Essen & Trinken : Hoffen und Malz

Wunder der Wüste: Das christliche Dorf Taybeh liegt im Westjordanland. Hier braut Nadim Khoury ein Bier, das „Lecker“ heißt. Eine Erfolgsgeschichte

Sven Behrisch
Die Brauerei von Nadim Khoury - hier der Eingang - liegt im Westjordanland.
Die Brauerei von Nadim Khoury - hier der Eingang - liegt im Westjordanland.Foto: Martino Lombezzi/Contrasto/laif

Die Revolution schmeckt malzig, ein wenig süß und sehr süffig. Die Krone könnte fester sitzen, aber das ist verzeihlich. Denn das Bier, das laut Eigenwerbung einen Umsturz in Palästina anführt, hat viele Gegner. Nadim Khoury zieht seinen schwarzen Schnauzbart aus dem Bierglas, setzt ihn in leichte Bewegung und zählt auf: „Die Israelis, die Moslems, Stella Artois, Carlsberg, Heineken.“ Der Rest geht unter im Hämmern der Maschine, die die Flaschen verkorkt. 4000 pro Stunde, vier Stunden lang heute. Wenn später der Transporter kommt, liefert er 16 000 Mal den Geist dieser Flaschen in die Welt, der da sagt: Wir haben zwar keinen Staat, aber ein Bier. Und das ist immerhin ein Anfang.

Vor 15 Jahren möblierte Khoury die Lagerhalle in den Hügeln des Westjordanlands mit zwei meterhohen silbernen Bottichen für die Maische, drei Gär- und Kühlzylindern; er besorgte eine Abfüllanlage, eine Etikettiermaschine und eine Ikone des Heiligen Georg, die über dem Schreibtisch am Eingang der Halle hängt. In der Legende zog Georg aus, um mit dem Speer um sein Leben zu kämpfen. In der Wirklichkeit des Nahostkonflikts zieht Khoury mit seinem Bier in den Kampf um Palästina.

Die erste mittelständische Brauerei des Nahen Ostens war geboren, benannt nach dem Ort, in dem sie steht: Taybeh heißt auf Arabisch „lecker“. Der Ort ist das einzige rein christliche Dorf im Westjordanland, statt Minaretten ragen drei steinerne Türme griechisch-orthodoxer Kirchen in den Himmel. Es ist eingekesselt von der israelischen Besatzung und 95 Prozent muslimischer Bevölkerung, die offiziell keinen Alkohol anrührt. Sieht man aber auf die Verkaufszahlen, sagt Khoury, „müssten die fünf Prozent Christen von früh bis spät betrunken sein“.

Khoury ist 51, beschäftigt 15 Mitarbeiter, generiert mit seinem Bestseller Taybeh Gold und den Ablegern amber, light, dark und alkoholfrei 600 000 Liter Bier pro Jahr und 1,5 Millionen Dollar Umsatz. Das meiste bleibt in Palästina, ein paar hundert Liter gehen nach Deutschland, England, Japan, rund 40 Prozent nach Israel. In Jerusalem und Tel Aviv entwickelt sich Taybeh zum Kultgetränk.

In einer langen Reihe schieben sich die braunen Flaschen scheppernd zum Spülen, Befüllen, Verkorken, Etikettieren und Verpacken. Als Khoury anfing, wollte er sie bei einer israelischen Firma kaufen. Die sagte nur: „Komm wieder, wenn du groß bist.“ Als hunderttausende Taybeh-Flaschen aus Portugal am Hafen gelöscht wurden, blockierten die Behörden die Ladung 58 Tage lang. „Nach ein paar Wochen kam dieselbe israelische Firma zu ihm und sagte: Kauf bei uns, dann passiert dir das nicht mehr.“ Die Lagerkosten am Hafen waren höher als der Preis der Flaschen. Aber dafür hatte er es nun offiziell: Taybeh war groß geworden.

