Zeitung Heute : Europas Einheit ist angewandte Klugheit

Warum Friedrich List, der in Asien viel gelesen wird, auch in unseren Breiten wieder mehr beachtet werden sollte

David P. Calleo

Die Ablehnung der europäischen Verfassung in Frankreich und den Niederlanden leitet eine neue Phase des großen europäischen Projekts ein. Womöglich sind große neue politische Strategien und strukturelle Veränderungen erforderlich. Ein Verharren birgt zunehmend Risiken. Die europäischen Institutionen verlieren die Unterstützung entscheidender öffentlicher Gruppierungen.

Der Hauptgrund ist wohl die Enttäuschung über die wirtschaftliche Entwicklung der EU, besonders ihre Rekordarbeitslosigkeit seit den 1990ern. In der öffentlichen Debatte wird diese Arbeitslosigkeit jetzt mit dem Euro beziehungsweise mit der von der Europäischen Zentralbank (EZB) vorgegebenen Geldpolitik in Zusammenhang gebracht.

Warum ist der deutsche Weg heute von hohen Arbeitslosenzahlen begleitet und war in den 1970ern so erfolgreich, sogar ein „Modell“? Als Grund wurde zunächst die deutsche Wiedervereinigung angegeben und heute die „Globalisierung“. Die westeuropäischen Arbeiter stehen nicht nur in Konkurrenz mit ärmeren Arbeitskräften in Osteuropa, sondern zunehmend mit einem immensen Reservoir sehr billiger Arbeitskräfte in China und Indien. Gleichzeitig drückt die asiatische Konkurrenz die Preise für Güter, die im Westen verkauft werden. Letztendlich ist die europäische Arbeit jedoch dazu verdammt, unrentabel zu werden, ihre Vorteile an Kapital und Ausbildung genügen nicht, um das riesige Lohngefälle auszugleichen.

Das natürliche Ergebnis ist wachsende Arbeitslosigkeit im Westen. Angesichts der unterschiedlichen Lohnniveaus geht der Druck auf die westlichen Löhne über ein bloßes den-Gürtel-enger-Schnallen hinaus. In Großbritannien und den USA sind die radikalen Folgen für die Einkommensumverteilung bereits zu sehen. Der Wohlfahrtskapitalismus der Nachkriegszeit sollte eine Rückkehr dieser Klassenkonflikte der Weimarer Zeit verhindern – es wäre töricht anzunehmen, dass sie nie wiederkehren können.

Niemand sollte den großen asiatischen Staaten ihre lang verzögerte Erneuerung missgönnen. Das Problem dieses Jahrhunderts wird sein, ihren Erfolg ohne einen radikalen Abfall des Lebensstandards der westlichen Arbeiterschaft aufzunehmen. Die Herausforderungen des letzten Jahrhunderts – einem schnell wachsenden Deutschland oder Amerika Platz zu verschaffen – wirken vergleichsweise trivial.

Es wird intellektuelle und politische Führung von Format brauchen, um eine Katastrophe zu verhindern. Allein kann wahrscheinlich weder der neo-keynesianische Ansatz der Nachkriegszeit noch der neoliberale eine angemessene Orientierung bieten.

Keine der beiden Perspektiven berücksichtigt die radikalen Brüche in wirtschaftlichen, umwelttechnischen oder gesellschaftlichen Bedingungen, die Globalisierung mit sich bringt, wenn sie sich auf das in schneller Modernisierung begriffene China oder Indien erstreckt. Jedes Modell einer erfolgreichen Koexistenz muss wahrscheinlich eine Portion Protektionismus einschließen. Als Richtlinie wird „fairer Handel“ den „freien Handel“ mehr und mehr ablösen müssen.

In den Nachkriegsjahrzehnten wurde die Wirtschaftsgeschichte eher vernachlässigt und rationalistische sowie technische Ansätze der Wirtschaftstheorie historischen oder philosophischen vorgezogen. Diese haben unsere Vorstellungskraft nicht besonders gut auf den Umgang mit dem heutigen China vorbereitet. Ältere Traditionen waren erheblich vielfältiger. Unter den besonderen Schätzen der deutschen Vergangenheit befindet sich der „liberale Protektionismus“, der Friedrich List zugeordnet wird.

Beispielsweise bevorzugte er einen nationalen Protektionismus, um das schnelle industrielle Wachstum zu nähren, das zur Stimulierung und Balance einer in Modernisierung begriffenen Gesellschaft nötig war. Dieselbe Logik rechtfertigt vermutlich den Gebrauch politischer Macht, um brutale Einschnitte im Lebensstandard zu verhindern. Doch List war bewusst, dass die politische Korrektur des Gleichgewichts zwischen freiem Handel und Protektion ein ausgeprägtes moralisches und kulturelles Gespür erforderte, wozu Selbstdisziplin, Respekt und Fairplay anderen Ländern gegenüber gehörten.

List sah, wie der Wettbewerb die Volkswirtschaften der Welt in immer größere Zusammenschlüsse drängte. Idealerweise sollte jeder von ihnen eine Größe und Vielfalt besitzen, die den lebhaften inneren Wettbewerb sowie das kollektive Gewicht und die Autonomie ermöglichten, die für den Handel mit anderen großen Zusammenschlüssen nötig sind. In seiner Jugend favorisierte er den Zollverein, doch stellte er sich nach kurzem einen Gemeinsamen Europäischen Markt als Gleichgewicht zur britischen Vorherrschaft und den aufsteigenden Vereinigten Staaten vor.

Man sagt, List werde in Asien viel gelesen. Womöglich ist es Zeit, ihn in Europa wieder zu beleben – schließlich war er der große Prophet einer Europäischen Union. In einer Zeit, in der die EU scheinbar vom Weg abgekommen ist, könnte eine Rückkehr zu den großen Visionen, die sie zum Leben erweckt haben, sinnvoll sein.

Für die Welt hängt viel vom Erfolg Europas ab. Mit der EU haben die europäischen Staaten ein neues politisches Rezept erfunden – eine Union von Nationalstaaten. Das bedeutet gegenüber traditionellen Staatssystemen einen großen Vorteil. Diese politische Technologie kann zwar nicht einfach als Ganzes in andere Regionen exportiert werden, trotzdem ist sie sehr viel versprechend. Die Welt braucht dringend regionale und globale Strukturen, um gemeinsame Interessen zu identifizieren und zu vertreten. Sie braucht außerdem Strukturen, die Beziehungen zwischen großen Zusammenschlüssen regulieren und globale Konflikte entschärfen können, bevor sie außer Kontrolle geraten.

Kurzum: die angewandte Klugheit, die Europas Experiment mit der gemeinsamen Einigung verkörpert, ist ein öffentliches Gut für die ganze Welt, das überall mehr und mehr gebraucht wird. Natürlich ist es von entscheidender Bedeutung, dass es in Europa selbst funktioniert. Dies ist nicht der Moment, in dem der europäische Einfallsreichtum stocken darf.

Der Autor ist Professor und Direktor für Europäische Studien an der John Hopkins University, School of Advanced International Studies.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder.

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