Zeitung Heute : Etwas eingehandelt

Lars Halter[New York]
Im Visier. Hacker haben die US-Technologiebörse Nasdaq angegriffen. Foto: Reuters
Im Visier. Hacker haben die US-Technologiebörse Nasdaq angegriffen. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Spätestens seit den Terrorangriffen auf das World Trade Center vor fast zehn Jahren macht sich Amerika, und vor allem auch der Finanzsektor, dauernd Gedanken über weitere Angriffe. Dabei denkt man nicht nur an klassische Attacken, etwa mit Bomben und Flugzeugen, sondern auch an biologische und chemische Angriffe ebenso wie an „Cyber-Terrorismus“. Mit Onlineattacken, so die Befürchtungen, ließen sich die globalen Märkte zerstören, immerhin läuft ein großer Teil des Handels heutzutage elektronisch ab.

So etwa an der Nasdaq, die gerade ihren 40. Geburtstag hatte. Gefeiert wird an diesem Dienstag, wenn das Management an der Market Site am New Yorker Times Square feierlich den Handel eröffnet. Doch die Stimmung ist getrübt, denn hinter den Kulissen versucht man händeringend den Kunden zu erklären, dass deren Daten im Gewirr von Servern und meilenlangen Kabelsträngen sicher seien. Das ist in Anbetracht des jüngsten Hackerangriffs, der sich bereits Ende vergangenen Jahres ereignet hatte, jetzt aber erst bekannt geworden war, nicht einfach zu vermitteln. Zunächst sollte die Attacke auf das Computersystem der Technologiebörse auf Drängen der Ermittler geheim gehalten werden. Der Angriff galt zwar nicht dem Handel direkt, aber die Hacker drangen in ein anderes, brisantes System ein: das „Directors Desk“.

Hier tauschen etwa 5000 Manager von Nasdaq-notierten Firmen Daten und Dokumente aus, die oft höchster Geheimhaltung unterliegen. Sie enthalten fast zwangsläufig Insiderinformationen, die nicht an Dritte gelangen dürfen. Da könnten sie entweder dem Unternehmen selbst schaden oder zumindest dem Handel, denn mit Insiderinformationen lassen sich Kurse manipulieren und Milliarden ergaunern. Nachhilfe zu diesem Thema gibt es im Hollywood-Klassiker „Wall Street“, in dem Gorden Gekko (Michael Douglas) seine Strategie auf Insiderinformationen aufbaut; er muss im Film dafür letztlich zwei Jahrzehnte ins Gefängnis.

Für die Nasdaq sind Hackerangriffe möglicherweise noch gefährlicher als für andere Börsen, weil sich hier der ganze Handel elektronisch abspielt. Im Gegensatz etwa zur New York Stock Exchange (NYSE), die nur sechs Kilometer südlich als Tempel des Kapitalismus das Finanzviertel um die Wall Street dominiert, gibt es hier keinen Parketthandel, keine Trader in stickigen Räumen vor Monitorwänden. Hier gibt es nur Server, wenngleich die meisten außerhalb der von Touristen einsehbaren Market Site stehen.

Während die NYSE den Parketthandel unter anderem aus Imagegründen erhält und auf das Vertrauen der Anleger in den seriösen Handel setzt, war der rein elektronische Ablauf für die Nasdaq lange ein Vorteil. Während Kauf- und Verkauf-Orders an der NYSE noch von Hand ausgeführt wurden, handelten hier Computer in Sekundenbruchteilen. Die Kosten waren niedriger, der Zugang einfacher. Eine Zeit lang schien es, als wäre die Wall Street Geschichte und die Nasdaq die Zukunft. Weshalb fast die gesamte Hightechbranche in den neunziger Jahren ihre Aktien an der Nasdaq listete. Hier werden Apple und Microsoft gehandelt, Google und Yahoo, Cisco, Oracle, Research in Motion, der Onlineladen Amazon und der aktuelle Überflieger, der digitale Filmverleih Netflix – an der NYSE vertritt allein der behäbige Computer-Dino IBM die Branche. In anderen Sektoren sieht es ähnlich aus: An der NYSE handeln die Ölriesen, an der Nasdaq die Solarpioniere; an der NYSE finden sich Pharmagiganten, an der Nasdaq Biotech; die klassischen Supermärkte sind an der Wall Street notiert, die Biokette „Whole Foods“ am Times Square.

Das elektronische Modell und der Zustrom von Firmen ließ die Nasdaq vor allem in den vergangenen zehn Jahren rasant wachsen. Etwa 20 Prozent des gesamten Aktienhandels in Amerika laufen über die Plattform, zudem betreibt man fünf Börsen in Europa, darunter Berlin. Man kooperiert mit der London Stock Exchange im Wettstreit mit Frankfurt am Main, hält ein Drittel an der Börse Dubai und hat 2007 die Philadelphia Stock Exchange gekauft – die älteste Börse der USA. So ist die Nasdaq langsam zu einem Handelsimperium geworden, das die global vernetzten Märkte mit dominiert. Entsprechend brisant ist ein solcher Hackerangriff, denn im Finanzdschungel ist Vertrauen in die Sicherheit der Daten neben dem Dollar die wichtigste Währung.

Allerdings ist die Nasdaq nicht die einzige Handelsplattform, die ins Visier der Hacker geraten ist. Auch der Europäische Emissionshandel war von einem Cyber-Angriff betroffen. Mitte Januar musste die EU-Kommission den Handel mit den Kohlendioxid-Berechtigungen von Firmen für gut zwei Wochen einstellen. Erst seit dem 4. Februar darf wieder in ganz Europa mit den CO2-Zertifikaten gehandelt werden. Mitte Januar waren in Griechenland, Polen und Tschechien Zertifikate im Wert von 45 Millionen Euro gestohlen und sofort weiterverkauft worden. Ähnliches, nur mit einem weitaus geringeren Schaden, hatte sich im vergangenen Jahr schon einmal in Deutschland im Emissionshandelssystem abgespielt. Die Deutsche Emissionshandelsstelle war deshalb diesmal vorbereitet und die Handelsteilnehmer am deutschen Emissionsmarkt kamen entsprechend ohne größere Verluste davon. mit deh

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