Zeitung Heute : Europa, ein ferner Traum

DEUTSCHES THEATER Nuran David Calis konfrontiert den Roman „Tee im Harem des Archimedes“ mit aktuellen Flüchtlingsgeschichten.

PATRICK WILDERMANN

Die Geschichte spielt in der Pariser Banlieu, in einem dieser tristen Betonghettos für die Randständigen und Zugewanderten. Pat und Madjid, zwei 17-jährige Jungs ohne Arbeit und Perspektive, schlagen sich hier als Kleinkriminelle durch. Sie sind die Hauptfiguren im autobiografischen Roman „Tee im Harem des Archimedes“ des algerischen Autors Mehdi Charef, der den Stoff auch selbst verfilmt hat. Vor nunmehr 30 Jahren.

Natürlich habe er sich die Frage gestellt: „Was hat dieses Buch mit der Welt von heute zu tun, von der du erzählen willst?“, sagt Regisseur Nuran David Calis, der den Roman jetzt am Deutschen Theater auf die Bühne bringt. Es gibt zwei Antworten darauf. Eine abstrakte und eine sehr konkrete. „Charef erzählt vom Scheitern der Integration“, so Calis. Und angesichts der auf Abwehr bedachten europäischen Flüchtlingspolitik, der ins Leere laufenden Migrationsdebatten, könne er nur feststellen: „Dieser Befund ist heute noch genauso treffend.“ Was ihm durchaus Sorge bereitet. „Europa wird nicht an irgendeiner Währungskrise kaputtgehen“, ist der Theatermacher überzeugt, „sondern die europäische Idee droht an der Integrationsunfähigkeit zu zerbrechen.“

Der andere Link zwischen Charefs Erzählung und der deutschen Gegenwart sitzt beim Gespräch mit am Tisch. Ibrahim Baldé und Marof Yaghoubi sind zwei junge Flüchtlinge, die in Berlin leben. Ihre Biografien werden eine zentrale Rolle spielen. „Wir benutzen den Roman als Katalysator, um unsere eigenen Geschichten in Gang zu setzen“, sagt Calis. Er hat die beiden über ein Casting gefunden und das Deutsche Theater überzeugt, sie für dieses Projekt zu engagieren. „Ich will die Zuschauer dafür sensibilisieren, dass es nicht Zahlen oder Länder sind, die hierherkommen“, betont der Regisseur, „sondern Menschen, die ihr ganz persönliches Schicksal durchlitten haben.“

Ibrahim Baldé stammt aus Guinea, 2010 ist er aus seiner Heimat wegen politischer Verwerfungen geflohen. Er gelangte über Marokko nach Spanien und von dort zu einem Freund nach Paris, wo er aber kein Asyl beantragen konnte. „Ich besitze keinen Pass, ich habe alle Dokumente in Marokko zurückgelassen“, erzählt er, abwechselnd auf Französisch und Englisch. Sein Weg führte schließlich über ein Flüchtlingslager in Brüssel nach Berlin. Die Bürokratie sähe vor, dass er sich in Dortmund meldet. Weil dort die für Guinea zuständige Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ansässig ist. „Ich kenne diese Stadt nicht, was soll ich dort?“, fragt Baldé kopfschüttelnd.

Marof Yaghoubi, der in Afghanistan geboren wurde, hat bereits eine neunjährige Odyssee hinter sich. Über den Iran, die Türkei und Griechenland ist er vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen, die Sprache beherrscht er fast fließend. Yaghoubi, der Schauspieler ist, besitzt nur einen geduldeten Status, arbeiten darf er nicht. „Ich will doch kein Geld vom Sozialamt, um zu Hause Fernsehen gucken zu können“, sagt er.

Was die beiden durchgemacht haben, um in Deutschland ernüchtert zu werden, deutet Calis nur an. Fluchten in engen Kofferräumen, nächtliche Seefahrten im Schlauchboot, bei denen ein Gefährte ertrank. Der Regisseur will diese Erlebnisse nicht aus der Warte des abgeklärten Künstlers auf die Bühne stellen. Er besitzt ja selbst eine brüchige Biografie. Als Sohn armenisch-jüdischer Eltern wurde er in Bielefeld geboren, wuchs später in der Türkei auf, floh 1980 mit der Familie vor dem Militärputsch zurück nach Deutschland, wo die Eltern politisches Asyl beantragen mussten. „Alle sechs Monate ging es darum, ob die Aufenthaltsgenehmigung verlängert wird oder nicht“, so Calis. „Ich habe neun Jahre meines Lebens in so einem Wachkoma verbracht wie die beiden Jungs.“

„Ich wünsche mir“, sagt Marof Yaghoubi noch, „dass die Menschen nur für eine Minute nachfühlen können, wie ich lebe. Ohne Zukunft.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere: 9.2., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellungen 12.2., 20 Uhr und 24.2., 19 Uhr

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