Zeitung Heute : Europa im Ausnahmezustand Freitag, 8.30 Uhr 14.30 Uhr 11.30 Uhr

Berlin - Die gigantische Aschewolke des ausgebrochenen Vulkans in Island hat den europäischen Luftverkehr in das größte Chaos seiner Geschichte gestürzt. Hunderttausende Passagiere saßen fest, da die Lufträume von mehr als einem Dutzend Ländern in Europa am Freitag größtenteils gesperrt waren. Etwa zwei Drittel der rund 29 500 täglichen Flüge wurden gestrichen. In Deutschland wurden bis zum Abend alle 16 internationalen Flughäfen geschlossen, zuletzt der in München. Auf den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld wurden rund 400 Starts und Landungen abgesagt. Alle deutschen Flughäfen bleiben an diesem Samstag mindestens bis 14 Uhr geschlossen. Dies teilte die Deutsche Flugsicherung am späten Freitagabend mit. Das betrifft auch alle Flüge der Lufthansa und von Air Berlin. Von den Streichungen betroffene Passagiere wurden von Air Berlin gebeten, nicht zum Airport anzureisen. Für Flüge bis einschließlich Sonntag sei es möglich, kostenlos umzubuchen.

Die Lage an den Flughäfen in Europa wird sich nach Vorhersagen der Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol auch am Samstag nicht entspannen. Die Aschewolke werde sich über Europa ausbreiten und deutlich größere Teile überdecken als am Freitag, teilten die Luftsicherheitsexperten in Brüssel mit. Die Wolke werde weiter nach Süden ziehen und am Samstagmorgen eine gedachte Linie von Südfrankreich über Norditalien bis zum nördlichen Balkan erreichen. Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes wird der deutsche Luftraum mindestens bis Samstagabend gesperrt bleiben. Im ungünstigsten Fall werde es auch am Sonntag keine Flüge geben.

Kanzlerin Angela Merkel war ebenfalls betroffen: Sie musste auf ihrem Rückflug aus den USA in Portugal Zwischenstation machen und kommt frühestens am Samstag von dort weiter. Ungewiss ist damit auch, ob Merkel wie geplant am Sonntag beim Staatsbegräbnis für Polens Präsidenten Lech Kaczynski dabei sein kann. Die in Afghanistan verwundeten Bundeswehrsoldaten wurden wegen der Luftraumsperrungen nach Istanbul ausgeflogen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Minister Karl-Theodor zu Guttenberg begleite die Soldaten in dem speziell für Verletztentransporte ausgestatteten Medevac-Airbus.

In einem beispiellosen Schritt schloss die Deutsche Flugsicherung den Luftraum über den internationalen Flughäfen, darunter auch über Deutschlands größtem Airport in Frankfurt am Main. Bereits am Donnerstagabend waren auf den Flughäfen in Norddeutschland Starts und Landungen ausgesetzt worden.

Die Deutsche Bahn setzte alle zur Verfügung stehenden Züge ein. „Alles, was rollen kann, rollt“, sagte ein Bahn-Sprecher. Auf den Hauptstrecken zwischen den Ballungszentren waren dennoch viele Züge brechend voll. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer forderte die Bürger zum Verzicht auf Reisen auf. Er empfehle allen, auf Flüge zu verzichten, „die jetzt nicht unbedingt erforderlich sind“. Es gebe keine Alternative zur Schließung des Luftraums und der Flughäfen.

Der Vulkan unter dem Gletscher Eyjafjöll in Island war am Mittwoch zum zweiten Mal innerhalb eines Monats ausgebrochen. In der Folge hatte sich eine Aschewolke von bis zu elf Kilometer Höhe gebildet. Vulkanasche kann für Flugzeuge sehr gefährlich werden. Zum einen ist in Wolken aus Vulkanasche nur wenig Sauerstoff vorhanden, so dass die Triebwerke ausfallen. Zum anderen kann die Asche sich im Triebwerk absetzen, was auch zum Ausfall des Antriebs führen kann, erläuterte die Pilotenvereinigung Cockpit.

Auch am Freitag stieß der Vulkan weiter Asche in die Atmosphäre, allerdings mit etwas weniger Kraft. Wie das Meteorologische Institut in Reykjavik mitteilte, gab es am zweiten Tag des Ausbruchs aber keinerlei Anzeichen für ein baldiges Ende.

Die deutschen Flughäfen rechnen schon jetzt mit „enormen wirtschaftlichen Auswirkungen“ durch den massiv gestörten Luftverkehr. „Der Vulkanausbruch wird den Flughäfen täglich Verluste in Millionenhöhe bescheren“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbands ADV, Ralph Beisel. Bei den Menschen in Europa könnte die Aschewolke zu gesundheitlichen Problemen führen. Das Ausmaß sei allerdings noch unklar, erklärte ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation in Genf. mit dpa

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