Zeitung Heute : EU-Gipfel in Göteborg: Tragödie eines Herbergsvaters

Albrecht Meier

In einigen Schweden-Stadtführern steht geschrieben, die Göteborger Einkaufsmeile "Avenyn" sei fast so schön wie die Pariser Champs-Elysées. Das ist an sich schon ein sehr gewagter Vergleich, aber an diesem Samstagmorgen stimmt er sicher nicht. Geschäfte, Cafés, Banken und Hotels sind vernagelt, nachdem Randalierer hier am Vortag ihrer Zerstörungslust freien Lauf gelassen haben. An diesem Morgen treffen wir hier einen jungen Mann mit einem Rucksack und einer schwarz-roten Fahne. Hoch oben im schwedischen Sundsvall arbeitet er in einer Aluminiumfabrik, und "Anarcho-Syndikalismus" ist seine Glaubensrichtung, erklärt der 19-Jährige.

Auch an diesem Samstag sind in Göteborg wieder die jungen Leute auf der Straße - sie sind gegen alles Mögliche, auch gegen die EU, die in der beschaulichen westschwedischen Hafenstadt eigentlich sich selbst und die Fortschritte bei der Osterweiterung feiern wollte. Nun aber hat Göteborg wie schon zuvor Seattle, Prag, Davos und Nizza den zweifelhaften Ruf einer Stadt erlangt, in der Anarchisten und Globalisierungsgegner ihr Mütchen kühlten. Schwedens Ministerpräsident Göran Persson betrachtet die Krawalle als "Tragödie", und auch die Einwohner der Stadt sind wütend. Als wir uns auf der "Avenyn" mit unserem 19-jährigen Anarcho-Syndikalisten unterhalten, kommt ein Mann von der anderen Straßenseite herüber. "Was ist mit den Steinen und den Molotow-Cocktails, die bei den Demonstranten gefunden wurden?", stellt er den jungen Mann mit dem rot-schwarzen Stern auf der Kappe zur Rede. Etwas unsicher antwortet der: "Das sind alles Lügen der Medien."

Die schwedischen Zeitungen berichten groß über die Ausschreitungen, die die Stadt wie aus heiterem Himmel getroffen haben. Bis zum Samstagmorgen sind 20 Polizisten und 40 Demonstranten verletzt, einer der Gewalttäter schwebt nach einem Bauchschuss in Lebensgefahr. Aber auch am Tag nach den Krawallen fehlt in der "Göteborgs-Posten" nicht der Sonder-Service mit allen Uhrzeiten und Versammlungsorten für die 20 000 Demonstranten, die an diesem Samstag wieder in die Stadt gekommen sind.

Schwedens Ministerpräsident Persson, der Göteborg als friedlichen Gipfelort vorstellen wollte, ist ein ruhiger Mensch, den eigentlich nichts so schnell aus der Ruhe bringen kann. Die Krawalle aber sind auch eine persönliche Niederlage für ihn. Ursprünglich hatte er den europäischen Partnern zeigen wollen, dass man Globalisierungsgegnern und EU-Skeptikern nicht unbedingt mit dem Schlagstock begegnen muss. Die schwedische Polizei, die ihre Wasserwerfer schon ins Museum gestellt hat, hatte wochenlang Dialog-Strategien geübt - bis die Gewalttäter aus dem eigenen Land und die Krawall-Touristen aus Deutschland, Dänemark und den Niederlanden kamen. Trotzdem zeigt Persson auch nach den Krawallen skandinavische Toleranz: Die Nicht-Regierungsorganisationen, die während des EU-Gipfels kritische Diskussionsforen abhalten, handelten in "guter demokratischer Tradition", sagt der Ministerpräsident.

Persson weist damit auf das ganze Dilemma hin, das die Europäische Union derzeit zu bewältigen hat. Gerade jetzt, da der EU immer mehr Menschen skeptisch begegnen und die Nein-Sager wie zuletzt in Irland schnell auch mal die Oberhand gewinnen können, da wollen die Staats- und Regierungschefs vor allem eines nicht: sich in die Wagenburg zurückziehen, schön verschanzt hinter einem der zahlreichen Container, die in aller Eile am Freitagnachmittag in der Göteborger Innenstadt zum Schutz gegen die Krawallmacher aufgestellt werden. Also muss der Dialog mit den Bürgern draußen in Göteborg weitergehen. Deshalb muss auch der deutsche Außenminister Joschka Fischer, der einiges Verständnis für die in der Stadt versammelten Klimaschützer aufbringt, nach den Krawallen mit der Umweltorganisation "Friends of the Earth" diskutieren.

Ein bisschen Kapitulation

Bloß nicht bürgerfern will die EU bei diesem Krawall-Gipfel in Göteborg erscheinen. Zu den Bürgern gehört aber auch dieser Göteborger Kneipenbesitzer, der sich seine Gedanken über den so genannten "Klassenkampf" der Chaoten macht: "Wen die wirklich getroffen haben, das sind die kleinen Leute. Für die Krawallmacher ist es ein besonderer Kick, wenn sie hier alles kaputtschlagen können." In den Augen des deutschen Bundeskanzlers handelt es sich bei den Göteborger Randalierern um "Desperados". Gerhard Schröder denkt auch schon laut über ein Ausreiseverbot für sie nach. Von seinem Außenminister Joschka Fischer weiß man vor dem Hintergrund von dessen Biografie ohnehin, dass er die Auswirkungen von Gewalt genau kennt - sie erreicht das Gegenteil des ursprünglichen Ziels. Und auch der Schwede Göran Persson, der wie ein gütiger Herbergsvater über diesen Gipfel wacht, versteht hier keinen Spaß mehr: Er will den Chaoten die Stirn bieten, erklärt er. Auch in Zukunft dürften EU-Gipfel nicht vor Gewalttätern kapitulieren.

Ein bisschen kapituliert haben die Staats- und Regierungschefs der EU am Wochenende in Göteborg aber dann doch. Weil die Polizei nicht mehr die Sicherheit des trauten Abendessens, das sie ursprünglich im Botanischen Garten in der Innenstadt geplant hatten, garantieren mochte, verzogen sich Europas Staatenlenker dann lieber ins Konferenzzentrum. Umziehen mussten auch die Delegationen der Finnen, Belgier, Niederländer und Luxemburger, deren Hotels die Randalierer plötzlich gefährlich nahe kamen. Der niederländische Ministerpräsident Wim Kok und sein luxemburgischer Kollege Jean Claude Juncker wählten bei ihrem Auszug den diskreten Hinterausgang - über die Feuerleiter.

Und worum ging es beim EU-Gipfel eigentlich? Unter anderem um den Nahen Osten, der seit der Pendelmission von Joschka Fischer dem Frieden etwas näher kommen könnte. Weil sich diese Botschaft aber besser von Berlin unter das heimische Volk bringen lässt, verlässt Fischer schon am Samstagmorgen die Stadt an der schwedischen Küste. Der Länderrat der Grünen hat Vorrang.

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