Esther Schoonbrood, Autorin : "Ich würde Handys an der Schule verbieten"

Wie sollen Eltern reagieren, wenn Kinder Pornos gucken und früh Sex haben? Esther Schoonbrood über die hohe Kunst der Aufklärung im Jahr 2009.

Interview: Stefanie Flamm Verena Mayer
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Esther Schoonbrood. -Foto: Mike Wolff

Frau Schoonbrood, der Fall eines 13-Jährigen, der angeblich Vater geworden war, löste in Großbritannien eine heftige Diskussion über Teenagerschwangerschaften aus. Hat die Jugend zu viel Sex?



Mein Gefühl ist, dass die meisten 13-Jährigen innerlich noch meilenweit von Sex entfernt sind. Wenn ich mit Jugendlichen spreche, bin ich immer erstaunt, wie erschütternd wenig sie über ihren Körper wissen, über die ganz grundlegenden Dinge: Was ist die Periode? Warum kommt sie?

Wird dieses Frage Ihnen oft gestellt?


Es ist die am häufigsten gestellte Frage überhaupt. Diese Unwissenheit an sich ist schon schrecklich, aber die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind noch viel schlimmer: Da ist Dreck, und der muss irgendwie raus. Das ist fürs weibliche Selbstbild katastrophal.

Kinder erreichen die Pubertät heute vier Jahre früher als vor hundert Jahren. Kommt der Kopf mit der körperlichen Entwicklung nicht mit?

In der Pubertät kommt der Kopf nie mit. Mädchen bekommen einen Frauenkörper, empfinden aber oft noch eine ganze Weile auf kindliche Weise. Daraus ergibt sich eine Verunsicherung, die völlig normal ist. Manche sind ganz früh dran, bekommen ihre Tage schon mit neun oder zehn, andere sind Spätentwickler. Über diese Variationsbreite muss man sprechen.

Sie sind Ärztin und gehen seit zehn Jahren an Schulen, um aufzuklären. Was ist Ihr Auftrag?

Unser Verein, die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau, wurde vor 50 Jahren von Ärztinnen gegründet, um Frauen ihren Körper zu erklären. Am Anfang sind die Kolleginnen über Land gefahren, da gab es Frauen mit acht Kindern, die noch nie das Wort „Scheide“ gehört hatten. Geschweige denn von Verhütung. In den letzten Jahren hat sich unsere Arbeit immer mehr in die Schulen verlagert.

Dort steht Aufklärung eigentlich auf dem Lehrplan, im Biologieunterricht.

In der 6. und dann wieder in der 8. Klasse. Aber das heißt noch lange nicht, dass es auch durchgenommen wird. Es ist ein privates, intimes Thema, und ich finde es schwierig, Lehrer dazu zu verdonnern, wenn sie sich nicht dazu in der Lage fühlen.

Reden über Sex ist zwischen den Generationen immer peinlich. Lesen Jugendliche nicht lieber „Bravo“, als sich an einen Erwachsenen zu wenden?

„Bravo“ vermittelt eine technische Vorstellung von Sex. Zu den Gefühlen 13-Jähriger passt das nicht. Wenn ich jüngere Mädchen frage: „Lest ihr die Bravo?“, heißt es: „Ja, aber diese Doppelseite mit den Nackten – so eklig!“ Ich bin oft die Erste, die sagt, das ist in Ordnung, wenn dich das stört. Das ist Schamgefühl.

Wie ist die Stimmung in Ihren Kursen? Wird viel herumgealbert?

Gerade am Beginn der Pubertät genieren sich die Jugendlichen sehr. Die sind oft bis zur Nase hinter ihren Rollkragenpullis verschwunden. Aber wenn man ihre Unsicherheit ernst nimmt, trauen sie sich, ehrlich zu fragen, oft noch ein bisschen vorsichtig formuliert: „Eine Freundin von mir hat gehört …“ Und auf genau diese Fragen gehe ich ein.

Hat sich in den letzten Jahren in den Kursen etwas verändert?

