Essen und Trinken : Unter Dampf

Ihr Roman „Brick Lane“ war ein Bestseller. Für ihr neues Buch wagte sich Monica Ali in die Hitze der Hotelküchen. Eine Begegnung in London.

Susanne Kippenberger
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Monica AliFoto: Droemer

Gabriel Lightfoot, was für ein Name! Nur passt er schlecht zu dem, der ihn trägt. Alles andere als ein Leichtfuß, trägt dieser Gabriel schwer am Leben, das ihm immer mehr entgleitet. Und wenn er ein Engel ist, dann ein gefallener. Kaum hat er Lena, das Küchenmädchen, entlassen, nimmt er sie bei sich auf, um ihr zu helfen und sie dann zu seiner Geliebten zu machen, mit der er seine Verlobte betrügt.

Gabriel – Gabe wie ihn alle nennen – ist die Hauptfigur in Monica Alis neuem Roman „Hotel Imperial“, der im Original treffender „In the Kitchen“ heißt. Denn in der Londoner Hotelküche spielt sich die Geschichte zum größten Teil ab, die mit einer Leiche im Keller beginnt: Ein Mitarbeiter aus der Ukraine ist ermordet worden.

Man kann sich Monica Ali selber gut in der Restaurantküche unter Dampf vorstellen. So zierlich die 41-Jährige ist, so zäh ist sie auch. An diesem Montagabend zum Beispiel hätte sie eigentlich Besseres zu tun als sich mit einer Journalistin in einem libanesischen Restaurant in Belgravia zu treffen. Nach einem halben Jahr Leben quasi im Exil, während ihr Haus renoviert wurde, ist die vierköpfige Familie am Wochenende nach Hause zurückgezogen – auf eine Baustelle, denn natürlich sind die Handwerker nicht fertig geworden.

Etwas zu früh zur Verabredung gekommen, ein Glas Rotwein schon vor sich, ist sie froh, wie sie sagt, ein paar Minuten allein mit ihrem Notizbuch gehabt zu haben. Einfach so dasitzen und einen Moment des Nichtstuns genießen, auf die Idee käme sie wahrscheinlich nicht. Sie muss doch hundemüde sein! Die Frage bürstet sie ab. „Ich weiß, was müde heißt.“ Aus der Zeit, als sie „Brick Lane“ schrieb, den Roman, der sie 2002 schlagartig bekannt und die gleichnamige Straße im Londoner East End zur Touristenattraktion machte. An dem Buch, das für den renommierten Booker Prize nominiert wurde und inzwischen auch verfilmt worden ist, hat sie gearbeitet, als sie mit einem Zweijährigen und einem Säugling zu Hause saß, das Baby nicht schlafen wollte, und das Muttersein sich so gar nicht märchenhaft anfühlte. „Ich wollte etwas Konstruktives aus der Schlaflosigkeit machen“, ist ihre fast trotzige Erklärung. Also setzte sie, die in Oxford Philosophie und Politik studiert hat, sich an den Schreibtisch und schrieb.

Ein Jahr lang hat Monica Ali intensiv recherchiert für ihr neues Buch, Jahre vorher schon hat sie Berge von Büchern zum Thema gelesen. Die paar, die sie im Abspann erwähnt, darunter Anthony Bourdains „Geständnisse eines Küchenchefs“ und Hervé This’ „Molecular Gastrononomy“ sind nur „die Spitze des Eisbergs“. Fachbücher für die Gastronomie hat sie gelesen, Handbücher für die Patisserie, philosophische Werke, politische Studien über moderne Sklaverei. „Ich bin besessen.“ In verschiedenen großen Londoner Hotels ist sie gewesen, hat mit allen gesprochen, vom Hotelmanager bis zur Rezeptionistin. Aber von Anfang an war klar, dass der Roman in der Küche spielen würde, für Ali der faszinierendste Ort. Und ein sehr britischer: „Die Engländer sind verrückt nach Promiköchen.“ Aber auch wenn Gordon Ramsay, der erfolgreichste unter den Fernsehköchen, ordentlich schwitzt und flucht vor der Kamera, sie hatte „das Gefühl, dass es immer noch eine geschönte Version ist“. Die Realität, wie sie sie in ihrem Roman darstellt, ist heftig.

Mit Bedacht hat sie sich kein normales Lokal als Schauplatz ausgesucht, sondern eine Hotelküche: weil es ein besonders großer, internationaler Arbeitsplatz mit komplexen Aufgaben ist, Frühstück, Lunch und Abendessen, Tea Time, Room Service, Mitarbeiterkantine und Bankett. Was die Schriftstellerin gereizt hat, war nicht das Essen, das kaum eine Rolle spielt im Roman. Wie viele Küchenchefs setzt Gabriel sich selten zu einem richtigen Mahl hin, schiebt sich nur schnell einen Schokoriegel in den Mund. Immer wieder fragt er sich und andere, warum er überhaupt Koch geworden ist. Denn selbst zum Kochen kommt der Küchenchef vor lauter Organisation und Meetings und Personalmanagement selten. Nur wenn der Käselieferant vorfährt, flammt noch etwas wie Begeisterung, ja Liebe zu den Produkten, etwas Sinnlichkeit auf.

Nein, was Ali fasziniert hat an der Küche, waren die Menschen dort. Und ihre Geschichten. Die Küche ist ein Kosmos für sich, ein Spiegel der Gesellschaft. Gabriel ist einer der wenigen Engländer dort, die Angestellten kommen aus der ganzen Welt, und, so hat Monica Ali festgestellt, „je tiefer in der Hierarchie sie stehen, desto dunkler die Hautfarbe“.

Die Schriftstellerin ist selbst die Multikultur in Person. Als Tochter eines bengalischen Vaters und einer englischen Mutter in Bangladesh geboren, ist sie in einer Kleinstadt im Norden von England aufgewachsen – wo auch Gabriels Vater lebt, das heißt im Sterben liegt.

In den Hotelküchen hat sie richtig hospitiert, und so am eigenen Leib erlebt, was für ein Knochenjob das ist. Sie hat unter der unglaublichen Hitze gelitten, hat den enormen Druck gespürt, war fasziniert von der Besessenheit vieler Köche. „Sie waren am glücklichsten, wenn ganz viel zu tun war.“ Großen Respekt habe sie bekommen vor denen, die dort den ganzen Tag und die halbe Nacht auf den Beinen sind. Und sie hat mit vielen Leuten gesprochen – und diese mit ihr. „Da ist ein großer Widerwille zu erzählen und gleichzeitig eine große Sehnsucht danach.“ Die Menschen haben Angst, ihre Geschichten preiszugeben, weil diese oft schmerzhaft sind, von Völkermord in Afrika handeln, von Zwangsprostituierten aus Osteuropa, von einer Zeit vor der Flucht, als jemand noch als Arzt arbeitete. Viele haben auch einfach Angst, weil sie illegal arbeiten.

Es ist kein Wunder, dass die Menschen Monica Ali ihre Geschichten erzählt haben: Sie ist jemand, der zuhören kann, Empathie mitbringt, von Natur aus interessiert ist. Auch beim Interview scheint sie mehr Lust zu haben, Fragen zu stellen als zu beantworten.

Ein weiterer Grund, warum die Menschen ihr wahrscheinlich ihre Geschichten anvertrauen: weil sie kein Aufheben macht um ihre Person. So wenig wie ums Essen. Es spielt, wie sie sagt, eine große Rolle im Leben, auch in ihrem natürlich. Monica Ali kocht gerne und oft, auch am Wochenende hat sie trotz Umzugschaos keine Pizza bestellt, sondern hat sich an den Herd gestellt, um Lammragout mit Aprikosen und Couscous zu kochen, das hatten sich die Kinder gewünscht. „Sie haben gerade ihre marokkanische Phase.“ Die beiden sind abenteuerlustige Esser, der zehnjährige Sohn hat’s gern scharf, die achtjährige Tochter isst sogar die Augäpfel von Fischen. Erziehungssache wahrscheinlich. „Ich halte nichts von pingeligem Essen.“ Und so wie sie das sagt, ist klar, dass es an ihrem Küchentisch keine langen Diskussionen gibt.

