Zeitung Heute : EURO IN DER KRISE: Quittung für eine lasche Politik

HEIK AFEHLDT

Nun glauben Fachleute, die magische Widerstandslinie von 1 Euro gleich 1 US-Dollar würde demnächst durchbrochen.Möglich zwar, aber kein Weltuntergang.Kräftige und überraschende Kursänderungen sogar zwischen "harten" Währungen gab es immer wieder.Erinnern wir uns an die Phase bis Juni 1969, als 1 Dollar mit 4 Mark bezahlt wurde.Ein Jahr später galt der Dollar noch 3,60 und 1995 nur noch 1,38 Mark.Seinerzeit sagten kluge Währungsexperten voraus, demnächst ständen Mark und Dollar bei 1:1.Stattdessen verlor die Deutsche Mark gegenüber der US-Währung 1980/81 - Helmut Schmidt war noch Bundeskanzler - in nur zwölf Monaten ganze 40 Prozent! Dagegen wirkt der angebliche "Verfall des Euro" fast wie ein Signal der Stabilität.Aber man darf über den Sinkflug des Euro nicht einfach hinweggehen.Hinter Bewegungen an den Devisenmärkten stecken meist ernstzunehmende Gründe.

Was macht den Euro im Vergleich zum Dollar heute schwach? Sicherlich die Stärke und Dynamik der amerikanischen Wirtschaft, die mit einer traumhaften Jahresrate von über vier Prozent kräftig weiter wächst.Damit steigen auch der Kapitalhunger der US-Wirtschaft und die Zinsen.Der Zinsvorsprung zum Euro liegt zur Zeit, je nach Laufzeit, bei etwa anderthalb Prozent.Wenn die amerikanische Konjunktur weiter so voranstürmt wie bisher und die Inflationsgefahren steigen, dann würde diese Differenz eher noch größer - und der Dollar für die Anleger noch attraktiver.Die Europäische Zentralbank hat angesichts der flauen Europakonjunktur keinerlei Spielraum für einen Zinsschritt nach oben - und nun auch keine Luft mehr für weitere Zinssenkungen.Solche Einsichten und Erwartungen nähren wiederum die Spekulationen und Hofnungen auf einen weiteren Dollaranstieg.Auch an den Devisenbörsen gilt der Satz: Die Hausse nährt die Hausse.

Aber es sind nicht immer nur "die anderen" schuld.Der schwache Euro spiegelt vor allem die Schwächen und die großen ungelösten Probleme in Europa wider.Da wird der Kosovo-Konflikt genannt.Aber für den Eurokurs hat er mehr psychologische Bedeutung, als sachlich gerechtfertigt ist.Die Wirtschaften der Euroländer leiden unter dem Jugoslawienkonflikt nicht - und am absehbaren Ende profitieren sie sogar vom Wiederaufbau.

Aber die Devisenbörsen haben ein feines Sensorium für Mißstände und unerledigte Hausaufgaben.In allen drei großen Euroländern, in Deutschland, in Frankreich und vor allem in Italien sind die Haushalte in "unordentlicher" Verfassung.Sie drohen aus dem Ruder zu laufen und die Stabilitätskriterien zu verletzen.In Deutschland sind die überfälligen Reformen der Steuern, der Sozialsysteme und der Arbeitsmärkte keinen Schritt vorangekommen.Selbst die in dieser Woche als Erfolg verkaufte Gesundheitsreform läuft nach Meinung vieler in eine falsche, dirigistische Richtung.Das Vertrauen in eine wachstums- und beschäftigungsfördernde deutsche Politik ist weithin abhanden gekommen.Der Euro ist so schwach, wie die Politiker in Europa ihn machen.Stimmen, die jetzt rausposaunen, der Euro sei - gegen ihre Warnungen - eben doch zu früh gekommen, irren.Nicht der Euro ist eine "kränkelnde Frühgeburt", sondern eher sind es die Regierungen, die oft das Bild einer Laienspielschar bieten.Der Kurs des Euro registriert das nur.

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