Zeitung Heute : ET-Werkzeuge erraten

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Mitte der achtziger Jahre, ich war etwa in der fünften Klasse, begann in unserer Schule ein Desaster: Nacheinander wurden die jungen Lehrerinnen schwanger und blieben für die nächsten Jahre zu Hause. Unser Direktor musste sich Kollegen an Nachbarschulen ausborgen. Meiner Klasse geschah so ein großes Glück: Uns wurde Herr Haase zugeteilt, der wohl verrückteste Lehrer, den man damals kriegen konnte.

Er unterrichtete Geschichte, war ein kleines drahtiges Kerlchen, hatte lange, rot-blonde Haare und eine goldene Nickelbrille auf. Zum Unterrichtsbeginn stürmte er in den Klassenraum, schmiss sich mit einer Pobacke auf seinen Lehrertisch und begann, Schauergeschichten aus der Vorzeit zu erzählen. Dabei fuchtelte er mit einem Zeigestock herum, den er an besonders spannenden Stellen so übers Knie bog, dass er zu brechen drohte. Hin und wieder sprang er an die Decke, um eine historische Landkarte abzurollen.

Einmal erzählte er, dass er hinter Dresden einen Grashügel in Verdacht hatte, mehr zu sein. Der sei so eckig. Er initiierte eine Ausgrabung und entdeckte eine Siedlung aus der Urzeit. Uns brachte er Fundstücke mit: Faustkeile, Schaber und jede Menge anderer kleiner Steine und Gerätschaften. Wir wogen die Dinge in den Händen und sollten raten, wofür sie wohl verwendet worden waren.

Eine junge Künstlerin mit demselben, viel versprechenden Namen Haase, Vorname Christiane, erinnerte mich nun an die Geschichtslektion von einst. In ihrer ersten Berliner Einzelausstellung geht’s um „Alien Tools oder Werkzeuge für ungeahnte Aufgaben“. Es sind quietschbunte Plastikteile mit Noppen und Griffen, eine Mischung aus Vibrator und Strandspielzeug. Präsentiert werden die außerirdischen Fundstücke wie Luxusobjekte einer Nobelmarke. Zwar geben Gebrauchsanweisungen Vorschläge für die Handhabung, aber wozu die Werkzeuge letztlich dienen, bleibt rätselhaft. Für Kinder ist die Ausstellung ein Riesenspaß. Aber die Objekte sind wohl zu teuer, um im Sandkasten verbuddelt zu werden. Dann könnte sie später ein skurriler Geschichtsunterrichtsvertreter wieder ausgraben.

„Alien Season“, bis 20. Juni in der Spielhaus Morrison Galerie, Reinhardtstr. 10 in Mitte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!