Besonders gern kocht Monica Ali Curry, das hat sie von ihrer Mutter geerbt, die es wiederum in Bangladesch gelernt hat. Die Autorin hat ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Familie, zu ihrem Bruder, einem Wissenschaftler, der an der Uni lehrt, zu den Eltern, die nach London gezogen sind, um näher an Kindern und Enkeln zu sein. Alle wohnen nur zehn Minuten voneinander entfernt.

Die Schriftstellerin hat Hunger, den ganzen Tag hat sie nichts gegessen, bestellt im Noura lauter kleine Tellerchen mit Mezze für uns hin: Teigtäschchen mit Tomatenfüllung, Fisch mit Paprikanusssauce, Hühnerleber, Gemüse süßsauer. Das Teilen, das ist etwas, was ihr beim Essen besonders gefällt. Mit ihrem dekolletierten schwarzen Pullover, ihrer lässigen Eleganz, der üppigen silbernen Kette passt sie gut in das edle Lokal. Die Kette hat nur 11,50 Pfund gekostet, verrät sie stolz. Sie isst mit Lust, aber nicht allzu viel.

Ihr Gabriel ist ein moderner Mann: In keiner Gemeinschaft verwurzelt, hat er seine Jobs so oft gewechselt wie seine Freundinnen. Er liebt London, sagt Monica Ali, „weil es ihm alle Freiheiten lässt“, und wird gleichzeitig gepackt von der Sehnsucht nach Stabilität, einer eigenen Familie, dem Traum vom eigenen Restaurant. Ein großes Thema des Romans ist die Arbeit, die Ali minutiös beschreibt, die Arbeitsmoral.

Für die Schriftstellerin ist „In the Kitchen“ ein Buch über Glaube, Liebe, Hoffnung. Am Anfang glaubt Gabriel an niemanden, weder an sich noch an andere.“ Das muss er erst lernen. Bei Oona zum Beispiel, seiner Stellvertreterin, die jeder Krise erst mal mit einer schönen Tasse Tee begegnet, und die ihm mit ihrer Langsamkeit, auch ihrem naiven Glauben oft auf die Nerven geht. Zum Beispiel bei ihrer Debatte über Vanillesauce. Gabriel glaubt an die chemischen Gesetze: Wenn man alles richtig macht, dann klumpt die Sauce auch nicht, basta. Oona weiß es besser: „Manchmal soll es einfach nicht sein.“ Oona, die auf einer realen Frau basiert, die Ali bei ihren Recherchen kennengelernt hat, ist die Figur, die ihr beim Schreiben am meisten Spaß gemacht hat. Sie ist die gute Seele des Ladens, die allen hilft, auch Gabriel den Rücken deckt, und die er allmählich zu respektieren lernt.

Es ist laut im Restaurant, Monica Ali scheint das nicht zu stören. Aber nie würde sie sich zum Schreiben in ein Café setzen. „In meinem Kopf ist dann schon so viel Krach, da brauche ich nicht noch mehr um mich rum“, sagt sie mit ihrer leicht rauchigen Stimme. Lieber arbeitet sie in der Badewanne. „Da ist man auf einen kleinen Raum reduziert, es gibt keine Ablenkungen, kein Telefon.“ Dass sie sich selber ablenkt, kommt ohnehin nicht vor. Weil sie als berufstätige Mutter so wenig Zeit hat, nutzt sie sie. „Ich bin sehr diszipliniert. Ich arbeite sehr hart.“ Auch das hat sie mit den Köchen gemeinsam.

Monica Alis Roman „Hotel Imperial“ ist bei Droemer erschienen (aus dem Englischen von Anette Grube, 553 Seiten, 19,95 Euro). Am Montag um 19.30 Uhr liest die Autorin im Rahmen des Berliner Literaturfestivals daraus: im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24.

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