Zeitung Heute : Eurasische Gemeinsamkeiten

China und Europa haben die Chance, auf gleicher Augenhöhe zu verkehren

Lanxin Xiang

Wer nach dem Stand der Beziehungen zwischen der Europäischen Union und China fragt, sollte nicht nur die aktuelle Situation betrachten. Schließlich begegnen sich Europa und China heute schon zum dritten Mal. Die ersten beiden Begegnungen waren weder ausgeglichen noch von beiderseitigem Nutzen. Pioniere waren die Jesuitenmissionare. Diese bereiteten den Boden für die Beziehungen im 16. und 17. Jahrhundert, die sich durch die einseitige Leidenschaft Europas kennzeichnete, das sich schockiert von der hervorragenden Qualität chinesischer Produkte zeigte und begierig chinesische Ressourcen aufsog: Ideen, Werte und Technologien. Die zweite Begegnung war geprägt von Gewalt und ungeheurem Hass nach der chinesischen Niederlage gegen Großbritannien im Opiumkrieg der 1840er Jahre. Jetzt gibt es für China und Europa zum ersten Mal die Chance, ihre Beziehungen auf gleicher Augenhöhe zu gestalten.

Was die Entscheidungs- und Steuerungsprozesse internationaler Politik betrifft, bewegen sich China und Europa in bemerkenswerter Weise aufeinander zu. Für beide sind Multipolarität und multilaterales Handels von zentraler Bedeutung. Das ist vor allem das Ergebnis der chinesischen Einschätzung des eurasischen Kontinents als der zuverlässigsten Brücke auf seinem Weg in die neue Weltordnung. Die Entente der Irakkrieg-Gegner, die Frankreich, Deutschland, Russland und China umfasste, ist kein vorübergehendes Phänomen. Es hat einen grundlegenden Wandel im internationalen System ausgelöst. Zum einen befindet sich das Konzept des „Westens“ in einer Krise. Zum anderen beginnt ein Prozess zunehmender Auseinanderentwicklung der politischen Wege der Vereinigten Staaten und der EU, in innenpolitischer wie in außenpolitischer Hinsicht.

Gleichzeitig nähern sich die innenpolitischen Strategien und die Außenpolitiken auf dem eurasischen Kontinent stark an. Die Bereitschaft der EU, eine zunehmend wichtige Rolle bei der zukünftigen Einbeziehung Chinas zu spielen, wird sich als starker Antrieb für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU erweisen.

Was sind die Grundlagen dieser Konvergenz? Neben geopolitischen Entwicklungen muss man die ideologischen Faktoren berücksichtigen. Robert Cooper, Javier Solanas Chefberater und führender Europa-Vordenker, behauptet, die EU sei ein Modell des Postmodernismus, während China weiterhin dem 360 Jahre alten System des Westfälischen verhaftet sei, das auf einem Gleichgewicht von Hegemonialmächten basierte. Diese These erfreut sich einer gewissen Popularität. Deshalb seien sich China und USA auf lange Sicht näher: Beide glaubten an die Machtpolitik und betonten den Faktor „hard power“. Aber Cooper irrt. Wir sehen heute, dass China seine einzigartige „soft power“ – bewusst oder unbewusst – überall in der Welt ausbaut, vor allem in Afrika und Lateinamerika. Die übliche Lesart, dass Chinas Erfolg auf seiner Fähigkeit basiert, das westliche Modell der Marktwirtschaft zu übernehmen, beruht auf der Annahme, dass sich die Chinesen auf Dauer ihres fürchterlichen politischen Systems entledigen werden. Aber es ist ein Irrglaube, zu meinen, dass Chinas traditionelle Werte und sein Regierungssystem die Wirtschaftsentwicklung hemmen.

In Wirklichkeit hat China den Postmodernismus erfunden, wenn man etwa die Ablehnung von Rassismus, von territorialer Expansion, von eurozentristischer Geschichtsauffassung und von mechanistischen Argumenten zugunsten der repräsentativen Demokratie betrachtet. Europäer waren die Ersten, die chinesische Denkweisen aufgenommen haben. Von Spinoza über Nietzsche bis hin zu Wittgenstein hat die europäische postmoderne Bewegung entscheidend dazu beigetragen, ethnische und nationale Konflikte zu eliminieren und eine Welt des Ausgleichs zu schaffen; diese These erfreut sich in politischen Kreisen in China zunehmender Beliebtheit.

Aber die Geschichte ist voller ironischer Wendungen. Europa ist eine säkulare Gesellschaft geworden, eine sozialdemokratische Gesellschaft, und eine, die sich verabschiedet hat von einer ihrer wichtigsten Erfindungen, dem Westfälischen Friedenssystem. Viele in der intellektuellen Elite Chinas sind dagegen immer noch stark beeinflusst von der eurozentristischen Geschichtsbetrachtung. Sie lehnen den Gedanken einer eigenen chinesischen Tradition ab und glauben an den Beginn des modernen Chinas mit dem Opiumkrieg.

Auf diese Weise wird das rasant aufsteigende China noch immer vom schlechtesten Teil der europäischen Vergangenheit heimgesucht. Die wichtigste Aufgabe der chinesischen Führung sollte also sein, die traditionellen chinesischen Werte wiederzubeleben, und nicht, den Westen einzuholen. Nur so kann sich China der Herausforderung stellen, eine Welt des Ausgleichs mitzugestalten.

Bedauerlicherweise ist China offenbar noch nicht in der Lage, sich selbst verständlich zu machen, und es gibt keine klare Aussage über das Erreichen einer internationalen Spitzenposition. In dieser Hinsicht muss China von Europa lernen – nicht nur von dessen Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz, sondern auch von dessen Mut zur Abschaffung einiger der erniedrigenden Praktiken, die nicht mehr den Normen und Standards einer wirklich postmodernen Welt entsprechen. China hat Europa im 17. Jahrhundert beeinflusst. Heute kann Europa eine konstruktive Rolle spielen und China behutsam in die richtige Richtung stupsen.

Der Autor ist Direktor des China Center an dem Graduate Institute of International Studies in Genf. Aus dem Englischen von Al Sopot

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