Esther Freud : „Mein Vater würde nie nach Deutschland fahren“

Sie schreibt über Träume, Inzest und die langen Schatten der Vergangenheit. Aber analysieren lassen will sich Esther Freud lieber nicht.

Interview Markus Hesselmann Esther Kogelboom

Esther Freud, 44, ist Schriftstellerin, Tochter des Künstlers Lucian Freud und Urenkelin von Sigmund Freud. 1991 veröffentlichte sie den Roman „Marrakesch“, der mit Kate Winslet verfilmt wurde. Jetzt erscheint „Liebe fällt“. Am 5. März um 19 Uhr liest Esther Freud, die mit ihrer Familie in London lebt, im Jüdischen Museum Berlin.



Frau Freud, Sie sind die Urenkelin des Begründers der Psychoanalyse. Welche Rolle spielt Sigmund Freud in Ihrer Familie?

Absolut keine. Wir ignorieren ihn. Als ich zehn Jahre alt war, traf ich mich mit meinem Vater …

… Lucian Freud, dem bekanntesten britischen Künstler der Gegenwart.

Er erzählte, dass ein aufgeregter alter Mann ihn unvermittelt auf der Straße angesprochen hatte: „Hello! Are you somehow related to the great Freud?“ Und da wir Engländer „Freud“ wie „Fruit“ aussprechen, verstand mein Vater nur „Grapefruit“. Seitdem ist Sigmund bei uns die Grapefruit. Es ist vielleicht typisch britisch, dass wir uns den großen Erfolg unserer Verwandten nicht auf die Fahnen schreiben, sondern selbst etwas erreichen wollen.

Wir fanden in Ihrem aktuellen Roman „Liebe fällt“ eine ganze Menge Anspielungen auf die Psychoanalyse: Es geht um Träume, Inzest, ein problematisches Vater-Tochter-Verhältnis.

Diese Geschichten kommen doch fast in jedem Roman vor. Sigmund Freud hat all diese Themen nicht erfunden!

Aber bei Ihnen wirkt es so, als würden Sie absichtlich mit diesen Klischees spielen. Nervt es Sie, wenn Psychologiestudenten Ihr Werk analysieren?

Nein, ich lese das nicht. Erst vor kurzem hat mir wieder eine Studentin ihre Abschlussarbeit geschickt, der Umschlag liegt immer noch verschlossen hier herum. Du liebe Güte, ich will das alles gar nicht wissen.

Wir treffen uns im Arbeitszimmer Ihres Hauses im gediegenen Londoner Stadtteil Highgate. Draußen im Garten spielen Ihre Kinder, Sie halten zwei Hühner in einem Stall der Marke „Omelett“. Das ist die perfekte Idylle.

Ja! Dieses Haus habe ich nach langer Suche vor drei Jahren gefunden. Der Makler hatte mir an einem grauen Novembertag ein Foto geschickt. Das Haus wirkte wie ein lichtes, weißes Cottage. Die Renovierungsarbeiten haben ein ganzes Jahr in Anspruch genommen, ich wollte, dass es perfekt wird. Bis dahin wohnten wir in einem dieser typisch britischen, schmalen, sehr dunklen Häuser. Es war schon in Ordnung, aber ich habe mich dort nie so richtig wohlgefühlt. Ständig musste man treppauf, treppab rennen, die Zimmer lagen übereinander statt nebeneinander. Außerdem hat in der Gegend jedes Haus wie das nächste ausgesehen, und das hat mich depressiv gemacht.

Sie stammen aus einer Familie von Immigranten, Ihre Mutter zog mit Ihnen viel herum. Zu Hause zu sein, ist das für Sie an einen Ort geknüpft, oder ist das eine Haltung?

Ich fühle mich eigentlich überall sehr schnell zu Hause, gerade auch auf Reisen. Alles, was ich benötige, ist mein Pyjama und mein Kulturbeutel. Gleichzeitig brauche ich eine stabile Basis wie diese hier. Für mich bedeutet, zu Hause zu sein, mein Leben völlig unter Kontrolle zu haben: Ich muss das tun können, was ich will, schreiben. Mein Vater Lucian kam im Alter von zehn Jahren nach London – er emigrierte 1933 nach der Machtergreifung der Nazis mit seiner Familie aus Berlin. Er hat immer gesagt, dass er großes Glück gehabt hat, in einer der tollsten Städte der Welt gelandet zu sein.

