Europa und die Krise : Genug ist nicht genug

Die Vereinigten Staaten von Amerika, unter der Führung von Präsident Barack Obama, veranstalten gerade das größte monetäre Experiment in der Geschichte. Sehr viel zurückhaltender agieren die Europäer. Die Folgen dieser Ankurbelungskluft könnten bedrohlich sein.

Malte Lehming

In den wichtigsten Fragen der Menschheit haben sich Menschen geirrt. Legendär wurden diese Irrtümer, wenn sie von Experten kamen. Vier Beispiele: „Den Leuten wird es langweilig werden, jeden Abend in so eine kleine Holzkiste zu starren“ (Darryl Zanuck, mehrfacher Oscar-Preisträger und Gründer von „20th Century Fox“, 1946 über das Fernsehen). „Ich bin überzeugt davon, dass weltweit ein Bedarf nach nicht mehr als fünf Computern besteht“ (Thomas J. Watson, IBM-Präsident, 1943). „Diese Strahlen des Herrn Röntgen werden sich als Betrug erweisen“ (Lord William Thompson Kelvin, Präsident der „Royal Society“, 1833). „Die Amerikaner brauchen vielleicht das Telefon, wir aber nicht. Wir haben sehr viele Eilboten“ (Sir William Preece, Chefingenieur der britischen Post, 1878).

Die Vereinigten Staaten von Amerika, unter der Führung von Präsident Barack Obama, veranstalten gerade das größte monetäre Experiment in der Geschichte. Mit gigantischen Summen, die sich zu Billionen addieren, werden Banken gestützt, Industrien gerettet, die Konjunktur reanimiert. Wenn das Experiment gelingt, hat Obama einen weiteren Beleg für die überragende Gestaltungs- und Veränderungsmacht der US-Supermacht erbracht. Geht es schief, mündet die Weltkrise in der Katastrophe. Staatsschuld, Hyperinflation, globales Finanzchaos. Ähnlich massiv wie die Amerikaner investieren Chinesen und Japaner. Sie alle handeln nach der Devise: Große Krisen verlangen große Antworten.

Sehr viel zurückhaltender agieren die Europäer. Das hat historische und psychologische Gründe (Politik sei das „langsame Bohren dicker Bretter“, sagt Max Weber), aber auch faktisch verkraftet der alte Kontinent durch sein enges soziales Netz eine steigende Arbeitslosigkeit sehr viel besser als etwa die USA oder China. Überdies ist es ja möglich, dass Europa das richtige Maß hält, während die anderen Länder überreagieren. Das zu entscheiden, bleibt entweder sich irrenden Experten überlassen oder der sich nie irrenden künftigen Realität. Das Publikum ist derzeit wohl kaum weniger konfus als die politischen Hauptdarsteller.

Sicher ist nur, dass der Zwist, der sich zwischen einerseits USA, China und Japan und andererseits Europa auftut, brisant, ja explosiv ist. Und es nützt nichts, die transatlantischen Gegensätze zu leugnen. Sie sind real, auch wenn sich kein Europäer gern als Spielverderber Obamas – nach acht langen Jahren George W. Bush! – stigmatisiert sehen möchte. Einher mit der Krise gehen Protektionismus und Nationalismus. Länder, die sich allein selbst zu retten versuchen, gefährden oft die Rettung anderer.

Umso notwendiger sind daher zwei Maßnahmen: Erstens müssen die Industrieländer die Mittel des Internationalen Währungsfonds erheblich aufstocken, damit die Ärmsten der Armen nicht vollends abgehängt werden. Zweitens aber muss sich die Konjunkturankurbelungskluft zwischen den USA und Europa verringern. Denn entweder Obamas Giganto-Experiment gelingt – dann muss Europa den Vorwurf entkräften, sich auf Amerikas Kosten saniert zu haben. Oder es misslingt, dann wird Europas Hasenfüßigkeit dafür verantwortlich gemacht. Überspitzt formuliert: In der Krise findet sich Europa unversehens in einer Lose-lose-Situation wieder. Einer Bevölkerung, die einem allzu voluminös geratenen Staatsinterventionismus misstraut, mag das egal sein. Für die politische Dynamik des Westens indes könnten die Folgen bedrohlich sein.

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