Essen und Trinken : Land in Sicht

Zwei Medienprofis haben umgesattelt: Dieter Moor ist der bekannteste Hilfsknecht Brandenburgs – dort züchtet seine Frau Sonja Wasserbüffel und Rinder. Ein Besuch auf ihrem Hof.

Norbert Thomma
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Sonja Moor und der kleine Wasserbüffel Gandalf.Foto: Mike Wolff

Der kleine Gandalf macht Kummer. Seit seine Mutter gestorben ist, muss er von Menschenhand gefüttert werden. Aus Plastikflaschen mit dem Aufdruck „Speedy Feeder“ säuft er gierig Biomilch. Er steht auf dünnen Beinchen in einem Unterstand aus Holz, vor sich brauner Matsch, hinter sich weites, grünes Brandenburger Land.

Gandalf ist ein Wasserbüffel, vor zwei Wochen geboren, schwarzes Fell. Es ist Sonja Moor, die sich da sorgt. Eine Kuh notschlachten ist schon blöd genug, jetzt macht auch noch das Kälbchen Stress. Die Bäuerin müsste es mit einer anderen Mutter im Stall arretieren, damit es sich in Ruhe an die neuen Gerüche und Töne gewöhnen kann. Aber Gandalf hat gerade keinen Bock.

Also schwingt sich Sonja Moor in ihren Chrysler und fährt die anderen Weiden ab, wie immer früh am Morgen, „um sechs Uhr muss ich auf Betriebstemperatur sein“. Hinten drin im auberginefarbenen Van lärmen drei Hunde.

An einem Elektrozaun hält der Wagen, Moor hängt zwei Drähte aus, schlüpft durch, die Hunde rennen los. Zwischen Büschen und Bäumen steht urzeitliches Getier: gedrungene Büffel mit geschwungenen Hörnern, kompakte Gallowayrinder. Wohlgefällig schaut sie sich die Szene an, Sonja Moor, 51, aufgewachsen in Wien, gewesene Filmproduzentin, Grafikerin, Fotohändlerin, Geschäftsführerin ... „In allen früheren Jobs habe ich die Sinnfrage gestellt, jetzt nicht mehr.“

Das Zentrum ihrer neuen Welt ist Hirschfelde, ein Dorf nahe Strausberg, 230 Einwohner, ein Gasthaus, ein Weiher, ein Kirchlein und an der Durchgangsstraße unauffällig verputzt die Nr. 14, der Modellhof Moor: Wohnhaus, Stall, Scheune.

Moor geht mit hastigem Schritt in die Küche, füllt Bio-Ziegenmilch in Nuckelflaschen, draußen macht es „Mäh!“, und schon saugen zwei Lämmer mit schmatzendem Geräusch. In ihrem niedrigen Gatter wachsen Pflaumen, Birnen, Kirschen. Zwischen zwei Bäumen ist eine Hängematte gespannt, lange unbenutzt, verblichene rot-weiße Baumwolle, voll mit heruntergefallenen Blüten und Beeren.

Am großen Küchentisch programmiert ein Techniker die Etikettiermaschine neu. Wer Fleisch verkaufen will, braucht so was. Sonja Moor zündet die nächste Zigarette an und füllt sich Milchkaffee in einen gelben Pott. Sie trägt abgeschnittene Jeans zum gelben Hemd, die Beine sind zerkratzt und voll blauer Flecken, ihre Hautfarbe ist die eines Menschen, der sich viel im Freien aufhält. Über der Spüle hängt eine Fotoserie mit Marilyn Monroe.

Sonja Moor raucht und redet, sie redet und raucht, sie erzählt von Zuchtlinien und Tierschutzverordnung, von Fettgehalt der Milch und Marktgesetzen, von Urbarkeit und Wertschöpfungsketten, und irgendwann wird einem klar, dass es hier um mehr geht als um Bio und um gesundes Fleisch, dass es ums Ganze geht: ums Leben.

Die Natur soll gepflegt werden, Arbeitsplätze sollen entstehen, die Erde soll sich regenerieren, Städter sich erholen, Kultur blühen. Die Bäuerin spricht mal philosophisch („Man kann die Dinge nicht denken“), mal pragmatisch („Ein Landwirt muss Reibach machen“).

Heiko tritt kurz ein, grüne Gummistiefel und blaue Latzhose, der einzige landwirtschaftliche Mitarbeiter, er bringt frohe Kunde: Kälbchen Gandalf wurde zur Herde gelockt, dort steht es nun zwischen den anderen Wasserbüffeln und scheint sich wohlzufühlen.

Nun kommt auch Dieter Moor in die Küche, Kippe im Mundwinkel, die grauen Haare wellig zurückgekämmt, die Jeans und das weiße T-Shirt fleckig. Er setzt den Kaffeeautomaten in Gang, nimmt eine Brezel, streicht Ziegenkäse drauf.

So steht er, 51, kauend am Herd, bekanntes Fernsehgesicht, bei Zürich aufgewachsen, gelernter Schauspieler, er moderiert sonntags Titel, Thesen, Temperamente, fährt für den RBB durch Brandenburg („Bauer sucht Kultur“) und trifft dabei Prominente in ihren Datschen und Landhäusern, er macht Sendungen in der Schweiz und in Österreich; wenn Frank Plasberg einen Experten für ländlichen Tourismus sucht, holt er Moor in seine ARD-Sendung. Moor ist zwar gar nicht der Bauer, er gibt ihn für die Öffentlichkeit, er ist ja Entertainer, er sagt lachend: „Ich bin hier Knecht und Traktorist.“ Hinter ihm schaut man durch die offene Tür ins Wohnzimmer, wo volle Bücherregale bis zur Decke stehen.

