Essen&Trinken : Eiskalt erwischt

Frozen Yogurt ist wie Softeis, nur ganz anders: frischer, säuerlicher, leichter. Und erst die Toppings! Bericht über die neue Joghurt-Kultur in Berlin

Frozen Yogurt ist die perfekte Erfrischung in der Sommerhitze.
Frozen Yogurt ist die perfekte Erfrischung in der Sommerhitze.Foto: Young Jun

„Nö!“ Die Schwarzhaarige guckt so empört, als würde sie gleich mit den Füßen aufstampfen. Zielstrebig war sie auf den kleinen grünen Wagen am Monbijoupark zugesteuert: die Rettung! Was Kaltes. Und dann sagt der junge Mann, der Erste Hilfe leisten soll, das böse Wort: ausverkauft. Es ist ihm furchtbar unangenehm, er entschuldigt sich von ganzem Herzen, aber es hilft nichts. Die 120. Portion hat er gerade vergeben, mehr passen nun mal nicht in die Maschine rein, mehr kommen dann auch nicht raus. Beleidigt dreht sich die Frau um und zieht wortlos ab.

Seit ein paar Wochen erst beliefert Matthias Schwach Berliner und Besucher mit Frozen Yogurt: Joghurt, Milch und Zucker aus der Softeismaschine und obendrauf frische Erdbeeren oder Nektarinen, Smarties oder Plätzchenkrümel. Und schon weiß der 35-Jährige nicht mehr, wie er die Nachfrage befriedigen soll. Bereits die erste Anlaufstelle, mittags vor der Mensa Nord, erwies sich als Instant-Hit, der Monbijouplatz ist sein zweiter Stammsitz, er wird für Sommerfeste engagiert, heute morgen stand er mit seinem „Yo’munchy“ vor einer Firma, deren Chef seinen Mitarbeitern eine Erfrischung spendieren wollte.

Möglichweise ist Frozen Yogurt bald das, was Sushibars mal waren, der letzte Schrei. Auch wenn hierzulande nur wenige wissen, was das ist, für die meisten ist es Liebe auf den ersten – ja, was denn: Biss? Dazu ist er zu cremig. Schluck? Dazu wiederum ist er zu fest. Frozen Yogurt ist wie Softeis, nur anders. Besser. Frischer. Säuerlicher. Leichter. Ohne künstlichen Beigeschmack. Gesünder? Ein bisschen schon. Gefühlt auf jeden Fall.

Und weniger Kalorien als Eis hat es auch. 120 die kleine Portion, sagt Young Jun, wenn er gefragt wird. Was Frozen Yogurt ist? Kein Eis!, darauf legt der Betreiber des „yoli“ größten Wert. Deshalb gibt’s in seinem Laden in Mitte die nicht zu süße Süßigkeit, die ohne Eigelb und Sahne auskommt, bei ihm auch auf keinen Fall im Hörnchen. Die Botschaft des studierten Kommunikationswissenschaftlers und Marketingexperten: Es ist was Neues.

Seine fertige Joghurt-Mischung liefert ihm eine Molkerei, nach seiner (top-geheimen) Rezeptur. Aber das reicht nicht. Die weiße Speise lebt von der Krönung: dem Topping. Die kann sich jeder selber zusammenstellen. Auf einer gekühlten Glasplatte stehen 30 Metallschüsseln, gefüllt mit frischen, klein geschnittenen Himbeeren und Erdbeeren, Blaubeeren und Johannisbeeren, Mango und Papaya, Mandeln, Marshmallows und Krokant und süßen Saucen, auch wenn die eigentlich gar nicht vorgesehen waren. „Aber Deutschland ist ein Saucenland“, seufzt der in Deutschland geborene Sohn koreanischer Eltern.

Als der 33-Jährige im letzten Oktober seinen Laden in der Invalidenstraße, Ecke Chausseestraße eröffnete, kamen erst mal vor allem Ausländer oder Berliner, die den gefrorenen Joghurt von anderswo kannten: aus Israel, Australien, Italien und vor allem aus den USA. Dort war er schon in den 70er, 80er Jahren ein Renner, „Can’t believe it’s Yogurt“ hieß eine beliebte Kette. Kein Wunder: Es war ja oft auch keiner. Das Zeug, das da aus Pulvern angerührt wurde, schmeckte ziemlich künstlich, nach viel Vanillearoma.

Die neue Welle, die nun auch nach Deutschland rüberschwappt, nahm ihren Anfang vor fünf Jahren in West Hollywood, wo Pinkberry den ersten von inzwischen Dutzenden coolen Läden eröffnete, kalorien- und modebewusste Promis wie Paris Hilton anzog – und damit, wie die Firma erklärt, den Frozen Yogurt neu erfand.

