Essen&Trinken : Die Verwurstung der Welt

Ruedi Widmer und seine komischen Fotopaare: Wie der Grafiker die Realität mit Fleisch nachstellt.

Interview: Norbert Thomma
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Am Haken: Als Ruedi Widmer die Tierleiber im Schlachthof sah, dachte er: Garderobe!-Foto: Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Brikett-Verlags

Herr Widmer, sind Sie eigentlich Vegetarier?

Nein, im Gegenteil. Ich esse sehr gerne Fleisch.

Sie haben über Jahre immer mal wieder nach Fotos von Wurst und Fleisch gesucht. Da ist Ihnen der Appetit nie vergangen?

Ich habe üble Sachen gesehen. Besser nicht daran denken, was mit Tieren alles gemacht wird. Ich habe meist vor dem Mittagessen recherchiert.

Szenen aus der Realität mit Fleisch nachstellen – wie sind Sie auf diese absurde Idee gekommen?

Ich habe die hängenden Tierleiber im Schlachthof gesehen, und mir sind dann die Kleider in der Garderobe in den Sinn gekommen.

Ist zuerst das Fleisch da oder die Wirklichkeit?

Das Fleisch. Ich sah das Bild mit den gebogenen Bratwürsten und habe die Leichtathletikbahn dazu gesucht. Ich kehre das dann um und behaupte einfach, ich würde die Realität mit Fleisch nachstellen – das ist eben der Witz.

Es muss ewig dauern, solche Bildpaare zu finden.

Nein. Ich habe gut 1000 komische Bilder im Computer, und dazu suche ich wie jeder andere mit Google. Die ersten der Serie entstanden in einer Stunde, es ist geflossen, war sehr lustig, ich habe mich richtig reingesteigert in so einen Rausch …

… einen Fleischrausch?

Gibt es den? Ja, so könnte man es beschreiben.

Haben Sie ein Lieblingspärchen?

Der Bodybuilder und der Hefezopf. Da stellt ein menschlicher Körper das Fleisch dar und sieht ekelig aus, der Zopf ist schön. Diese Verbindung ist für mich eine Steigerung der Komik.

Sie sind gelernter Grafiker. Was machen Sie an einem ganz normalen Tag?

Ich zeichne für verschiedene Schweizer Zeitungen Witze. Ich bin Cartoonist. Aber nicht so einer, der die spitze Feder schwingt, ich gehöre mit 36 zur jüngeren Generation, ich arbeite mit dem Computer. Mich interessiert auch die Bildmontage oder eine assoziative Bilderkette. Es gibt von mir die Serie „Politiker sind Tiere“.

Was zeigen Sie da?

Roland Koch neben einem Fisch, der genau so ausschaut …

… über Koch lässt sich viel Schlechtes sagen, nur wie ein Fisch sieht er nicht aus.

Doch! Es geht um den Ausdruck des Gesichts. Ich habe ein Motiv gefunden, da schnappt er nach Luft wie ein Fisch. Egon Krenz ähnelte einem Tapir, Wolfgang Thierse einem Orang-Utan.

Mensch-Tier-Vergleiche sind verboten.

Mir nicht. Selbst wenn ein Politiker ein Esel ist, kann er in einem kurzen Moment wie ein Affe dreinschauen.

Schweizer gelten in Deutschland als humorlos.

Der Schweizer Humor ist skurril und hat keine erkennbare Pointe. Wir haben aber einen komischen Kern. Ich habe Lesungen gemacht, mit Zeitungsausschnitten und Schnipseln aus dem Internet – da wurde viel gelacht, in ländlichen katholischen Gebieten am meisten. In den Städten sind die Leute weniger lustig: Zürich lacht nicht.

Es gab einen politischen Streit in der Schweiz, ob zu Moscheen auch Minarette gebaut werden dürfen. Könnten Sie das mit Fleisch abbilden?

Ich würde als Moschee einen Braten im Teigmantel nehmen und als Minarett eine spitze Wurst.

Welches Gericht könnten Sie jeden Tag essen?

Spaghetti mit Tomatensoße.

Ruedi Widmer: „Die Wirklichkeit, mit Fleisch nachempfunden“ (9,50 Euro, 64 S.) Zu bestellen in jeder Buchhandlung oder beim Brikett-Verlag.

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