Zeitung Heute : Etwas exzentrisch: Ein Tempelchen im Melonengarten

Als Regimentskommandeur ließ Friedrich sich in Neuruppin ein besonderes Refugium schaffen.

Bisschen Preußen, bisschen Orient. Den Grundstein zum Tempel- oder Amaltheagarten an der Neuruppiner Stadtmauer legte Kronprinz Friedrich. Hier ließ er sich ein Refugium mit kleinem antiken Tempel bauen. Im Schatten der Bäume soll er Pläne für seine Regierungszeit geschmiedet haben, wie die Erinnerungstafel an einem Gedenkstein verkündet. Der Tempel selbst kann seit dem vergangenen Jahr wieder besucht werden. Er hat heute die Form von 1800. Der Kronprinz hatte dagegen offene Seiten bevorzugt. Häufig finden hier Lesungen und Konzerte statt.
Bisschen Preußen, bisschen Orient. Den Grundstein zum Tempel- oder Amaltheagarten an der Neuruppiner Stadtmauer legte Kronprinz...Foto: picture alliance / ZB

Vielleicht hätte dem jungen Mann für seine Mußestunden im Garten eine ruhige Ecke mit Bänken und Sonnenschutz ausgereicht. Auch ein schattiges Plätzchen unter hohen Bäumen oder ein offenes Gartenhaus mit einer kleinen Terrasse wären denkbar gewesen. Aber das kam natürlich für einen künftigen König nicht infrage. Der entschied sich 1735 für ein Bauwerk, das es in dieser Form bis dahin in Europa noch nicht gab: einen Tempel. Das gewünschte Bauwerk wies zwar nur eine Grundfläche von wenigen Quadratmetern auf, aber der praktische Nutzen spielte ohnehin keine Rolle. „Der Tempel hatte eher eine symbolische Bedeutung“, sagt Hansjörg Albrecht, Museumsleiter in Neuruppin. „Es war der erste von Friedrich selbst in Auftrag gegebene Bau und gleichzeitig Ausdruck seiner nach der Küstriner Festungshaft wiedergewonnenen Freiheit.“ Davon zeugte auch das Bauwerk: Das Dach krönte eine Skulptur von Apollon, dem Gott der Sonne und des Lichts, des Beschützers der Künste. „Er wollte ja die künftige Sonne für Preußen und halb Europa werden“, sagt Albrecht.

Gerade 23 Jahre zählte der damalige Kronprinz, als er seinen 13 Jahre älteren Freund Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff um jenen Rundtempel nach antikem Vorbild bat. Auch für Knobelsdorff war es das erste Werk, dem er unter anderen das Schloss Rheinsberg, die Sankt-Hedwigs-Kathedrale und das Opernhaus in Berlin, das Schloss Sanssouci oder den Neuen Flügel am Schloss Charlottenburg folgen ließ.

Bis heute ist der Tempel in Neuruppin neben einigen Kasernenbauten das wichtigste Zeugnis für das immerhin vierjährige Wirken des Kronprinzen Friedrich als Regimentskommandeur, bevor er 1736 in das 30 Kilometer entfernte Rheinsberg umzog. Seit dem Sommer vergangenen Jahres glänzt das Tempelchen wieder: auf einem ungewöhnlichen Areal, im Grünen, inmitten der Stadt, im Tempel- oder Amaltheagarten. Der gehört noch immer zu den Geheimtipps, was bei einer Geburtsstadt von gleich zwei Berühmtheiten (Fontane und Schinkel) nicht weiter verwundern mag. Die beiden Herren beherrschen einfach die Touristenwerbung und -touren. Das dürfte sich im Friedrich-Jahr vielleicht ändern, sind doch diverse Veranstaltungen zur 300-Jahr-Feier geplant. Doch leider bleibt das Museum mit seiner Sonderausstellung zum Kronprinzen ausgerechnet in der Hauptreisezeit wegen Umbaus geschlossen.

Dennoch: Besucher können im Tempelgarten „eine völlig neue Welt erleben“, glaubt Günter Rieger, Autor zahlreicher Heimatbücher über Neuruppin und Kenner der Region. Diese neue Welt „beginnt schon beim Gang durch die authentische Prinzenpforte in der Stadtmauer“. Für den Kronprinzen sei es der Weg in die Freiheit, weg vom wenig geliebten Vater gewesen. Dort habe er Melonen gezüchtet und Kirschbäume gepflanzt, musiziert und Pläne für die Zeit als König geschmiedet. Bis auf den Tempel erinnert allerdings nur noch wenig daran, und auch dieses Bauwerk entkam nach der Kronprinzenzeit nur knapp der Zerstörung. Friedrichs Bruder Heinrich verhinderte zwar nach dem Stadtbrand von 1787 den Abriss, aber ausgerechnet ein von der Wiederaufbaukommission der Stadt beauftragter Major ging mit dem Friedrich-Erbe wenig respektvoll um. Er ließ die Öffnungen zumauern und eine Tür einbauen. Danach stand dem Tee- und später sogar dem Bierausschank nichts mehr im Wege. Heute erleben die Gäste den Tempel im Zustand von 1800, also mit geschlossenen Seiten. Bier und Tee wird nicht mehr ausgeschenkt, stattdessen gibt es Lesungen und Konzerte.

Zur Einkehr nach dem Rundgang durch den tadellos gepflegten Garten, in dem auch ein Friedrich-Gedenkstein nicht fehlt, bietet sich das ganz im maurischen Stil gehaltene Restaurant an. Die Neuruppiner Kaufmannfamilie Gentz setzte dort ab 1853 ihre Begeisterung für den Orient um und schmückte das Gärtnerhaus mit einem Minarett, baute eine verspielt wirkende Villa und erwarb passende Sandsteinfiguren aus Dresden.

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