sich allmählich in Tröpfchen auflöste, während wir mit den flachen Löffeln das Eis so langsam wie möglich mehr aufrollten als löffelten. Aprikose, Zitrone, Erdbeer, Nuss, die Sorten kamen nicht als Kugeln zu uns, kunstvoll spachtelten die italienischen Gelatieri die verschiedenen Sorten in die Schale, bis diese bis an den Rand gefüllt war und obendrauf eine Art Halbmond saß. Selbst wir, ahnungslose Kinder, die wir waren, wussten, dass Eis nicht besser schmecken konnte als bei Toscani an der Kettwiger Straße.

Am Büdchen in Essen-Frillendorf kauften wir uns manchmal Eis am Stiel: Capri und Split, das klang schon italienisch, auch wenn es von Langnese war. Toscani aber war was Besonderes, immer verbunden mit einem Ausflug in die Stadt. Wir sind ja praktisch nie essen gegangen, Restaurants waren Anfang der 60er Jahre nur für Familienfeiertage da, und Enrico, unsere Pizzeria, gab es noch nicht. Aber Eis essen sind wir gegangen. Und bei Toscani wurden wir hochprofessionell bedient, von Kellnerinnen in schwarzer Kluft mit weißem Spitzenschürzchen, die das Eis auf kleinen Tabletts servierten.

Das große zweistöckige Café lag an einer Passage, man konnte vorne rein und hinten raus, und an drei Seiten war es von Schaufensterglas umgeben. Als würde selbst hier, im finsteren Ruhrgebiet, immer die Sonne scheinen, so wie in Italien, wo wir noch nie gewesen waren, wohin wir erst viele Jahre später reisen würden. (Wir fuhren in den großen Ferien immer nach Holland, das lag gleich nebenan.) Aber schon jetzt hatten wir den Geschmack des Landes im Mund. Kühl, cremig und fruchtig, sonnig und modern: Alles an der Eisdiele war modern. Die kleinen runden Tischchen, die Kunststoffstühle, die silbernen Schalen auf hohem Fuß, die Fliesen an den Wänden, die hohe Theke, die Treppe und ihr Gitter. Die Leichtigkeit und Eleganz der 50er-Jahre-Ästhetik, hier war sie aufs Reinste vertreten.

In den 70er Jahren gab es noch ein anderes Eiscafé, in dem wir ganze Vormittage verbrachten, wenn wir gerade schwänzten oder Freistunden hatten, der Unterricht fiel dauernd wegen Lehrermangels aus. An den Namen dieser Eisdiele, ganz in der Nähe unserer Schule, erinnere ich mich so wenig wie an ihr Eis. Sie war eher schäbig, die Fenster waren mit scheußlichen Gardinen zugehängt, wahrscheinlich hat uns das nicht gestört, die schützten uns vor den Blicken der Lehrer und anderer Erwachsener. Das Café war erschwinglich und vor allem ein Ort, an dem wir als Jugendliche sein konnten. Einer der wenigen. Was gab es denn sonst: Kneipen, Pommesbuden und Oma-Cafés. Coffeeshops waren noch nicht erfunden.

Italienische Eisdielen, für uns Babyboomer sind sie so deutsch wie der Opel Kadett und Jungs in kurzen Lederhosen. Westdeutsch, muss man sagen, auch wenn sich in der DDR tatsächlich fünf echte Italiener zwischen all den Milchbars gehalten haben sollen. In West-Berlin haben sie merkwürdigerweise nie richtig Fuß gefasst, hier hießen die Eiscafés Hennig und Anneliese. Auch in anderen Ländern wie den USA gibt es praktisch keine – dort wird zwar wahnsinnig viel Eis gegessen, aber in erster Linie solches aus Industrieproduktion.

