Zeitung Heute : Eta-Terror: Zwei sympathische junge Killer

Ralph Schulze

Seelenruhig kleistern die drei Jungs die Wand ein. Sie rollen ein Plakat aus und pappen es auf die Fassade. "Freiheit für die Gefangenen", steht in schwarzen Lettern darauf. Neben dem Schriftzug die Köpfe von zwei Männern Mitte Zwanzig: Jon Igor Solana und Harriet Iragi Gurrutxaga. Sympathisch sehen sie aus auf den Porträts. Besonders Jon, der ein nettes Lächeln aufgesetzt hat. Aber es sind die Masken zweier Killer: Vor zwei Wochen haben sie dem prominenten spanischen Militärarzt Antonio Muñoz Carinanos in Sevilla zwei Kugeln in den Kopf gejagt. Die Täter wurden noch in der Tatnacht festgenommen.

Die beiden Männer, Mitglieder der Eta, werden in ihrer Heimatstadt Bilbao als Helden gefeiert. Einer der drei Plakatkleber kramt eine Spraydose aus dem Rucksack und sprüht mit roter Farbe neben ihre Fotos: "Gora Eta - Es lebe die Eta." Es ist früher Nachmittag, halb drei. Die Passanten wirken unbeteiligt. Nicht einmal die vorbeifahrende Streife der baskischen Polizei hält an. In Bilbao stört sich niemand an einer Werbekampagne für Terroristen.

In der 400 000-Einwohner-Stadt im Baskenland ist die Eta fest verwurzelt. Etwa jeder Siebte hat bei der letzten Kommunalwahl ihren politischer Ableger Euskal Herritarrok (EH) gewählt. Jetzt regiert die EH gemeinsam mit der Baskisch Nationalistischen Partei (PNV). Selbst der Bombenanschlag der Eta am Montagmorgen in Madrid, bei dem drei Menschen starben und 70 verletzt wurden, kommt bei vielen in Bilbao gut an, auch wenn hier vor kurzem 150 000 gegen Gewalt demonstrierten. In dieser Stimmung hat die Eta keine Mühe, Nachwuchs zu rekrutieren: junge Männer wie Jon Igor Solana und Harriet Iragi Gurrutxaga. Gerade mal 27 beziehungsweise 23 Jahre alt, galten sie vor ihrer Festnahme als die Köpfe des Terror-Kommandos "Andalucia".

Beide sind in der Altstadt von Bilbao aufgewachsen. Auch heute hängen im Viertel gleich hinter dem Rathaus von vielen Balkongeländern die Flaggen der Eta-Sympathisanten: das Baskenland als schwarzer Klecks auf weißem Untergrund, eingerahmt von der Eta-Parole "Baskische Gefangene ins Baskenland". Aus einem Fenster des Hauses, in dem angeblich Harriets Familie wohnt, flattert ebenfalls das schwarz-weiße Banner. Es ist ein schmales Haus, das einen neuen Anstrich vertragen könnte, Türschilder gibt es nicht. Die Frau um die 50, die aus der Tür kommt, will nichts sagen über ihren Nachbarn, den Terroristen. In der Altstadt redet man nicht mit Fremden über die Eta.

In der Taverne "Herriko Taverna", in der Jon und Harriet früher abends einen Wein tranken, ist der Mann hinterm Tresen auf Journalisten nicht gut zu sprechen. "Ihr Faschisten", sagt er, "ihr seid die Terroristen." Die Kneipenwände sind mit Fotos von Eta-Häftlingen dekoriert, so wie andernorts in spanischen Bars Bilder von Stierkampf-Helden hängen. Nur ein Lehrer, der an Jon Solanas altem Gymnasium unterrichtet, will dann doch etwas sagen: "Jon war ein ganz normaler Junge. Überhaupt nicht schwierig und ziemlich intelligent."

Müllcontainer anzünden, Molotowcocktails werfen, Mordaufrufe plakatieren, damit verbrachten Jon und Harriet als Jugendliche ihre Freizeit. In der Eta-Jugendorganisation Jarrai stiegen sie wegen ihrer Intelligenz bald auf. Nach Abschluss der Schule studierte Jon ein paar Semester Jura, Harriet begann ein Studium als Bergbauingenieur. Kommilitonen erzählen, dass sie gute Studenten waren. Ihren weiteren Lebenslauf kann man im Polizeibericht nachlesen. Mitte der 90er Jahre verübten sie ihre ersten Anschläge auf Banken und Polizeistreifen. Sie wurden verhaftet, aber Jon wurde "mangels Beweisen" freigesprochen. Harriet wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, die er nicht antrat. Beide tauchten unter. Erst diesen Sommer kam ihnen die Polizei wieder auf die Spur. In Malaga erschossen sie einen konservativen Lokalpolitiker, dann den Generalstaatsanwalt von Andalusien und zuletzt, in Sevilla, den Militärarzt Carinanos. Als Jon nach der Tat von der Polizei abgeführt wurde, rief er: "Ich wusste, dass ich irgendwann einmal verhaftet werde. Aber ich war hier, um Attentate zu verüben, und es wird noch viele weitere Anschläge geben." Inzwischen ist herausgekommen, dass Jon und Harriet auch ein halbes Dutzend Bombenanschläge geplant hatten. Unter anderem wollten sie eine Autofähre Richtung Balearen in die Luft sprengen, aber dazu ist es nicht gekommen.

Der baskische Soziologe Javier Elzo hat die junge Terroristen-Generation untersucht, der Jon und Harriet angehören. Dabei ist er zum selben Ergebnis wie Jons Lehrer gekommen: "Das sind ganz normale Leute." Nur seien sie eben stark beeinflusst von der Ideologie der Eta. 95 Prozent der Jugendlichen, die wegen Straßenterrors festgenommen werden, kommen aus Familien, die Spanien hassen. Die Hälfte dieser Eltern, heißt es in der Studie weiter, decken die Gewalttaten ihrer Kinder, die im Namen der baskischen Unabhängigkeit begangen werden.

Die Eltern von Jon und Harriet passen in dieses Bild. Nach der Verhaftung ihrer Söhne werfen sie der Polizei auf einer Pressekonferenz Folter vor. Mit "Schlägen, Tritten und Fausthieben" seien die beiden von Polizisten misshandelt worden. Die von den Eltern mit dem Fall beauftragte Rechtsanwältin Arantza Zulueta spricht von einer "Verletzung der fundamentalen Rechte" und einem "Mangel an Garantien in den Polizeibehörden des spanischen Staates". Für die Opfer ihrer beiden Söhne haben sie kein Wort des Bedauerns.

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