Zeitung Heute : Europäische Zentralbank: Ein Wort zu viel

Rolf Obertreis

Jeden ersten Donnerstag im Monat bietet sich das gleiche Bild. Im erstenStock der Europäischen Zentralbank (EZB) am Frankfurter Willy-Brandt-Platz drängeln sich Journalisten, Fotografen, Kamerateams aus ganz Europa. Kurz vor halb drei schreitet ein groß gewachsener, weißhaariger Herr leicht gebeugt durch das Spalier der Medienleute und nimmt dann im Konferenzsaal am kleinen Tisch auf dem Podium Platz. Wim Duisenberg, der Präsident der EZB, lässt das Klicken der Kameras stoisch über sich ergehen. Dann ergreift er das Wort. In perfektem Englisch, aber mit unüberhörbarem niederländischem Akzent.

So war es auch vor zwei Wochen. Völlig überraschend hat die EZB die Zinsen erhöht. Der Präsident erläutert den Beschluss, spricht von der Grundlage für anhaltend stabiles Wachstum. Fragen, die heikel sind, wie etwa nach dem Abstimmungsverhalten im EZB-Rat, beantwortet er nicht. Oder er lächelt nur, zum Beispiel als es um die Interventionen im September geht. "Alle Beträge, die ich in letzter Zeit in den Medien gelesen habe, zwischen 1,5 und 20 Milliarden Euro, sind mehr oder weniger korrekt." Duisenberg zeigt sich wieder einmal als geldpolitisches Schlitzohr. Er agiert souverän.

Um so unverständlicher sind die Äußerungen des 65-Jährigen, die Anfang der Woche in einem Interview mit der "Times" zu lesen waren, zumal sie nicht so schnell hingesagt waren wie vor einer Fernsehkamera. Man werde kaum zu Gunsten des Euro intervenieren, wenn er wegen der Nahost-Krise unter Druck geraten sollte, erklärte Duisenberg - fatale Worte mit durchschlagender Wirkung. Sachlich sind die Äußerungen einleuchtend, gilt doch der Dollar traditionell als Krisenwährung. Da würden Interventionen zu Gunsten des Euro wenig helfen. Aber ein Geldpolitiker sollte eben nicht alles sagen. Auch wenn es stimmt.

"Das war ein Fehler. Aber hoffentlich nur ein Ausrutscher", sagt Axel Siedenberg, stellvertretender Chef-Volkswirt der Deutschen Bank. Der Euro sackte ab, Duisenberg wurden in der Branche prompt Rücktrittsabsichten nachgesagt. Das Gerücht, das Insider für absurd halten, machte auf den notorisch nervösen Finanzmärkten schnell die Runde. Besonders hart kritisierte am nächsten Tag die französische Presse den Niederländer: "Wim Duisenberg, Euro-Tölpel", titelte die linksliberale Zeitung "Libération" und brachte mit diesem Vorwurf eine in Kreisen der Pariser Regierung weit verbreitete Stimmung zum Ausdruck.

Viele Pluspunkte hat der gelernte Wirtschaftswissenschaftler Duisenberg in den zwei Jahren gesammelt, die er jetzt an der Spitze der EZB steht. Aber er hat auch Fehler gemacht. So sorgte auch er dafür, dass der Euro mit einem viel zu hohen Kurs ins Rennen gegangen ist. Seinen lockeren Spruch "Ein Euro ist ein Euro", einfach so hingesagt vor gut einem Jahr, bereut er längst. Auch seine zehnzeilige Vertrauenserklärung für die neue Währung, herausgeschickt an einem Freitag im vergangenen Februar, war keine Meisterleistung. "Er beherrscht die Diplomatie eines Geldpolitikers nicht richtig", sagt ein Beobachter in Frankfurt. Duisenberg sei ein schwacher Präsident, urteilen andere. Der schwache Euro gilt vielen als sichtbarer, fast schon dauerhafter Beleg dafür.

