Zeitung Heute : Europa und den Orient erzählen

Der türkisch-französische Schriftsteller Nedim Gürsel lehrt in diesem Semester an der Freien Universität Berlin.

Nedim Gürsel war schon auf DAAD-Einladung in Berlin. Foto: Bernd Wannenmacher
Nedim Gürsel war schon auf DAAD-Einladung in Berlin. Foto: Bernd WannenmacherFoto: Bernd Wannenmacher

Nedim Gürsel ist in diesem Wintersemester zum Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin ernannt worden. Der türkisch-französische Schriftsteller zählt neben Orhan Pamuk und Yasar Kemal zu den wichtigsten Gegenwartsautoren der Türkei.

Gürsel wurde 1951 im türkischen Gaziantep geboren. Bereits Ende der 1960er Jahre veröffentlichte er Novellen und Essays in verschiedenen türkischen Literaturzeitschriften. Nach dem Staatsstreich von 1971 musste Gürsel sich für einen seiner Artikel vor Gericht verantworten, woraufhin er nach Frankreich ins Exil ging. Dort lehrt er heute an der Pariser Universität Sorbonne und leitet das Centre National de la Recherche Scientifique. Mit Berlin ist Nedim Gürsel eng verbunden. 2003 lebte er dort bereits als Gast des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD).

Im Rahmen seiner Gastprofessur an der Freien Universität Berlin bietet Nedim Gürsel ein in französischer Sprache gehaltenes Seminar zur türkischen Literatur der Gegenwart an.

Grundlage von Gürsels Werken bilden die Geschichte der Türkei und Europas sowie orientalische Erzähltraditionen. Sein erster Erzählband „Ein Sommer ohne Ende“ erschien 1976; Gürsel erhielt dafür die höchste Literaturauszeichnung der Türkei: den Preis der türkischen Akademie. Sein erster Roman „Der Eroberer“ folgte 1997 und fand international große Beachtung. Darin schildert Gürsel die Geschichte eines Schriftstellers, der von seinem Romanhelden – der historischen Gestalt des grausamen und zugleich feingeistigen Sultan Mehmet II. – so sehr fasziniert ist, dass für jenen Fiktion und Realität, Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. Seine Überidentifikation lässt ihn gar zum Verbrecher werden. Was sich zunächst wie ein farbenprächtiger historischer Roman über Leidenschaft, Leben und Tod liest, erweist sich als eine kritische Auseinandersetzung mit der türkischen Militärdiktatur Anfang der Achtzigerjahre. Gürsel wurde für sein realistisches Bild des Eroberers Mehmet in seiner Heimat des Vaterlandsverrats beschuldigt. Sein ebenfalls in der Türkei sehr kontrovers rezipierter Roman „Les Filles D'Allah“ erscheint 2012 in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp.

Die Samuel-Fischer-Gastprofessur wurde 1998 gemeinsam vom S. Fischer Verlag, dem Deutschen Akademischen Austausch Dienst, der Freien Universität Berlin und dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften an der Freien Universität Berlin eingerichtet.

Die Professur ist nach dem gleichnamigen Gründer des S. Fischer Verlages benannt. Bislang hatten die Gastprofessur renommierte Autoren wie der Literaturnobelpreisträger Kenzaburô Ôe, Marlene Streeruwitz, Feridun Zaimoglu, Etgar Keret, Alberto Manguel, Yann Martel, Raoul Schrott und Richard Powers, Daniel Kehlmann und Adam Thirlwell inne. Nedim Gürsel ist bereits der 26. Preisträger.FU

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