Durch die Medien, vor allem das Internet, sind Kinder und Jugendliche ständig mit Sex konfrontiert. Theoretisch ist ihnen nichts mehr fremd, anal, oral, Sado-Maso-Praktiken. Ich merke das an den Fragen: „Was ist Arschficken?“ – in der 6. Klasse. Oder: „Ist Oralverkehr gefährlich?“ – in der 5. Klasse. Andererseits plagt die Jugendlichen eine riesige Unsicherheit. Viele stellen sich Sex als Pflichtübung vor. Ich werde oft gefragt, wann man damit anfangen „muss“. Sie haben das Gefühl, es passt nicht wirklich. Sonst würden sie nicht fragen, sondern es machen. Ganz extrem war letztens in der Hauptschule eine Zwölfjährige: „Ich hab das schon ein paar Mal gemacht, aber ich weiß gar nicht, ob das eigentlich muss.“

Was haben Sie gesagt?


Es muss nicht. Viel wichtiger ist doch erst mal die Beziehung zu deinem Freund, was du fühlst.

In welcher Rolle stehen Sie vor den Schülern?


Ich sehe mich als Autorität und werde von den Schülern auch so gesehen. Eltern sind auch Autorität, selbst wenn sie das zeitweise gar nicht merken, weil die Kinder sie ablehnen und sagen: „Von dir will ich das gar nicht hören.“ Aber dennoch sehen Kinder sie als Vorbilder und Wegweiser.

Ihr Buch „Erklär mir die Liebe“, in dem Sie Müttern Ratschläge zur Aufklärung geben, ist ein Bestseller. Offenbar haben Sie einen Nerv getroffen.


Viele Eltern sagen sich: „Die Kinder wissen doch schon alles.“ Oder sie haben Angst, ihre Kinder zu manipulieren. Aber Erziehung bedeutet Manipulation, Einflussnahme. Sie manipulieren Ihr Kind, wenn Sie sagen: Bohr in der Öffentlichkeit nicht in der Nase. Aber Sie helfen ihm auch damit. Eltern sind aber verunsichert und wissen oft nicht genug, um aufklärende Gespräche zu führen.

Sie haben selbst zwei Töchter. Wie reden Sie mit ihnen über Sexualität?


Meine Töchter sind 19 und 21 und haben die Pubertät schon hinter sich. Einige Jahre ging es auch bei uns hoch her. Durch meine Arbeit war das Thema immer präsent. Ich konnte beiläufig erwähnen, was ich vormittags in der Schule gehört hatte. Andere Mütter könnten zum Beispiel sagen: „Ich habe gelesen, dass die Busenseiten manchmal verschieden groß sind. Du musst dir keine Sorgen machen.“ Das ist nicht so übergriffig wie: „Hör mal, wie ist denn das bei dir, lass mal gucken.“

Haben Sie nie Übergriffe auf Ihre Töchter verübt?


Klar ist man neugierig. Aber es gibt Grenzen. Das gilt auch für die Töchter. Ich frage nichts Intimes. Ich habe Vermutungen. Wenn man als Eltern nah dran ist an den Kindern, hat man Vermutungen, wohin die sich bewegen. Da muss man immer ein bisschen voraus sein. Man sollte über Verhütung gesprochen haben, bevor der erste feste Freund sich einstellt. Es ist ja leider noch immer so, dass viele vor dem ersten Mal nicht einmal mit dem Partner über Verhütung reden. Die finden das sogar romantisch, es einfach so passieren zu lassen!

Können Sie das nicht nachvollziehen? Sex lässt sich ja nicht nach dem Terminkalender planen.

Vergessen Sie bitte nicht, dass wir hier nicht von Erwachsenen sprechen. Je jünger die Mädchen sind, desto wichtiger ist Sicherheit. Jedes Jahr werden 12 000 Minderjährige schwanger, die Hälfte treibt ab. Wenn zwei nicht wissen, wie triebbesetzt eine Knutschsituation werden kann, wissen sie auch nicht, dass es ganz schnell über sie kommen kann.

Wie spricht man so etwas konkret an?


Zum Beispiel, wenn man einen Film sieht. Im Fernsehen, eine Bettszene, James Bond steigt mit seiner Tussi ins Bett. Dann kann ich fragen: „Na, ob das jetzt schon die Liebe ist?“ Zack, hat man schon mal was gesagt.

