Zeitung Heute : Esst Würmer und prügelt euch mal

Harald Martenstein

In dieser Ausgabe des Tagesspiegels spielt das Thema Erziehung eine große Rolle. Dazu fällt mir ein Text ein, der im Internet kursiert. Dort wird das Deutschland beschrieben, in dem angeblich alle aufgewachsen sind, die vor 1978 geboren wurden.

Es gab keine Sicherheitsgurte, keine Airbags. Die Kinderbettchen waren mit Farben voller Blei und Cadmium angestrichen, die Flaschen aus der Apotheke konnte jedes Kind öffnen. Fahrradhelme waren weitgehend unbekannt. Die Kinder wurden zum Spielen auf die Straße geschickt, ohne Handy, manchmal kamen sie erst abends zurück und niemand wusste, wo sie gewesen waren. Wenn sich ein Kind einen Zahn anstieß oder einen Knochen brach, wurde dieser Vorfall meist „Unfall“ genannt. In der Regel wurde niemand deswegen verklagt, stattdessen wurde dem Kind eingeschärft, dass es beim nächsten Mal besser aufpassen soll.

Auch Kinder aus der Mittelschicht prügelten sich manchmal, die Eltern hielten das für normal. In fast jeder Klasse gab es ein Kind, das Würmer und Käfer aß, so etwas galt als Mutprobe. Beim Fußball durfte mitmachen, wer gut war. Die anderen mussten lernen, mit ihrer Enttäuschung klarzukommen. Wer in der Schule nicht mitkam, blieb sitzen. Auch das war normal. Keiner kam auf die Idee, die Anforderungen zu senken, so lange, bis niemand mehr sitzen bleibt. Eltern, die der Schule oder dem Staat die Schuld daran gaben, dass ihre Kinder in der Mathearbeit eine Fünf hatten, wurden ausgelacht. Wenn ein Kind Ärger mit der Polizei bekam, dann waren seine Eltern häufig der gleichen Ansicht wie die Polizei. Der anonyme Autor schreibt: Kaum zu glauben, aber wir haben überlebt. Unsere Taten hatten Konsequenzen, wir hatten Erfolge und Misserfolge, Freiheit und Verantwortung. Am Ende würden bei so etwas Menschen mit mehr Mut und mehr Risikobereitschaft herauskommen. Allerdings, so würde ich hinzufügen, ist dabei auch die Mortalität etwas höher.

Ich bin für Fahrradhelme. Trotzdem ist das kein reaktionärer Text, sondern einer, der etwas Richtiges anspricht, abgesehen davon, dass er eher von denen handelt, die vor 1968 geboren wurden. Es ist ja auch interessant, dass bei Olympia massenhaft deutsche Sportler, die eigentlich gut genug waren für eine Medaille, in dem Moment versagten, in dem es ernst wurde. Viele deutsche Sportler haben offenbar ein Problem mit Stresssituationen (okay, es gibt auch noch andere Gründe).

Ich glaube nicht, dass man Kindern etwas Gutes tut, wenn man ihnen Misserfolge, Anstrengung, Wettbewerb, Gefahren und Niederlagen erspart. Sie müssen das lernen. Wenn sie spüren, dass sie trotz ihrer Fehler und trotz ihrer Niederlagen geliebt werden, kommen sie damit klar, und werden dadurch stärker.

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