So deutsch sind die italienischen Eisdielen, dass eine von ihnen, die besonders schicke der Familie Giacomel von 1955, aus Hamburg ins Haus der deutschen Geschichte in Bonn gezogen ist. Nicht als Museumscafé, sondern als Ausstellungsstück, komplett mit grüner Resopaltheke, Tischchen und silbernen Schalen, Cinzano-Flasche und, besonders wichtig: der Musicbox, mit „Rock around the Clock“, „Tutti Frutti“, gleich in zweifacher Version, von Pat Boone und Elvis Presley, und Connie Froboess’ „Zwei kleine Italiener“. Wim Wenders hat seine musikalische (und sonstige) Sozialisation an der Jukebox der Eisdiele von Oberhausen-Sterkrade erfahren. Auch „Die Halbstarken“, Horst Buchholz und seine Kumpels, trafen sich im Eiscafé.

„Komm ein bisschen mit nach Italien/komm ein bisschen mit ans blaue Meer/und wir tun, als ob das Leben/eine schöne Reise wär“, lockte Caterina Valente die Deutschen 1956. „Eiscafé Venezia“, so hat die Architekturhistorikerin Stefanie Bürkle ihr vor einigen Jahren erschienenes (inzwischen leider vergriffenes) wunderhübsches kleines Büchlein genannt. Neben Reminiszenzen verschiedener Autoren enthält es lauter Fotos von Eiscafés namens Venezia, in Fußgängerzonen, Fachwerkhäusern und Einkaufszentren, mit rotweißem Zäunchen drumherum und weißen Allerweltsplastikstühlen davor. Venezia, Rimini, San Remo, so heißen die Eisdielen. Und doch ist der Name Venezia mehr als ein Tribut an die Italienseligkeit der Germanen. Es ist ein Gruß an die eigene Heimat.

Die überwältigende Mehrheit der Gelatieri Deutschlands kommt nämlich aus Venetien, genauer gesagt aus zwei Tälern in den Dolomiten, Cadore und vor allem Zoldo. Bereits im 19. Jahrhundert zogen die männlichen Bewohner, getrieben von der Armut dort, als Eismacher in die Ferne. Die erste Station war Wien, 1865 schon, von da aus ging es weiter gen Osten und Norden. Anfangs war das Eis ein mobiles Gewerbe, mit oft kunstvoll verzierten Karren und Glöckchen zogen die Gelatieri durch die Straßen. Bis die einheimischen Zuckerbäcker gegen die Konkurrenz rebellierten, die zuweilen die Kunden auf der Straße abfing, bevor sie ins Kaffeehaus gingen. Die Eismänner wurden gezwungen, sich niederzulassen. Wobei die meisten aber nicht gleich ein Café eröffneten, sondern nur ein großes Fenster in der Wand. Davor legten sie ein Stück Holz als Treppchen, damit auch die Kinder in die Eiströge gucken konnten – daher der Name Diele.

Als „Schwalben“, wie sie genannt wurden, pendelten die Gelatieri zwischen den Ländern hin und her, viele machen es heute noch so. Zuerst kamen nur die Männer, als die Frauen sie begleiteten, um mitzuarbeiten, wurden die Kinder bei den Großeltern untergebracht, besuchten oft ein Internat; ihre Eltern sahen sie nur in den Sommerferien, wenn sie sie mal besuchen durften, und dann wieder im Herbst. Spätestens zur großen Eismesse in Longarone sind alle wieder zu Hause. Gerade für die Kinder wurde der Schmerz dieser „saisonalen Pendelmigration“, wie sie offiziell heißt, allerdings immer größer, je länger die Saison dauerte. Anfangs reichte sie nur von Juni bis September, heute haben viele das ganze Jahr geöffnet.

Nirgends in Deutschland hat es so viele italienische Eisdielen gegeben wie an Rhein und Ruhr, und das seit 1900 (während die erste Pizzeria Deutschlands erst 1952 aufmachte): Wo hatte man schon so viele potenzielle Kunden auf so engem Ballungsraum? In den 30er Jahren erlebten die Cafés ihren ersten Boom, Hitler und Mussolini hingen damals schon mal nebeneinander an der Eisdielenwand. Mit der Wirtschaftswunderzeit kam der zweite, noch größere Boom. Die italienischen Gastarbeiter, die nun kamen, spielten dabei keine so große Rolle. In den Eisdielen traf man sie selten, dort blieben die Deutschen meist unter sich.

