Essen und Trinken : Höchststrafe Linseneintopf

Vor 75 Jahren erschien "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" von Hans Fallada, ein Knastroman. Was kommt heute im Gefängnis auf den Teller? Ein Besuch beim Küchenchef in Tegel.

Moritz Honert
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Chefkoch. Mario Lutze am Linseneintopf.Foto: Mike Wolff

Am Anfang war er gekränkt. So hatte vorher noch niemand über sein Essen gesprochen: „Geschmacksneutral.“ „Übelriechend.“ „Ekelhaft.“ Mario Lutze, 45, steht in einem zugigen Flur. Er trägt Dienstkleidung: eine weiße Jacke mit schwarzen Knöpfen, auf dem Kopf eine weiße Papiermütze. Lutze ist Chef der Anstaltsküche in der JVA Tegel, dem größten Knast Deutschlands.

Heute kränkt ihn kaum noch was, sagt er. Nicht mal der Artikel in der Knastzeitung neulich. Ein Insasse beschrieb Lutzes Kost darin als „teils eigenwillige Kreationen in Verbindung mit zerkochten oder in Mehlsauce ertränkten Gemüsebeilagen, deren Vitamingehalt mit dem eines aufgeweichten Pappkartons zu vergleichen ist“. Mario Lutze lacht. Die Meckerei sei ein Ventil für die Gefangenen, um Druck abzulassen, sagt er. Dann betritt er die Großküche. Metall klirrt, Geschirr klappert, Menschen rufen durcheinander. Lutze muss die Stimme heben. „Wer Stress mit der Frau oder Zellengenossen hat, der schimpft halt auf das, was wir hier täglich kochen.“ Es riecht nach Würze.

Gefängniskost hatte noch nie den besten Ruf. Schon in seinem heute vor 75 Jahren erschienenen Werk „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ schrieb Hans Fallada über seinen inhaftierten Romanhelden: „Wochenlang, monatelang konnte er den breiigen Fraß nicht runter bringen. So wühlte er nur appetitlos in der Schüssel, ob sich vielleicht ein Stück Schweinefleisch hinein verirrt hätte – aber nichts.“ Der Blechnapf ist Porzellangeschirr gewichen, doch die Kritik der Insassen ist noch heute dieselbe: zu wenig Abwechslung, vor allem aber zu wenig Fleisch.

Die anderen Männer in der Großküche tragen blaugestreifte Hemden. Häftlinge. Die Hände in Gummihandschuhen schneiden Zwiebeln, die Arme sind tätowiert. Es ist kalt, weil ständig Türen aufgehen, wenn jemand etwas rein- oder rausträgt oder Zigarettenpause macht. Früh um sechs geht es los, dann kommen die Laster und liefern Frischwaren. Bis halb zwölf müssen die Gerichte fertig, in orangefarbene Warmhaltecontainer verpackt und in die Trakte gebracht sein. Dann treten die Gefangenen aus ihren Zellen und reihen sich auf. Ein Mithäftling verteilt unter Aufsicht das Essen. Jeder hat sein eigenes Besteck, einen flachen Teller und eine Schüssel für Suppen und Eintöpfe. Doch egal was es gibt, viele stellen sich immer mit der Schüssel in der Hand in die Schlange. In der Hoffnung, mehr abzubekommen. Wer aufgegessen hat, kann sich Nachschlag holen, wenn noch was übrig ist. Gegessen wird in den Zellen. Große Speisesäle, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt, gibt es in Tegel nicht. Wollen die Gefangenen nicht, behauptet die Anstaltsleitung. Will die Anstaltsleitung nicht, behaupten die Häftlinge. Aussage gegen Aussage.

Noch aber ist es erst neun, noch wird gekocht. Heute steht Linseneintopf auf dem Speiseplan. Dazu gibt es Würstchen – oder „Hauptkomponenten“, wie Lutze sie nennt. 25 Häftlinge arbeiten in der Küche, in der Mitte gibt es einen extra Raum mit Glasfenstern für die Aufseher. Ein paar Beamte sitzen darin und lesen. Die Öfen sind groß wie Schränke, die Kochbecken haben den Umfang von Badewannen. Mit gewaltigen Holzpaddeln wird der köchelnde Eintopf umgerührt. Gewürze werden schaufelweise zugegeben. Einer von Lutzes Kollegen in einem oliven Parka probiert mit einem Löffel aus der riesigen Wanne. Er nickt. Passt. Fragt man die Insassen, wie es ihnen schmeckt, sagen sie: „Kann man essen, gibt’s aber viel zu oft. Warum gibt’s nicht mehr Fleisch?“