Tatsächlich ist es Aufgabe der EZB, für stabile Preise zu sorgen. Das macht sie gut. Das ist auch Duisenbergs Verdienst, dem seine große politische und geldpolitische Erfahrung zu Gute kommt. Bevor er die EZB übernahm, war er beim Internationalen Währungsfonds, er lehrte an der Universität Amsterdam, als Sozialdemokrat amtierte er von 1973 bis 1977 als niederländischer Finanzminister, dann kurz als Vizechef bei der Rabobank. 15 Jahre lang lenkte er die Geschicke der niederländischen Notenbank. Den Gulden machte er in dieser Zeit zu einer starken Währung.

Es ist kein Wunder, dass französische Stimmen nun den Chor der Duisenberg-Kritiker anführen. Als sich die Franzosen vor zwei Jahren der Berufung Duisenbergs an die Spitze der EZB heftig widersetzten, hatte das weniger mit Zweifeln an dessen fachlicher Eignung zu tun als mit dem Wunsch, einen eigenen Vertreter zum Präsidenten zu küren. Der französische Notenbank-Präsident Jean-Claude Trichet soll, das steht seither fest, Duisenbergs Nachfolger werden. Aber Trichet hat ein großes Handicap: In seinem Heimatland wird gegen ihn wegen Bilanzfälschung ermittelt.

Duisenberg selbst hat noch nie klar gesagt, wie lange er die EZB noch zu führen gedenkt. Der Chef der Europäischen Zentralbank wird zwar generell für acht Jahre gewählt. Aber nur zehn der elf Euro-Teilnehmer hatten vor zwei Jahren den Niederländer an der Spitze haben wollen. Frankreichs Präsident Jacques Chirac beharrte damals stur auf seinem eigenen Kandidaten Trichet. Die Franzosen willigten erst ein, als Duisenberg erklärte, angesichts seines Alters wolle er die Amtszeit nicht vollenden. Dann wäre er gerade einmal 70. Dem Holländer, so heißt es in seinem Freundeskreis, muss es damals sehr schwer gefallen sein, die demütigende Bedingung seiner Wahl auch noch als freiwillige Selbstbeschränkung auszugeben.

In seiner Umgebung gilt der Banker mit dem wirren Haupthaar als durch und durch aufrechter Mensch, der nicht lügen will. So schlich sich Duisenberg in der Nacht seiner Wahl zum EZB-Präsidenten aus dem Brüsseler Ministerratsgebäude: Er wollte nicht den Journalisten in die Arme laufen, die von den Umständen seiner Wahl erfahren hatten und ihn danach fragen wollten.

Währungsexperten halten es für absurd, Duisenberg und die EZB für den schwachen Euro verantwortlich zu machen, denn weder auf die Stärke der US-Wirtschaft noch auf die uneinheitliche Wirtschaftspolitik in den verschiedenen europäischen Ländern hat er Einfluss. Aber nun belasten Äußerungen des Präsidenten selbst den Kurs der Währung. Über manches darf gerade der EZB-Chef kein Wort verlieren, vor allem, wenn es um Interventionen geht. "So viele Leute reden über den Euro, aber ich rate Ihnen, hören Sie nur auf mich", hat Duisenberg vor kurzem gesagt und wohl nicht gedacht, dass ihm solch ein Fauxpas unterlaufen könnte.

Zu den neuen französischen Vorwürfen gegen Duisenberg und den Spekulationen um Trichets Ambitionen gibt es aus dem Frankfurter EZB-Tower keinen offiziellen Kommentar. Heute aber muss der Chef selbst Stellung nehmen. Die Euro-Banker tagen ausgerechnet in Paris. Wenn Duisenberg im Tagungsraum der Banque de France in der Rue de la Villière Auskunft gibt, wird er sich wohl jedes einzelne Wort sehr gut überlegen.

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