Frauen wurden nicht zuletzt deshalb unterdrückt, weil sie nichts über ihren Körper wussten. Verfolgen Sie eine feministische Mission?

Wenn das heißt, die Position von Mädchen, von Frauen zu stärken: ja. Es geht um das Verstehen des eigenen Körpers, um die eigenen Bedürfnisse. Bei den Jungs erschließt sich ja vieles von selbst, der Penis ist sichtbar und handhabbar, was da passiert, ist eindeutig. Bei Mädchen ist alles rätselhafter.

In Ihrem Buch motivieren Sie Eltern, ihre Kinder so früh wie möglich aufzuklären.

Kinder müssen wissen, was Sex ist, bevor sie in die Schule kommen. Sonst werden sie durch die Mitschüler aufgeklärt. Das wusste schon meine Mutter Anfang der 60er Jahre. Sie hat mir mit hochrotem Kopf aus einem Heftchen aus der Mütterschule vorgelesen. Super! In der Schule hörte ich dann die anderen vom Klapperstorch erzählen und später auf dreckige Weise über Sex reden.

Wie nennt man als Eltern das Ding beim Namen?

Mädchen fehlt die richtige Vokabel. Viele Eltern sagen „Scheide“, wenn sie den äußeren weiblichen Genitalbereich meinen. Ich würde es gut finden, wenn sich der Begriff „Vulva“ durchsetzte.

Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch sagt, dass Sexualität bei Jugendlichen kontrollierter ablaufe, „enttrieblicht“ sei. Können Sie das aus Ihrer Praxis bestätigen?

Diese Äußerung ist vermutlich schon etwas älter. Durch die Sexualisierung, vor allem in den neuen Medien, werden heute mechanische Vorstellungen von Sexualität provoziert. Die eigenen Phantasien, die für die Entwicklung sehr wichtig sind, haben kaum noch Raum.

In den 60er Jahren galt Sexualität als das „Bewusstsein, der herrschenden Ordnung zu trotzen“, wie Michel Foucault in „Sexualität und Wahrheit“ schreibt. Sie scheinen eher vor Sex zu warnen.


Im Idealfall bewegt man sich so weit vom Abgrund entfernt, dass keine Warnungen nötig sind. Eltern müssen ihren Kindern Wegweiser sein. Es ist verantwortungslos, Jugendliche zum Trial-and-Error-Prinzip zu nötigen, so nach dem Motto: „Guck mal, wie du dich durchwurschtelst, und ob’s gut geht oder nicht.“

Sie schreiben: „Ohne Grenzen keine gesunde Entwicklung.“ Was wären solche Grenzen?


Wenn eine 13-Jährige bei einem Jungen schlafen will, müssen die Eltern klar Stellung beziehen. Sie dürfen auch an Gesetze erinnern.

Doch kann man seine Tochter mit einem Verweis aufs Jugendschutzgesetz daran hindern, mit ihrem Freund ins Bett zu gehen?

Wenn sie mit ihrem Freund schlafen will, ist es zu spät. Da muss man früher anfangen. Eltern haben das in der Hand, sie können sagen: Sei mit deinem Freund erst einmal ein halbes Jahr zusammen. Oder werde erst 16, 17 oder 18.

Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge hatten 40 Prozent der Mädchen zwischen 14 und 17 Sex.

Ja, aber mehr als die Hälfte hatte noch keinen. Und die, die früh Sex haben, sagen mir hinterher oft: „Es war zu früh. Es war nicht schön.“ Ich war gerade letzte Woche in einer Gesamtschule, achte Klasse, und da sagten mehrere Mädchen ganz klar: Eigentlich macht man das nur für die Jungen.

Ein niederschmetternder Satz, 30 Jahre, nachdem die Frauenbewegung die sexuelle Selbstbestimmung proklamierte.

Die Mädchen denken, dass alle das so machen und geraten unter Druck. Kürzlich sind in einer Essener Schule in den Übungszellen für Blechbläser ein Siebtklässler und zwei Sechsklässlerinnen mit heruntergelassenen Hosen erwischt worden. Die Kinder spielen dieses Pornozeugs. Doch wenn sie sich die jüngste Shell-Jugendstudie angucken, sehen Sie: Die jungen Leute sehnen sich nach etwas ganz anderem, nach Liebe, Treue, Familie. Diese Sehnsüchte müssen wir ernst nehmen.

