Zeitung Heute : Essenza

Rinderfilet mit Morcheln

Bernd Matthies

Ristorante Essenza, Potsdamer Platz 1, Berlin-Tiergarten, Telefon: 25 79 68 56, geöffnet täglich ab 11 Uhr.

Italienische Küche könnte so einfach sein. Beste Zutaten, unkompliziert verarbeitet, ohne verfälschende Aromen und aufblähende Dickmacher. Doch dazu gehört Handwerk. Und die, die es beherrschen, sind teuer – zu teuer für all jene Wirte, die ein italienisches Restaurant betreiben, weil in kaum einem anderen legalen Gewerbe so mirakulöse Spannen zu erwirtschaften sind: Man muss kein Experte sein, um abschätzen zu können, wie lächerlich billig die Zutaten für eine 10-Euro-Pizza oder einen ebenso teuren Teller Nudeln im Einkauf sind.

Dennoch gibt es immer noch ein paar italienische Wirte, die mit höherem Ehrgeiz antreten und für sich in Anspruch nehmen, die wahre Cucina italiana hochzuhalten. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich immer wieder: Es ist die spezifisch deutsche Touristenmischung, die größten Hits vom ganzen Stiefel.

Das ist auch beim „Ristorante Essenza“ nicht anders, dem Nachfolger des gescheiterten deutsch-bürgerlichen „Potsdamer Platz 1“. Die anfänglichen Ambitionen waren hoch, es trat wie meist in solchen Fällen Renzo Pasolini, der fliegende Holländer der Berliner Italo-Fress-Szene, als Küchenchef an. Doch er ist inzwischen längst am übernächsten Arbeitsplatz, und das „Essenza“ muss ohne sein Können auskommen. Das geht nicht besonders gut: Vitello tonnato, zwei Carpaccio-Variationen, gemischte Antipasti, Tomatensuppe, Hummer mit Salat. Und merkwürdige, unitalienische Unflexibilität. Wir bestellten Vorspeisen, Nudeln, Hauptgerichte – und wurden gewarnt. Das sei viiiiel zu viel. Ja, sagten wir, dann machen Sie doch einfach die Portionen kleiner. Nein, das gehe nicht, die seien so, wie sie sind.

Das also sehr üppig auf einem noch üppigeren Teller servierte Vitello tonnato war gelungen, ohne besonders aufzufallen, die Artischocken, offenbar nicht aus der Sauerkonserve, passten gut zum sanft erwärmten Räucherlachs. Dieses unspektakuläre Niveau zog sich auch durch die Nudelgerichte, grüne Bandnudeln, Trenette, mit Garnelen und Zucchini sowie kleine Maccheroni mit schön scharfer Arrabiata-Tomatensauce – seltsam, dass der Pecorino obendrauf zu so zähen Streifen verhärtet war. Das wäre also insgesamt diskutabel gewesen, aber bei den Hauptgängen folgte der Absturz. So lieblos hingedonnerte Beilagen, harte grüne Bohnen, trockene, ewig vorbereitete Kartoffelscheiben, findet man selten, in den noch halb rohen Doradenfilets mit laffer Zitronensauce und, seltsam, Kürbiskernöl, steckten Gräten, und beim Rinderfilet, üppig mit Morcheln bedeckt, fehlte jede Spur der versprochenen Trüffel.

Wir erhofften uns Linderung von den Desserts und zogen auch nur Nieten: Geschmacksneutrale Panna Cotta mit Honig und mehligen Esskastanienstücken, das war schon kompositorisch ein Rätsel. Und über die Cannoli Siciliani – tatsächlich nur ein einziger Cannolo – richtete schon die Speisekarte. Dort wird das mit „Sizilianische Knusperteigröllchen“ übersetzt. Cannoli knuspern aber nur, wenn sie nicht ewig in der Kühlung liegen. (Vorspeisen, Nudeln, Pizze um 10, Hauptgerichte 15-25 Euro).

Da helfen auch die engagierten Kellner nicht und die vielen guten Weine, die hier aus schönen Gläsern zu vernünftigen Preisen angeboten werden, von etwa 20 Euro bis rauf zum 1981er Tignanello „auf Anfrage“. Von der italienischen Küche jedenfalls findet sich nur wenig, und das auch noch stark verdünnt.

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