1600 Männer aus 64 Nationen muss Lutze täglich versorgen. Dazu kommen die 200 weiblichen Gefangenen aus dem Frauengefängnis. Allen kann er es nicht recht machen, sagt Lutze. Eintöpfe, die bei den Ost-Europäern gut ankommen, finden die Deutschen langweilig. Die Asiaten mögen lieber Reis, machen sich nichts aus Kartoffeln. Der tägliche Kompromiss ist Hausmannskost, wie ein Blick auf die Speisepläne verrät, die Lutze vier bis fünf Wochen im Voraus nach den Richtlinien der Deutschen Lebensmittelgesellschaft erstellt. Montag Eintopf, Dienstag gekochtes Rindfleisch, Mittwoch Soljanka. Eiweißgehalt, Kalorien, Fett, Vitamin C sind für jeden Tag penibel aufgelistet. Freitags gibt es nach Möglichkeit Fisch und an Sonn- und Feiertagen, wenn’s geht, etwas Besonderes. Weihnachten gab es Ente.

Außerdem muss Lutze jeden Tag vier Alternativen anbieten: eine für Vegetarier, einmal Schonkost, eine für Diabetiker und ein Extragericht für Moslems. Jeder Gefangene hat Anspruch auf Rücksicht bei religiösen Speisegeboten, schreibt Paragraph 21 des Strafvollzugsgesetzes vor.

„Allzu große Sprünge sind nicht drin“, gesteht Lutze. Laut Budgetplan stehen ihm im Jahr 1,65 Millionen Euro für Lebensmittel zur Verfügung. Das macht pro Person und Tag 2,56 Euro, nicht mal für ein Sparmenü à la Sarrazin würde das reichen. Oft sei es schwierig, alles zu Preisen zu kriegen, die in sein Budget passen. „Bei Sonderangeboten muss ich zuschlagen“, und dann beschweren sich die Knackis, weil ihr Joghurt in zwei Tagen abläuft oder das Obst Dellen hat. Regelmäßig fliegt das Essen im hohen Bogen aus den vergitterten Fenstern. Jeden Morgen dreht ein Trupp Sträflinge vor den Fenstern seine Runden und sammelt die Überreste ein. Vor ein paar Jahren wurden die Brotrationen reduziert, damit die Knackis weniger Wurfmaterial haben.

Lutze kocht seit 2001 in Tegel, seit 2008 ist er Leiter der Anstaltsküche. Davor hat er für große Caterer in Berlin gearbeitet. Natürlich sei das eine schwere Entscheidung gewesen, ins Gefängnis zu wechseln, sagt er. Besonders seine Frau habe sich Sorgen gemacht. Doch als er Vater wurde, wollte er einen Job ohne lange Nachtschichten und mit mehr Sicherheit. Er lacht, als ihm die Doppeldeutigkeit aufgeht. „Dass man mit verurteilten Mördern und Vergewaltigern am Herd steht, die gerade mit Messern hantieren, das hab ich ständig irgendwo im Hinterkopf“, sagt er. Die Küche ist beliebt bei Ausbruchskandidaten. Die Lebensmittellaster kommen schließlich nicht nur jeden Morgen, sie fahren auch wieder. Wer als fluchtgefährdet gilt, bekommt hier keinen Job. Keine Chancen hat auch, bei wem die Zellenbesichtigung Zweifel an der Hygiene aufkommen lässt.

Dienstschluss hat Lutze gegen 14 Uhr. Eine seiner letzten Handlungen in der Großküche ist das Zählen der Messer. Inzwischen sind sie graviert, damit man zurückverfolgen kann, woher es stammt, sollte in den Zellen eins auftauchen. Seit er Chef ist, sagt Lutze, sei ihm noch keins abhanden gekommen.

Das Abendessen machen sich die Gefangenen selbst, in der Teeküche. Zwei Liter Milch, 250 Gramm Marmelade und 500 Gramm Margarine bekommen die Insassen pro Woche zugeteilt, dazu jeden Abend Wurst und Käse. Wer mehr will, kann es beim Lieferservice bestellen. Der bringt auch Gewürze, Tabak und Getränke. 100 Gramm Peperoni kosten sechs Euro, die Packung Bohnenkaffee 4,59 Euro. Auch deshalb ist der Job in der Küche bei den Gefangenen beliebt: Wer sieben Tage die Woche hier arbeitet, kommt locker auf 350 Euro im Monat. Damit lässt sich die Suche nach Fleisch in der Suppenschüssel schnell beenden.

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