Zeitung Heute : Europa als Traum und Trauma

Bénédicte Savoy zeigt, wie Napoleons Kriege nationale Identitäten prägten

Sybille Nitsche

Bénédicte Savoy freut sich, ihre braunen Augen strahlen. Die junge Professorin hat in Moskau einen spektakulären Fund gemacht: Napoleons Schlitten, mit dem der Imperator 1812 aus Russland fliehen musste, ausgestellt im Russischen Historischen Museum. Das wertvolle Objekt wird wahrscheinlich ab Herbst 2009 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen sein. Derzeit wird dort eine große Ausstellung zu Napoleon und Europa vorbereitet.

Savoy, die an der TU Berlin als Juniorprofessorin im Fach Kunstgeschichte lehrt, ist Kuratorin der Ausstellung. „Napoleon und Europa: Traum und Trauma“ so lautet der vorläufige Titel der Schau, für die sie nun in Europas Museen nach geeigneten Exponaten sucht. „Ich will Objekte zeigen, die sowohl für Napoleons Traum als auch für das Trauma stehen, das er verursachte, als er ganz Europa mit Krieg und Eroberung überzog“, sagt die 35-jährige Wissenschaftlerin. So stieß sie in Paris auf den Brustpanzer eines Soldaten, der schwer verletzt worden war. Denn an der linken Schulter klafft ein faustgroßes Loch. Ein Geschoss muss dort den Panzer durchschlagen haben. Ein Fund, der für das europäische Trauma stehen könnte.

2005 waren die Organisatoren der Bundeskunsthalle an die Juniorprofessorin herangetreten. Nicht von ungefähr, denn Savoy hatte fünf Jahre zuvor mit ihrer Promotion über den napoleonischen Kunstraub in Deutschland eine brillante Arbeit vorgelegt.

Die Promotion zeuge von „tiefer Kenntnis der europäischen Kulturgeschichte um 1800“, sei ein „wichtiger Beitrag zur frühen Museums- und Ausstellungshistorie“ und beeindrucke durch ihre „bewundernswerte sprachliche und gedankliche Klarheit“, hieß es damals. Bestechend sei ihre „interdisziplinäre Gelehrsamkeit“, „ihre umsichtige Systematisierung“ und ihre „Formulierungskraft und Akribie“.

Überzeugend hatte sie dargestellt, wie der in der deutschen Bevölkerung als schmerzlich empfundene Verlust der geraubten Kulturgüter die nationale Identität formte. Damit habe sie auf Napoleons Kunstraub einen völlig neuen Blick gewagt, sagt Etienne François, Professor für Geschichte und Leiter des Frankreichzentrums an der Freien Universität. Ihr jüngster Erfolg ist die Aufnahme in die „Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Wissenschaften“ im Frühsommer dieses Jahres. Doch Kollegen wie Etienne François oder Adrian von Butlar, Professor für Kunstgeschichte an der TU Berlin, sehen in ihr nicht nur eine „überdurchschnittlich begabte Wissenschaftlerin“. Sie schätzen sie auch als engagierte Hochschullehrerin. In der Laudatio anlässlich ihrer Wahl in die „Junge Akademie“ hieß es, sie sei eine „begeisterte, kommunikative und mitreißende Persönlichkeit, eine engagierte und großzügige Dozentin, die Studenten fasziniert“.

Das können ihre Studenten nur bestätigen. Sie sei keine Hochschullehrerin, die den Stoff nur herunterspule. Ihre Vorlesungen seien meistens ein Gespräch mit den Studenten, niemals ein professoraler Monolog. Sie sei ganz einfach von dem, was sie lehre, begeistert und das begeistere eben auch – lautet das studentische Urteil.

In der Bonner Ausstellung sieht Savoy die Chance, „etablierten Betrachtungsweisen neue Perspektiven entgegenzusetzen, um das napoleonische Erbe für Europa wirklich als Ergebnis komplexer Wechselwirkungen, transnationaler Dynamiken und vielschichtiger Erinnerungskonstruktionen würdigen zu können.“

So seien in Frankreich und Deutschland, in England und Spanien oder auch in Polen unterschiedliche, miteinander konkurrierende Napoleonbilder entstanden. Aber sie haben die Gemeinsamkeit, dass sie tief in die politischen und ideologischen Auseinandersetzungen der verschiedenen Epochen eingebunden waren, erklärt Savoy. „Projektionen: Napoleon in den Erinnerungskulturen“ wird deshalb ein Abschnitt heißen.

Ein anderer wird sich einer großen Leerstelle in der Geschichtsschreibung widmen: dem Körper des Soldaten, seinen Verletzungen und Wunden. Aufgrund der Menschenmassen, die durch die napoleonischen Kriege und Befreiungskriege gegeneinander kämpften, habe die physische Erfahrung von Schmerz eine ganze Generation junger Männer europaweit geprägt, sagt Savoy. Nicht nur die zur Ikone gewordene Pose des Siegers wird in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen sein, sondern auch der Besiegte wird sichtbar – im geschundenen Körper der Soldaten.

Die junge Professorin will mit der Ausstellung einen Beitrag zur Erinnerungsgeschichte Europas leisten. Die Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert sei leider national geprägt gewesen, und das habe lange den Blick darauf verstellt, dass Europa ein Gewebe sei.

Diese kulturellen Verflechtungen sichtbar zu machen, das prägt nicht nur Savoys Forschung. Sie spiegeln sich auch in ihrem Lebensweg wider. Die Französin studierte Germanistik in Paris, und mit ihrer französischen Ausbildung lehrt sie nun an einer deutschen Universität.

Transnational war ihre Promotion und transnational werden ihre zukünftigen Forschungen zu den Anfängen der Ägyptologie als internationale Bewegung sein. Interdisziplinär war auch ihre Arbeit am Centre Marc-Bloc der TU Berlin, wo sie mit Historikern, Soziologin, Juristen und Geografen zusammenarbeitete. Sie selbst bezeichnet sich als Angehörige der „Generation Trans“, die keine Grenzen kennt. Sie lacht, steigt auf ihr Fahrrad und radelt zum Kindergarten. Ihre zwei kleinen Töchter warten dort auf sie. Sie spricht mit ihnen französisch, der Vater deutsch.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben