Zeitung Heute : Ethanol ist Treibstoff für die Wirtschaft

Fahren immer mehr Autos unter Alkoholeinfluss, steigt auch die Nachfrage nach Zucker und Mais

Jonas Dowen[Chicago]

Die Welt steht Kopf. Was gestern zählte, hat heute kaum mehr Bedeutung. Dort, wo gestern noch das Thema Internet die Schlagzeilen bestimmte, werden heute andere Themen diskutiert. Spät, viel zu spät, haben Politiker, Unternehmer und auch führende Köpfe der Wirtschaftsforschungsinstitute erkannt, dass die Welt von heute vom Thema Rohstoffe bestimmt wird. Mit reichlicher Verzögerung hat die Energiewirtschaft auf die Herausforderungen der heutigen Zeit reagiert.

Denn der Kampf um Rohstoffe – angesichts der politischen Entwicklungen von Kritikern bereits als „Krieg um Rohstoffe“ tituliert – hat vor allem an den Energiemärkten eine geradezu atemberaubende Dynamik entwickelt. Dabei sind es jene Thesen, die die Fachleute des Club of Rome bereits vor Jahrzehnten mit dem Hinweis auf die Erschöpflichkeit der Rohstoffvorräte aufgestellt haben, die die Welt erschrecken lassen. Jene Experten, die mit den Thesen vom „Peak Oil“ bereits vor vielen Jahren das absehbare Ende des Ölzeitalters ankündigten, schwiegen viel zu lange. Heute erinnert man sich nicht nur wieder ihrer Thesen, sondern nimmt sie sogar her, um in der Wirtschaft eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen, die von ihrer Bedeutung her an die frühe Phase des Industrialisierungs-Zeitalters erinnert.

Dabei wird nicht zuletzt ein Thema zum Megatrend hochgespielt, das bei den Agrar-Fachleuten hier in Chicago für Erregung sorgt. Bei den erneuerbaren – also regenerativen Energien – soll nach dem Willen der Politik auch stärker auf Bioenergien wie Ethanol und Biodiesel gesetzt werden. Über eines muss sich die Welt allerdings im Klaren sein: Die Lücke an den Energiemärkten werden diese Bioenergien nicht wirklich schließen können. Ungeachtet dessen ist weltweit rund um den Komplex Ethanol und Biodiesel längst eine blühende Industrie entstanden, die Anlegern ein interessantes Betätigungsfeld bietet. Dass sich führende Köpfe der Wirtschaft wie Bill Gates – der reichste Mann der Welt – in diesem Sektor bereits engagiert haben, spricht eine eindeutige Sprache.

Dass Ethanol – ein meist aus Zucker und Mais gewonnener Treibstoff – immer stärker ins grelle Rampenlicht der Börsenszene gerückt ist, kann nicht nur an den zahlreichen Anlageprodukten erkannt werden, die Banken in jüngster Zeit emittiert haben. Darüber hinaus sind sowohl Ethanol als Energieträger als auch Zucker und Mais – also jene Rohstoffe, die Grundlagen für die Herstellung von Ethanol sind – bei den Verantwortlichen der Terminbörsen zu einem wichtigen Thema geworden. Sowohl in den USA als auch in Brasilien werden nämlich bereits Futureskontrakte auf Ethanol gehandelt.

An der US-Terminbörse Chicago Board of Trade (CBOT) ist der Preis für eine Gallone von aus US-Mais hergestelltem Ethanol analog zum Rohöl- und Benzinpreis zuletzt zeitweise auf das Rekordniveau von beinahe drei Dollar je Gallone gestiegen. Der Preis orientierte sich dabei sehr eng am steigenden Preistrend für Rohöl und für Benzin in den USA. Zum Vergleich: Noch im Oktober des Jahres 2005 hatte eine Gallone dieser erneuerbaren Energie am CBOT lediglich 1,60 Dollar gekostet. „Ethanol ist derzeit ein Trend im Megatrend der erneuerbaren Energien“, zeigt sich Herbert Wertz, Fondsmanager bei AMB Generali, optimistisch.

Das Interesse an diesen Produkten haben die Fachleute der US-Investmentbank kürzlich zur Auflegung von zwei Bonuszertifikaten (währungsgesichert und nicht währungsgesichert) auf jene Rohstoffe genutzt, aus denen Ethanol hergestellt wird – nämlich Zucker in Brasilien und Mais in Nordamerika. Die den Zertifikaten zu Grunde liegenden Basiswerte sind mit einem Anteil von jeweils 50 Prozent der GSCI Corn Excess Return Index und der GSCI Sugar Excess Return Index. Konkret bedeutet dies: Wenn die Nachfrage nach Ethanol in den nächsten Jahren zunehmen sollte, spricht vieles dafür, dass auch die Preise für Mais und Zucker weiter steigen und der Anleger in diesem Fall über einen steigenden Wert der Zertifikate Kursgewinne erzielt.

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