Der Historiker Martin Gilbert vertritt die Auffassung, deutsche und österreichische Juden hätten Deutschland und Österreich nie wirklich verlassen. Auch Ihr Urgroßvater hat sein komplettes Arbeitszimmer aus Wien mitgenommen und es hier originalgetreu wiederaufbauen lassen.

Für einige ist das sicher wahr, für andere nicht. Es gibt da große Unterschiede. Mein Vater und die Verwandten, die es nach England schafften, haben Deutschland vollständig aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Sie würden niemals wieder Deutsch sprechen, sie reden nicht über Deutschland, sie würden nichts kaufen, was in Deutschland hergestellt wurde. Mein Vater würde auch unter keinen Umständen nach Deutschland reisen. Wenn ich ihm erzähle, dass ich in Berlin lese, fragt er: Warum in aller Welt fährst du dahin?

Und was antworten Sie?

Weil ich eingeladen wurde und weil ich neugierig bin. Es wäre schlichtweg unredlich, eine solche Einladung einfach abzulehnen. Trotzdem muss ich sagen, dass ich natürlich die Reaktion meines Vaters verstehe.

Er hatte nichts dagegen einzuwenden, dass Sie als Mädchen im Rahmen eines Schüleraustausches für drei Monate bei einer deutschen Familie in Ulm lebten.

Nein. Ich war in Sussex auf einer Waldorfschule und wurde dort nach der Lehre des Anthroposophen Rudolf Steiner erzogen. Über deutsche Geschichte wusste ich so gut wie nichts, als ich nach Ulm kam. In unserer Schule sind wir in Geschichte nur bis zur Antike gekommen. Nach Christi Geburt kam nicht mehr viel. Uns Schülern wurde zwar weniger Wissen vermittelt, aber dafür hat man uns Wege aufgezeigt, wie wir uns selbst aneignen können, was uns interessiert.

Wie früh sollten Kinder von der Nazizeit erfahren?

Schwierige Frage. Meine Tochter ist jetzt neun. Sie geht auf eine Schule, auf der viele jüdische Kinder sind. Bei einem Elternabend erfuhren wir, dass sie bald den Zweiten Weltkrieg durchnehmen sollte. Auch wenn es dabei zunächst nicht um den Holocaust gehen sollte, machten sich viele Eltern Sorgen, dass ihre Kinder mit dem Thema überfordert sein könnten. Meine Tochter hat dann wirklich etwas über den Krieg gelernt, die Klasse war zum Beispiel im Imperial War Museum.

Ihr Sohn ist drei Jahre älter.

Er ist zwölf. Er weiß schon ganz gut Bescheid. Auch, weil er gern Romane liest. Zum Beispiel „The Book Thief“ von Markus Zusak. Das Buch erzählt über den Krieg aus der Sicht eines deutschen Mädchens. Ein sehr gutes Buch, das sowohl für Kinder als auch für Erwachsene geschrieben wurde. Ich finde, man soll die Kinder nicht überlasten mit dem Thema. Und hilft das überhaupt? Menschen wissen, dass schreckliche Dinge geschehen sind, und doch passieren diese schreckliche Dinge immer wieder: Massaker, Kriege …

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat vorgeschlagen, dass jedes französische Schulkind sich mit der Lebensgeschichte eines im Holocaust getöteten Kindes auseinandersetzt.

Es ist nicht so, dass ich das grundsätzlich ablehnen würde. Ach, vielleicht macht es die Menschen in Frankreich ja auch empfänglicher für das, was zum Beispiel in Algerien passiert ist. Es wäre sicher auch gut, wenn jedes Kind verstünde, was Algerien in der Kolonialzeit durchmachen musste, was vielen Menschen zugestoßen ist, die heute in Frankreich leben. Ich sage nicht, dass sie nicht auch über das andere Bescheid wissen sollten. Aber es ist doch so einfach zu sagen: Das ist damals passiert, es ist Vergangenheit, und sich dann total unschuldig zu fühlen für das, was im Irak geschieht oder in Darfur.