Hirschfelde ist das gemeinsame Projekt der Eheleute Moor, und sie haben Vergnügen an der Formulierung: Wir machen beide unser Heu, Sonja auf den Wiesen, Dieter in den Medien.

Es ist ein stetig wachsendes Projekt. Angefangen hat es vor fünf Jahren mit elf Mutterschafen und zwei Hektar Land; nun stehen 60 Großtiere, 20 Kälber und 70 Schafe auf 65 Hektar Eigentum, 80 weitere Hektar stehen als Weideland zur Verfügung. Sonja Moors Ziel sind 100 Büffel und 100 Rinder, das braucht noch mehr Fläche – „und wir sind schon verschuldet bis zum Tod“. Da zuckt der Gatte ein wenig, ganz so sei es nicht; bis 2014 solle sich die Landwirtschaft selbst tragen und von 2019 an „bescheiden etwas abwerfen“. Lea springt auf den Tisch, die schwarze Katze, und schnuppert an den leeren Tassen.

Sonja Moor führt einen später über die Weiden, die Feldwege sind von Brennesseln gesäumt. Sie zeigt die großen Wasserlöcher, in denen die Büffel sich suhlen, die brauchen das zur Regulierung ihrer Temperatur. Sie zeigt den offenen Behandlungsstall für Klauenpflege, Parasitenbehandlung, Impfungen, das Markieren. Sie zeigt im großen offenen Unterstand den Salzleckstein und den Leckeimer mit den Mineralien, das sei das Einzige, was die Tiere zusätzlich bekämen. Ihre Nahrung finden sie ansonsten selbst, im Winter fressen sie Heu von den eigenen Wiesen.

Gallowayrinder und Wasserbüffel sind robuste Tiere, ganzjährig draußen bei Wind und Wetter, seit Tausenden von Jahren im schottischen Hochland und in Süditalien (ja, die mit dem Mozzarella) gezüchtet. Es sind Naturschützer. Sie halten das Land offen und licht für anderes Getier. Die Bäuerin bückt sich und rupft Jakobs-Geiskraut aus dem Boden, eine hochgiftige Pflanze. Und nebenbei lässt sie Sätze fallen wie „Schafkot ist Goldstaub“ oder „Ethik und Geschäft müssen vereinbar sein“.

Dies ist mehr als eine spinnerte Idee von Stadtneurotikern. Sonja Moor meint es ernst, sie hat sich noch mal auf die Schulbank gesetzt und in Seelow eine Ausbildung zur Landwirtin abgeschlossen, Fachgebiet Tierzucht; vom Traktorführerschein bis zum eigenhändigen Schlachten alles dabei. Ohne dieses Zertifikat bräuchte sie bei Banken gar nicht nach Krediten zu fragen. Sie möchte demnächst noch die Befähigung für den „Kugelschuss auf der Weide“ machen, damit will sie den Tieren den Stress beim Transport zum Schlachter ersparen. Sie sei, sagt sie, „eine bekennende Befürworterin des Lebens vor dem Tod – auch für Kühe und Bullen“. Und weil am Ende schmecken soll, was irgendwann einmal auf dem Teller landet, gehört zur Moor’schen Praxis auch das sorgsame Reifen des zerlegten Fleisches in einer Kühlkammer.

Sonja Moor geht zu Neviator, dem weißen Zuchtbullen mit dem massiven Schädel, gute 1000 Kilo friedlich Gras fressende Kraft, Besamer der Galloways per „Natursprung“. Sie klopft dem Trumm auf den Rücken.

War all das mal – ihr Traum? „Kein Mensch mit 45 Jahren träumt von einer Siebentagewoche.“

Die Moors hätten es einfacher haben können. Gut verdienende Kulturschaffende mit Eigentumswohnung und Terrasse mit Seeblick in Zürich, wo sie zuletzt wohnten. Abends eine Vernissage und Prosecco. Stattdessen schwärmt Sonja Moor von vier Kilometer neuen Hecken, die auf dem ehemaligen LPG-Land gesetzt wurden, von Igeln, Hasen und Mistkäfern, die nun wieder zu sehen seien, von Würmern so groß wie Blindschleichen, welche Kanäle bohren für Luft und Wasser, das im Winter friert und die unteren Schichten der Erde aufsprengt ... Sie schaut auf Kiefern, Weißdorn, Schlehe, sie deutet auf eine neue Scheune in der Ferne und sagt: „Dafür hab’ ich mein Häuschen auf Gomera verkauft.“

Anstelle der Kanaren und Helvetien nun also Brandenburg. Dieter Moor hatte nahe Berlin Anfang des neuen Jahrtausends einen Film gedreht, und er kam zurück mit der Botschaft: Sonja, dort gibt es Land, viel Land! In der kleinen Schweiz wäre Viehzucht für Neueinsteiger nicht zu finanzieren gewesen. So sind sie umgesiedelt, mit Sack, Pack und zwei Eseln.

Es ist früher Nachmittag und die Sonne hat längst den Morgennebel verjagt. Am Bauernhof sind Autos vorgefahren, junge Leute steigen aus, schrauben Kameras auf Stative. Sie haben auch den grünen VW 1600 mitgebracht, in dem Dieter Moor wie stets stilvoll durch die RBB-Sendung „Bauer sucht Kultur“ gondeln wird.

Der Medienmann muss gleich los, wieder frisches Heu machen, auf seine Art.

Die Moors sind am 12. und 13. September (10–18 Uhr) auf dem Brandenburger Spezialitätenmarkt der Domäne Dahlem, Königin-Luise-Straße 49, anzutreffen.

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