Gibt es Dinge, die Sie konkret verbieten würden?

Ich würde an den Schulen Handys verbieten. Manche filmen beispielsweise auf der Toilette über die Trennwand. Es muss auch verboten werden, sexuell anzügliche Reden zu schwingen. Wer „Fick dich“ oder „schwul“ als Schimpfwort benutzt, muss wissen, das wird sanktioniert. Ich rede oft mit Lehrern und Schulleitern darüber, dass man Klassenregeln für diese Dinge braucht. Kürzlich war ich an einer Schule, die hatten das ganz groß an der Wand stehen: „Man fasst Mädchen nicht an den Busen, man fasst sich selbst nicht im Genitalbereich an. Man guckt in der Schule keine pornografischen Bilder oder Filme.“

Ist die Jugend wirklich verrohter als früher? Pubertät ist eine recht sexbesessene Lebensphase. Nehmen Sie die Literatur: Schon in Günter Grass’ „Katz und Maus“ ging es ordentlich zur Sache.

Die Pubertätsphänomene sind heute die gleichen wie früher, aber die Jungen und Mädchen sind durch die Allgegenwart von Pornografie schonungsloser mit den Dingen konfrontiert. Jeder 13-jährige Junge hat schon mal eine Pornoszene gesehen. Früher musste man eine gewisse Reife, einen gewissen Mut haben, Zugang zur Bibliothek, die Leiter schleppen können, um an dieses oberste Regal heranzukommen. Heute muss man nur ein bisschen im Internet klicken können.

In den 70er Jahren hat man der Pornografie noch aufklärerische Qualitäten unterstellt. Oswalt Kolle hatte in Filmen wie „Deine Frau, das unbekannte Wesen“ daher immer sehr eindeutige Szenen.


Kolle hat Sexualität realitätsnah dargestellt. Das würde man heute nicht als pornografisch bezeichnen. Er hat Probleme der Zuschauer behandelt: den Orgasmus der Frau, die Impotenz des Mannes. Bei den Pornos heute geht es aber um das Vorgaukeln einer Sexualität, die normal so nicht stattfindet.

Aber ein Satz wie „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ hat doch auch viel Druck erzeugt.


Das war aber nicht die Lebenswirklichkeit der meisten Jugendlichen damals. Heute wachsen sie mit Bildern auf, die Frauen in erniedrigten und dienenden Rollen darstellen. Das ist für beide Geschlechter schrecklich. Jungen in der Pubertät sind ja auch zarte Wesen. Ich hatte letztens einmal eine Gruppe Jungs, 13-Jährige, wir sprachen über Pornos. Einer sagte: „Ganz ehrlich, ich habe richtig Angst vor Sex.“

Was waren Ihre schlimmsten Fälle?


Aus medizinischer Sicht sind sexuell übertragbare Krankheiten schlimm. Aber auch weniger Dramatisches gibt mir oft zu denken. Letztens war ich an einer Schule, wo ein Mädchen von Jungs festgehalten worden war in der Pause. Die Jungs hatten sich die Hände mit Kreide beschmiert und haben die dann überall angepackt und das dann alles gefilmt. Oder dass wie selbstverständlich an den Busen gegrapscht wird. In den 6. oder 7. Klassen sagen die Jungs: „Lass mal fühlen, hast du einen BH an?“ Das sind Grenzüberschreitungen, mit denen die Mädchen nicht zurechtkommen. Oft wissen weder die Mädchen noch die Jungen, dass es da überhaupt eine Grenze gibt. Da haben die Eltern versagt.

Ihr Buch heißt „Erklär mir die Liebe!“. Dass zum Sex immer Liebe gehören muss – ist das nicht ein sehr konservativer Ansatz?


Dieser Ansatz nimmt junge Mädchen ernst. Sie sollen verstehen, warum Sex nicht immer automatisch schön ist. Wenn man sagt: „Du warst zu jung beim ersten Mal, und ihr kanntet euch doch erst zwei Monate“, dann hilft ihnen das. Oft höre ich dann Kommentare wie: „Endlich sagt das mal jemand, und ich dachte immer, es hätte an mir gelegen.“

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