Europa im Konflikt : Gnadenlos stoisch

Stephan-Andreas Casdorff

Der Rekordaußenminister hat recht, er, der alles gesehen hat, vom heißen bis zum Kalten Krieg, die Teilung Deutschlands, die Vereinigung. Die Situation, sagt also Hans-Dietrich Genscher im Hinblick auf Russland und die Nato, ist gefährlich. Und damit untertreibt er nicht. So ist es. Aber was ist zu tun?

Mag es heiße Herzen hüben und drüben und in den USA geben, jetzt ist kühler Kopf Pflicht. Soll auch keiner, der dort jetzt Präsident werden will, denken, dass er sich profilieren könnte wie in einer Kubakrise. Nein, nötig ist, in wohlverstandener „Coolness“ das zu tun, was angemessen ist. In einer modernen Strategie der flexiblen Antwort, mit einem Doppelbeschluss, aber auf geistiger Ebene. Will heißen: Wenn die Russen auf den Westen zukommen, auf die Nato, wenn sie zusammenarbeiten wollen, dann soll ihnen niemand Zusammenarbeit verweigern. Wenn nicht – dann müssen die Konsequenzen aufgezeigt werden, für die WTO, für die G 8, für bilaterale Beziehungen, aber möglichst unaufgeregt. Die Härte liegt nicht im Ton.

Worte entwickeln ihre eigene Wucht, und keiner soll zu große wählen, soll zu laut werden, weil das sonst zum Handeln provoziert, die eigene wie die andere Seite. Darum sollte das der Leitspruch sein: nur sagen, nicht drohen. Den Russen sagen, wie viel man doch gemeinsam gewonnen hat und wie viel alle verlieren können, wenn sie einseitig handeln. Ihnen noch einmal sagen, dass die Nato beides ist, ein Wertebündnis wie eine Verteidigungsallianz, und dass zu den zu verteidigenden Werten die Freiheit gehört. Und ihnen nicht drohend sagen, dass Russland vom Westen auch profitiert, wenn es zum Beispiel Gas liefert. Die Abhängigkeit ist nämlich gegenseitig. Und darin ist die Entwicklung unumkehrbar.

Ein dichtes Netz an Kooperation fesselt auch den Riesen. Die Herren im Kreml werden schon verstehen, wenn sie nüchtern kalkulieren. Und das werden sie tun. Breschnew ist tot. Die Putinisierung der Politik ist weit fortgeschritten, aber der Wohlstand nicht. Weil der russische Haushalt zu einem Fünftel von Gasprom bestritten wird, ist jedes Minus von Übel. Immerhin ist Russland, wie die vormalige UdSSR, ein Vielvölkerstaat. Kann Moskau am Boden liegenden Regionen nicht mit Rubeln aufhelfen, werden die aufbegehren. Die Tschetschenen wären nur die Ersten. Dieser Fliehkräfte würden Putin und Co. nicht so einfach Herr.

Die Vorteile der Zusammenarbeit gnadenlos stoisch vorzutragen, in hoher Selbstdisziplin gegen jede Provokation, kontrolliert, um die Kontrolle übers Gesagte und zu Tuende zu behalten – das ist die Kunst. Staatsmannskunst. Und sie muss nun dem abverlangt werden, der gegenwärtig Europa repräsentiert: Frankreichs Zappelphilipp Nicolas Sarkozy. Europa muss zwingend mit einer Stimme sprechen, mit seiner, um seiner Bedeutung gerecht zu werden. Um zu werden. Das Europa, das nicht mehr Appendix der Weltgeschichte ist wie zu Zeiten der Blockkonfrontation, sondern Sehnsuchtsort für viele Staaten der zerfallenen Sowjetunion. Es kann eine gute Zukunft schaffen. Es muss. In der Perspektive liegt die machtvolle Chance. Wollte sich Russland nur noch der „Schanghai-Gruppe“ zuwenden, von Europa abwenden, die asiatische Großmacht wird es nicht, der Platz ist doppelt besetzt. Andere sind größer, China, auch Indien, wirtschaftlich.

Eine Alternative zum Gespräch gibt es im Übrigen nicht. Denn das gilt unverändert: Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter. Wer will das schon.

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