Khoury trägt Arbeitskleidung. Ein schwarzer Pullover, auf den in goldenen Lettern das Firmenlogo gestickt ist, umspannt einen kompakten Bauch, an dem die unermüdlichen Kontrollen seines Produkts Spuren hinterlassen haben. „Wir brauen nach deutschem Reinheitsgebot, nur Quellwasser, Gerste, Hopfen und Malz.“ Die Gerste kommt aus Belgien, der Hopfen aus Bayern und der Tschechischen Republik, das Malz aus London, „weil es das beste ist“. An seinem Handgelenk leuchtet eine Rolex. Er schätzt Qualität. Und keine falsche Bescheidenheit.

Mit strammen Schritten läuft er zur schweren Eisentür am Ende der Halle. Draußen blendet eine strahlend weiße Villa die Augen. Sie hat Säulen vor der Tür, Steinbalustraden auf dem Dach und könnte in Beverly Hills stehen. Unten wohnen der Brauereibesitzer und seine Familie; darüber sein Bruder. Er ist Teilhaber des Unternehmens, außerdem Bürgermeister des Ortes und Wirtschaftsprofessor an der Bir-Zeit-Universität im nahegelegenen Ramallah. Vor dem Haus parkt ein schwarzer 7er-BMW. Die Familie Khoury, sagt er, habe eine lange Tradition an diesem Ort, das helfe dem Betrieb; außerdem besitze sie eine Immobilienfirma in Massachusetts. Auch das hilft.

Ohne Startvermögen ist es schwer, in Palästina ein Unternehmen zu gründen, erst recht eine Brauerei. 1,5 Millionen Dollar habe er im ersten Jahr investiert. „Als ich zur Bank ging, um nach einem Kredit zu fragen, haben sie mich ausgelacht.“ Nadim Khoury studierte in Boston Wirtschaftswissenschaften, später Brauereiwesen in Sacramento. Fast 15 Jahre lebte er in den USA, bevor er nach Palästina zurückkehrte; seinen Sohn Canaan schickte er zum Studium nach Harvard. „Er könnte einen 100 000-Dollar-Job bekommen.“ Aber er soll es nicht so machen wie die vielen Palästinenser, die im Ausland ein Vermögen scheffeln. „Sie sagen, sie warten auf Frieden und bessere Bedingungen. Aber wer soll die schaffen, wenn nicht wir?“

Khoury zeigt über die grünen, saftigen Hügel. Nebenan, auf dem höchsten Berg der Westbank, thronen die Satellitenanlagen des israelischen Militärs. „Wenn die Maschine ein Etikett verkehrt herum auf eine Flasche klebt, wissen die das wahrscheinlich vor mir.“ In die andere Richtung öffnet sich die Ebene nach Süden. Jerusalem ist gut erkennbar. Aber um das Bier dorthin zu bringen, sagt Khoury, „müssen wir 300 Kilometer zum Checkpoint nach Hebron fahren. Jedes Fass legen sie unter die Röntgenmaschine.“ Das kann einen halben Tag dauern. Wenn es heiß ist, kippt das Bier, „da kann der Fahrer gleich wieder umkehren“.

Jenseits des Tales, in dem die Khourys Oliven pflanzen, markieren Container den Außenposten der jüdischen Siedlung Ofra. Siedlungen haben den Erstzugriff auf das Wasser. „Im Sommer müssen wir den Braubetrieb danach richten, wann die Siedler weniger Wasser verbrauchen.“ Aus Ofra holte sich Khoury auch einen Rabbi, damit er ihm ein Koscher-Zertifikat ausstellt. „2000 Euro. Totale Geldverschwendung“, sagt Khoury. „Israelis, die in die Bar gehen, scheren sich den Teufel, ob das Bier koscher ist oder nicht.“

Aber am schwersten, sagt er, habe er es mit seinen Landsleuten. „Ich verstehe sie nicht. Sie gehen in Ramallah in eine Bar und kaufen Goldstar, ein israelisches Bier. Warum? Weil es ein paar Schekel billiger ist. Warum kaufen sie nicht Taybeh, das schmeckt besser und es stützt ihre Wirtschaft. Sie behaupten von sich, Patrioten zu sein, und kaufen billige Hosen aus China, während in Nablus und Hebron die Textilindustrie stirbt.“ Die Palästinenser sollten aufhören, immer Israel für alle Missstände zu beschuldigen, sosehr dies meist auch stimme. „Wir müssen selber unser Land aufbauen. Wir brauchen Unternehmer, die hier produzieren.“