Das aber, halten Koreaner dagegen – und haben deswegen auch gegen die kalifornische Kette geklagt –, hätten sie doch getan. In Korea fing die Mode schon vor 10, 15 Jahren an, in etwas anderer Form und mit süßer Bohnensauce serviert.

Young Jun ist noch nie in Kalifornien gewesen. Aber Hollywood ist nicht an ihm vorbeigegangen. In seinem Berliner Laden verkauft er weit mehr als einen Becher Erfrischung: ein ganzes Y yoliland, wie er es nennt. Jung, urban, geschmackvoll und ein bisschen gesundheitsbewusst. Lifestyle ist ein Wort, das Jun gerne benutzt.

Der Verkaufsraum ist nicht Kulisse, sondern Teil des Gesamtkonzepts. Anderthalb Jahre hat der Unternehmer daran gefeilt, zusammen mit einer Grafikerin und einem Architekten. Das frische, kühle Ambiente, in das man aus der grauen Straße tritt, die poppig bunten Tupfer an der Wand, die Theke aus Beton, die Stühle von Eames zum Schaukeln – selbst der Ventilator ist ein Designerteil, von Dyson. Juns Konzept ist ein puristisches: Es gibt nur eine Sorte, Natur, drei Bechergrößen, kein Kaffee oder Kuchen. Aber Smoothies kann man sich mixen lassen, aus dem Joghurt mit drei verschiedenen Beilagen 2500 verschiedene Kombinationen, hat Jun nach der Gaußschen Formel ausgerechnet, könnten sich die Kunden kreieren.

Auch Matthias Schwach hat ein Konzept: die Mobilität. Das ist sein Plus – und sein Minus. Der dreirädrige italienische Wagen, so lustig und verkehrspraktisch er ist, ist halt klein. Zusammen mit Freunden hat er ihn umgebaut, eine horrende Bastelaufgabe, „das hat mich viele graue Haare gekostet“. Die größte Herausforderung: die versteckte autonome Stromversorgung. Und nach 120 Portionen muss er wieder nach Hause flitzen, Milch, Joghurt und Zucker nachfüllen, neues Obst kaufen und bei der derzeitigen Hitze der Maschine ein paar Stunden Pause gönnen.

Schwach ist völlig neu im Gastro-Geschäft. Eigentlich hatte er bei Bloomberg in Frankfurt in der Wirtschaftsredaktion gearbeitet. Bis der Fernsehsender geschlossen wurde. Arbeitslos, besuchte er 2009 einen Freund in Los Angeles, die beiden saßen bei Pinkberry und überlegten, was er mit seinem Leben anfangen könnte, und witzelten: Warum nicht Frozen Yogurt? Ja, warum nicht. Nach monatelangem Probieren und Experimentieren war es dann im Juni so weit.

Young Jun hatte nicht zu wenig, sondern zu viel Arbeit, zwei Werbeagenturen, 100-Stunden-Wochen, seine Frau, die er in London kennengelernt hat und die heute mit hinter der Berliner Theke steht, hat er kaum noch gesehen. Er war reif für einen Wechsel.

Nicht nur in den USA, auch in Deutschland kann man sich heutzutage neu erfinden. Und wo besser als in Berlin, das sich zur deutschen FrozenYogurt-Hauptstadt entwickelt – inzwischen kann man es auch in Friedrichshain und Prenzlauer Berg kriegen, bei yobarca. Wo leben so viele kreative Leute wie hier? Die Besucher, die an diesem Mittwochmorgen hereinspazieren, entsprechen ganz dem Klischee, sind schön und jung, tragen kurze Kleidchen und High Heels, als wären sie geradewegs aus „Sex and the City“ hereinspaziert. Zwei Drittel der Kunden im yoli sind Frauen.

Dabei liegt die kühle Diele nicht im schicksten Teil von Mitte. „A charming spot in a not very charming area“, wie ein amerikanischer Journalist schrieb. An diesem Wochenende öffnet Jun seinen zweiten Laden, nicht größer als ein Schuhkarton, wie er sagt, dafür in bester Lauflage: in der Münzstraße. Diesmal zusammen mit einem Partner – der schon ein paar Sushibars betrieben hat.

Im nächsten Jahr, vermutet Young Jun, gibt es 10, 20 solcher Läden. Nur ein Problem müssen alle noch lösen: Was machen sie in ein paar Monaten? Der nächste Winter kommt bestimmt. Vielleicht kaufen die Berliner die eisige Creme dann zum Aufwärmen.

yoli, Invalidenstraße 112 und Münzstraße 11, www.yoli-berlin.de

www.yomunchy.com oder über Facebook

yobarca, Schönhauser Allee 122 und Simon-Dach-Straße 40, www.yobarca.com

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!