So wichtig sind die italienischen Eismacher im Ruhrgebiet gewesen, dass das Industriemuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) ihnen jetzt eine große Ausstellung auf der Bochumer Zeche Hannover gewidmet hat. Anhand einer Fülle von Exponaten, Fotos und Notizheften, Eismaschinen und -schalen, Schürzchen und Waffeleisen, Stühlen und Tischchen aus der Hagener Eisdiele Venezia und den Erinnerungen der Italiener an „Hörstationen“ wird dort die Geschichte der Eisdielen erzählt. In dem zur Ausstellung erschienenen Buch verrät Kuratorin Anne Overbeck auch, warum viele der Cafés unserer Jugend so scheußliche Gardinen hatten: weil der Müßiggang in aller Öffentlichkeit bei den Deutschen damals noch verpönt war.

Mit Eis allein kommt man als Café heute nicht mehr weit. 1956 hatten nur 14 Prozent der Deutschen überhaupt einen Kühlschrank. Heute verfügt jeder über ein eigenes Tiefkühlfach, wenn nicht gar einen ganzen Schrank. 80 Prozent des Eises, das hierzulande verzehrt wird, stammt mittlerweile aus industrieller Herstellung. Beim Discounter kostet ein ganzer Topf so viel wie in guten Eisdielen eine Kugel. Und den konkurrenzlosen Platz im Herzen der Jugendlichen haben sie längst eingebüßt. Heute ist die Zahl der gastronomischen Betriebe jeder Art und Preisklasse immens. Der Wettbewerb, so der Volkswirtschaftler Luca Paladin, der seine Diplomarbeit über Marketingstrategien hiesiger Eisdielen geschrieben hat, nachdem er mehrere Sommer lang in welchen gejobbt hatte, steht heute unter dem Motto: „Alle bieten alles an.“ Auch in Bistros und Bäckereien kann man Gefrorenes kaufen, Eiscafés bieten Panini an.

Von den rund 4000 Eisdielen in Deutschland werden heute noch drei Viertel von Italienern geführt. AuchToscani in Essen gibt es bis heute. Bei Sonnenschein stehen die Hungrigen Schlange, können zwischen 25 Sorten wählen. Wobei die Klassiker Stracciatella, Mokka, Vanille immer noch am besten laufen. Längst kann man in der Fußgängerzone auch draußen sitzen, was in unserer Kindheit noch nicht ging – in vielen Städten darf man erst seit den 80er Jahren Stühle auf den Bürgersteig stellen. Seit Generationen hat die Großfamilie Toscani Eisdielen in Wien, Leipzig und Prag betrieben; das Essener Café wird heute von Giuseppe Toscani geführt. Der 48-Jährige ist in Italien zur Schule gegangen – so wie seine Kinder es heute tun. Nur machen die Billigflüge das Familienleben ein bisschen einfacher. Er selbst hat seinen Vater nur zwei Mal im Jahr gesehen. Toscani senior, vor 40 Jahren Gründungsmitglied von Uniteis, der „Vereinigung der handwerklich arbeitenden italienischen Speiseeishersteller in Deutschland“, kommt auch mit knapp 80 Jahren noch jeden Tag ins Café. „Das“, sagt der Sohn, „ist sein Leben.“

Eiskalte Leidenschaft. Italienische Eismacher im Ruhrgebiet. LWL-Industriemuseum, Zeche Hannover, bis 11. Oktober. Im Essener Klartext-Verlag ist dazu ein gleichnamiges Buch erschienen, herausgegeben von Anne Overbeck und Dietmar Osses (146 Seiten, 19,95 Euro).

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