In der Halle klirrt Glas. Ein Transportstau. Khoury drückt einen roten Stopp-Knopf, ruckelt an den Flaschen, krabbelt unter das Band, holt einen Besen. Dann stapelt er die Bierkisten auf eine Palette, sechs Reihen übereinander, fährt die Palette mit dem Handwagen in die andere Ecke der Halle, holt eine neue. Hastig wischt er sich mit dem Ärmel über die hohe Stirn. Anwar, einer der Arbeiter, sei Moslem, der habe zu Hause schon Ärger bekommen, weil er hier arbeitet. Aber in der Region ist die Hälfte der Menschen arbeitslos, wählerisch kann man da nicht sein. Ein islamischer Fernsehprediger habe kürzlich gesagt, ein Schluck Bier dann und wann sei mit dem Koran vereinbar. Ein Zeitungsartikel mit dessen Bild hängt zum Beweis an der Wand, daneben eine Madonna mit Kind.

Khoury, der Christ, hat es nicht leicht mit seinen muslimischen Landesgenossen. Seit der zweiten Intifada zwischen 2000 und 2005 sind die religiösen Kräfte stärker geworden. Durch den Krieg ging seine Firma fast pleite, das Erstarken der Religiösen hat aber auch nach den Kämpfen fortgewirkt. Die Hamas und andere Gruppen wollen in Palästina einen islamischen Gottesstaat errichten, in dem Alkohol verboten ist. Zur Besänftigung entwickelte Khoury ein alkoholfreies Bier. Das Etikett ist als Einziges arabisch beschriftet; und es ist grün, wie die Farbe des Islam. „Bierdiplomatie“, sagt Khoury. Aber nicht nur das. Er will auch Geld. „Auf der Welt leben 1,6 Milliarden Moslems. Viele von ihnen mögen den Geschmack von Bier. Aber nur unser alkoholfreies schmeckt auch wirklich so.“

Khourys Tochter Madis ist gekommen. Sie studiert Wirtschaft in Ramallah und ist mit 24 Jahren eine Art Junior-Chefin der Brauerei. Im T-Shirt, das schwarze Haar locker zu einem Pferdeschwanz gebunden, steht sie am Ende der Abfüllanlage und sortiert Flaschen in Pappkartons. Ihr Englisch ist fließend wie das ihres Vaters. In Boston geboren und auf dem College gewesen, kann sie sich, sagt sie, nichts Besseres vorstellen, als in dieser Lagerhalle Bier zu brauen. Ein paar Minuten könne sie Pause machen, sagt sie und schaut auf ihre Rolex.

„Um fünf Uhr stehe ich auf, gehe in die Brauerei, dann lerne ich, fahre in die Uni und anschließend wieder in die Brauerei.“ In Ramallah mit seinen Kneipen, Geschäften und vielen jungen Leuten will sie nicht leben. „Zu viel los. Und zu weit weg vom Betrieb.“ Sie will diversifizieren, sagt sie, mehr Produkte anbieten. Über ein Winterbier denkt sie nach, über ein Sommerbier. „Mein Vater sagt, die Menschen kennen so etwas nicht, sie würden es nicht kaufen. Ich sage: Natürlich nicht. Denn was es nicht gibt, kaufen die Leute erst recht nicht.“

Um sich besser zu vermarkten, veranstaltet die Brauerei seit 2005 jedes Jahr ein Oktoberfest, mit Festzelt, Bierbänken und Hähnchen am Grill. 2008 spielte die Dürnbacher Blaskapelle aus Oberbayern auf. Tausende kamen, auch Kunden aus Israel, die sich sonst nicht in die palästinensischen Gebiete trauen. „Israelis und Palästinenser saßen an einem Tisch und haben miteinander getrunken. Wo gibt es das sonst?“

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