EU-Klimapaket : Ein guter Anfang

Von Dagmar Dehmer

Vor einem knappen Jahr hat sich die Europäische Union mit ihren Klimabeschlüssen dazu bekannt, dass die Erderwärmung ein Menschheitsproblem ist. Am Mittwoch hat die EU-Kommission einen Vorschlag vorgelegt, wie aus dieser Erkenntnis Praxis werden kann. Es ist ein ernst zu nehmender Versuch zu zeigen, wie der Klimawandel gebremst werden kann. Vom Weltklimarat (IPCC) wissen wir, dass in den kommenden zehn bis 15 Jahren Entscheidungen getroffen werden müssen, um den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 weltweit zu halbieren. Dann könnte die globale Erwärmung bei etwa zwei Grad gestoppt werden, alles darüber halten die Wissenschaftler nicht mehr für kontrollierbar. Der EU-Vorschlag macht einen ersten Schritt, um den dafür nötigen Umbau zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft einzuleiten.

Was die EU-Kommission vorgelegt hat, ist nicht trivial. Innerhalb von 15 Jahren den Treibhausgasausstoß um 20 oder sogar 30 Prozent zu senken, ist eine echte Anstrengung – und nicht kostenlos zu haben. Auch wenn ein sparsamerer Umgang mit Energie schon einen Großteil des Problems lösen kann, geht es langfristig darum, Energie klimafreundlicher zu erzeugen. Dafür stellt der Emissionshandel von 2013 an die Weichen richtig. Klimaschädliche Kohlekraftwerke werden sich in Europa nicht mehr lohnen, wenn für jede ausgestoßene Tonne Kohlendioxid zwischen 20 und 30 Euro bezahlt werden müssen. Kohlekraftwerke können in einem solchen Umfeld nur noch bestehen, wenn das CO2 eingefangen und sicher eingelagert wird. Ob sich Atomkraftwerke, die mehr oder weniger CO2-frei sind, unter diesen Bedingungen wieder lohnen könnten, wird das Experiment in Großbritannien zeigen. Dort hat sich die Regierung für einen Wiedereinstieg in die Atomenergie entschieden. Ob das wirtschaftlich ist, muss die Realität zeigen. Sicher ist, dass Strom aus Wind, Biomasse oder Erdwärme wettbewerbsfähiger wird, und deshalb in Zukunft weniger Förderung brauchen wird.

Sicher ist auch, dass die Stromkosten für die Verbraucher zunächst einmal steigen werden. Um zehn bis 15 Prozent erwarten die Ökonomen. Der Grund: Der Emissionshandel macht die Erzeugung von Strom mit fossilen Brennstoffen wie Kohle teurer. Und weil es noch nicht genügend erneuerbare Stromquellen gibt, muss auch für den Aufbau dieser Kraftwerke bezahlt werden. Der Zeitpunkt ist für Deutschland aber günstig, weil eine Vielzahl von alten Kohlekraftwerken und Atomkraftwerken vom Netz gehen werden. Ersatzinvestitionen müssen auf jeden Fall stattfinden. Die müssen nicht unbedingt in neue Kohlekraftwerke fließen, sie können auch für den Aufbau von Offshore-Windparks im Meer aufgebracht werden. Auf lange Sicht kann jedes Haus ein kleines Kraftwerk werden. Ein Blockheizkraftwerk im Keller oder eine Solaranlage auf dem Dach kann über eine intelligente Verschaltung von Millionen solcher kleinen Kraftwerke genug Strom erzeugen, damit nirgendwo das Licht ausgeht. Wer es schafft, Automobilfabriken mit Robotertechnik zum Laufen zu bringen, sollte auch in der Lage sein, eine Steuerungstechnik für ein Stromnetz gespeist aus Kleinkraftwerken zu entwickeln. Für die Industrie, speziell die energieintensive, wird der Bau von Kraft- Wärme-Kopplungsanlagen, Kraftwerken, die Strom und Wärme zugleich erzeugen, bei steigenden Strompreisen immer attraktiver. Diese Anlagen können die eingesetzte Wärme zu mehr als 90 Prozent ausnutzen, so wird sogar Kohle noch relativ klimafreundlich.

Das heißt nicht, dass es keine Verlierer geben wird. Natürlich wird es für Stahlwerke schwieriger, wettbewerbsfähig zu bleiben, wenn ihre Energiekosten steigen. Das kann auch Arbeitsplätze kosten, wenn es für diese Industrien keine Hilfen gibt. Auf der anderen Seite entstehen aber neue Arbeitsplätze bei der Entwicklung und dem Aufbau all der Technologien, die Kohle und Atomkraft ablösen. Die EU steht am Anfang einer weltweiten Entwicklung und sichert sich eine gute Ausgangslage, um weltweit Klimalösungen zu verkaufen. Auf kurze Sicht kann das wirtschaftliche Nachteile bringen – auf längere Sicht ist das ein Vorteil.

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