Was denken Sie darüber, wie die Deutschen mit ihrer Geschichte umgehen?

Ich habe kürzlich im Radio gehört, wie jemand aus der deutschen Regierung begründet hat, warum die Deutschen sich nicht stärker in Afghanistan einbringen: Es sei allgemeiner Konsens, dass Deutschland sich nicht zu sehr mit Gewalt in die Konflikte in der Welt einmischen sollte. Interessant, aber ich glaube nicht so recht, dass das wirklich der Grund ist. Für mich klang das eher wie eine Ausrede.

Haben Sie persönlich schlechte Erfahrungen mit Deutschen gemacht?

Nein, ich habe jedenfalls niemals einen Deutschen getroffen, der nicht vollkommen entsetzt von der Geschichte seines Landes war. Vielleicht gibt es auch Rassisten dort, aber die gibt es wohl überall. Da fällt mir ein: Als ich einmal kurz davor war, eine Deutschlandreise mit dem British Council anzutreten, wurden Gräber auf einem jüdischen Friedhof geschändet. Ich fühlte mich gar nicht gut bei dem Gedanken, unter diesen Umständen nach Deutschland zu fahren.

In Ihrem Buch „Das Seehaus“ steht das Schicksal der deutschen Juden im Vordergrund, jetzt ist es zwar immer noch ein Thema, steht jedoch eher im Hintergrund.

Ich habe mir anfangs durchaus Sorgen gemacht, ob ich das Thema zu sehr strapaziere. Dagegen sprach, dass ich mich damit auskannte, es ist nun mal ein Thema, das zu mir gehört – so wie das Beschreiben von Kindheit und Jugend.

Warum faszinieren Sie jugendliche Protagonisten?

Weil pubertierende junge Menschen alles zum ersten Mal erleben und von einer Grundspannung getragen werden. Ich habe ein unglaubliches Gedächtnis, erinnere mich gut an diese Zeit. Ich weiß noch, aus welchem Stoff mein Halstuch gewesen ist und an welchem Mantel wie viele Knöpfe fehlten. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

„Liebe fällt“ spielt in Siena: Die 18-jährige Lara fährt mit ihrem Vater, den sie kaum kennt, in die italienische Sommerfrische. Man kann die dunklen Schatten der Vergangenheit nur erahnen. Zunächst werden Laras Ferien vor allem von den Mahlzeiten bestimmt.

Das stimmt. Ich liebe die italienische Küche. Niemals werde ich den Tag vergessen, an dem ich als Teenager zum ersten Mal hausgemachtes Pesto gegessen habe. Es war mit absolut nichts vergleichbar, was ich aus England kannte: Das Basilikum und die Pinienkerne kamen frisch aus dem Mörser, und erst die Linguini! Es war fantastisch, wie gut selbst die einfachen Gerichte schmeckten.

Sie hatten eine Art kulinarisches Erweckungserlebnis?

Unbedingt. Und als ich vor vier Jahren wieder in die Toskana fuhr, um für das Buch zu recherchieren, kaufte ich an irgendeinem kleinen Bahnhof ein dünnes Stück Pizza mit Spargel, Broccoli und Erbsen. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder etwas so Gutes gegessen habe.

Es gibt doch auch in London gute italienische Restaurants.

Da sind sicher welche zu nennen, allerdings sind die so teuer, dass einem der Bissen im Hals stecken bleibt. Was fehlt, ist eine Trattoria-Kultur: einfache, gute, bezahlbare italienische Küche, die aus frischen Zutaten besteht.

Hier in England, der Heimat von Jamie Oliver, gibt es so viele Kochsendungen wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Ich kann gerade mal ein Spiegelei braten. Kochen? Ohne mich. Ich esse nur gerne. Ich möchte den leisen Verdacht äußern, dass es vielen meiner Landsleute so geht. Jamie Oliver erweckt einen falschen Eindruck. Seine große Leistung ist die Revolution der Schulküchen, von der auch mein Sohn profitiert. Endlich gibt es wieder Kartoffelpürree, das aus Kartoffeln besteht.

