Euro-Krise : Man spricht Deutsch

Höher, höher, immer höher, näher, mein Gott zu dir. Der Burj Khalifa, das derzeit höchste Gebäude der Welt, steht in Dubai und ist 828 Meter hoch. Das ist viel höher als der Kölner Dom, und der ist mit 157 Metern auch schon ziemlich nah am Himmel. Das Ende der Fahnenstange ist nicht in Sicht. Längst haben wir Menschen uns über den Urturm erhoben, den in Babylon, der war nämlich nur 91 Meter hoch. Wenn man bedenkt, was der uns beschert hat, will man gar nicht wissen, was noch alles auf uns zukommt. Als der gebaut wurde, stieg Gott herab, um sich die Baustelle anzuschauen. Sie missfiel ihm, weil er befürchtete, dass das Volk, das böse, alles erreichen könne. Statt sich aber den Bauherrn oder den Polier vorzuknöpfen, strafte er die Menschen, indem er ihre Sprache verwirrte und sie über die ganze Erde verteilte. Seitdem sprechen wir nicht mehr mit einer Zunge. Was zu Qualen im Lateinunterricht und blöden Missverständnissen auf den Speisekarten der Welt führte. Aber nun naht die Wende, die teilweise Korrektur der babylonischen Sprachverwirrung. Der Euro macht’s möglich: Man spricht Deutsch.

Deutsch ist die Sprache der Stunde. Das Goethe-Institut, jene rührige Institution, die deutsche Sprache und deutsche Kultur in die Welt hinausträgt, meldet Hochkonjunktur. Plötzlich wollen alle Deutsch lernen.

Es sind die überschuldeten Euro-Staaten, in denen es die Menschen zu deutschen Schulbüchern treibt. Insgesamt 234 587 Menschen aus 93 Ländern besuchten 2011 deutsche Sprachkurse, den größten Zuwachs verzeichnete Spanien mit 35 Prozent, gefolgt von Portugal (20 %), Italien (14 %) und Griechenland (10 %). Gut, die Griechen hinken noch ein wenig hinterher, aber das wird sicher noch. Nun kann man natürlich argwöhnen, all die Beflissenen trauen dem Euro-Kurs unserer Kanzlerin nicht und sehen keine baldige Besserung in ihrer Heimat – sondern nur noch ihr Heil in der Flucht und der Übersiedlung nach Deutschland. Aber das ist doch eine sehr schöne Nachricht, dass wir international so hoch im Kurs stehen, dass wir Anziehungskraft haben und hübsch attraktiv sind. Lange hat man anderes annehmen müssen. Und wenn die Deutschschüler von heute dann morgen zu uns kommen, hier leben und arbeiten, Spanier, Portugiesen, Italiener, Griechen, dann dürften die Sarrazins blöd gucken: Multikulti lebt. Der Euro macht’s möglich. Und Babylon und die Sprachverwirrung sind endlich und endgültig gerächt. Helmut Schümann

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