Sie beschreiben in „Liebe fällt“ haarklein, wie man Gnocchi macht.

Ich muss Sie enttäuschen, das habe ich aus einem Kochbuch abgeschrieben.

Ihre Mutter trennte sich früh von Ihrem Vater und zog mit Ihnen und Ihrer Schwester durch Marokko – davon handelt Ihr erstes Buch „Marrakesch“, das mit Kate Winslet verfilmt wurde. Dann ging Ihre Mutter nach Suffolk, aufs Land. Sie wollte autark sein, züchtete ihr eigenes Gemüse.

Als Kind habe ich gedacht, dass sie ruhig auch mal was im Supermarkt hätte einkaufen können. Doch heute bin ich ihr dankbar dafür, dass sie uns biologisch-dynamisch ernährte. Meine Mutter hat sogar aus Brennnesseln noch Suppe gemacht.

Kaufen Sie heute noch Biogemüse im Supermarkt?

Ich muss Sie schon wieder enttäuschen: Ich meide Marks & Spencer, wo es nur geht. Diese ellenlangen Regalreihen mit den vielen Produkten, diese unübersichtliche Vielzahl der Möglichkeiten! Wenn überhaupt, kaufe ich in kleinen Läden ein. Fast alle Lebensmittel bestelle ich im Internet. Das ist praktisch, die werden dann direkt nach Hause geliefert. Das einzige Problem ist, dass ich immer dieselben Sachen bestelle: Pesto zum Beispiel.

„Liebe fällt“ spielt 1981, Sie weben die Hochzeit von Prinz Charles und Lady Di in Ihren Stoff ein. Wie haben Sie die Hochzeit damals erlebt?

Ich? Ich habe nichts davon mitbekommen. Deswegen hatte ich eine gute Entschuldigung dafür, mir das Hochzeitsvideo noch einmal genüsslich in aller Ruhe anzuschauen. Dabei habe ich mich wirklich gefragt, warum unsere Mutter uns damals so abgeschirmt hat. Es hätte einfach viel mehr Spaß gemacht, zusammen mit all den anderen zu feiern. Es macht grundsätzlich mehr Spaß, dazuzugehören. Das Problem damals war wahrscheinlich, dass seit 1977, dem Jahr der Sex Pistols, noch nicht genug Zeit vergangen war. Meine Mutter hätte sich niemals mit einem Fähnchen in der Hand vor St. Paul’s aufgebaut. Bei der nächsten königlichen Hochzeit bin ich dabei, keine Frage. Es ist unser Land, unser Leben, warum nicht.

Ihr Vater hat 2001 das einzige offizielle Bild der Queen gemalt. Was hat er Ihnen von der Begegnung mit ihr erzählt?

Dass sie ein sehr liebenswerter Mensch ist. Sie haben sich während der Sitzung unterhalten, und das muss amüsant gewesen sein, denn beide haben gemeinsam, dass sie sich für Pferde und Hunde interessieren. Irgendwann wollte sie nicht länger Modell sitzen, da hat sie angeblich gesagt: Jetzt muss ich meinem Mann Tee machen. Ich glaube, wenn die Briten endlich begreifen würden, dass die Royals auch nur Menschen sind, wäre das ein großer Fortschritt.

Sie selbst sind auch Teil des Werks Ihres Vaters. Wie war es, für ihn nackt Modell zu liegen?

Als er mich fragte, ob er mich malen dürfe, fühlte ich mich durchaus geschmeichelt. Wie soll es schon abgelaufen sein? Ich fuhr in sein Atelier, zog mich aus und verbrachte ein bisschen Zeit damit, eine bequeme Position auf dem Sofa zu finden.

Lucian Freud ist bekannt dafür, für seine Porträts viel Zeit zu brauchen.

Ich habe zwei Abende in der Woche für ihn posiert, ein ganzes Jahr lang. Ich hatte das Gefühl, zu etwas ganz Großem beizutragen. Mein Vater ist eine äußerst angenehme Gesellschaft. Während er hinter der Staffelei saß, hat er mir etwas vorgesungen oder den neusten Klatsch erzählt. Es war einfach wunderbar.

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