Zeitung Heute : Eurotrash

Von Martin Kilian

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Es ehrte mich diese Woche ungemein, einem großen Mann Vorbild sein zu dürfen. Am Sonntag spendete ich einem der zahlreichen Bettler an der Connecticut Avenue einen Dollar, am Montag spendete Warren Buffett 31 Milliarden Dollar für die Stiftung von Bill und Melinda Microsoft.

Bevor ich fortfahre, möchte ich an dieser Stelle fanatischen Apple-Aficionados einreiben, dass ich mein Geld lieber Bill Gates als Steve Jobs gebe – oder hat schon mal jemand von Stevie einen müden Dollar als mildtätige Gabe bekommen? Ja? Wer sein Geld bei Gates anlegt, kriegt dafür Impfungen und andere schöne Dinge. Bei Jobs gibt es nur Aufgeblasenheit. Nach dem Ablassen dieses zugegeben rüden Dampfes möchte ich hiermit Warren Buffett, diesem Entrepreneur der Extraklasse, meinen Dank aussprechen und zugleich daran erinnern, dass reiche Amerikaner großzügiger sind als reiche Europäer – solange ihr Name entsprechend verklärt wird.

Von Jacob Astor über Andrew Carnegie und Bill Gates spendeten amerikanische Reiche ihre Vermögen für gute Zwecke. Nicht wie in Europa, wo die Reichen vor allem vererben, damit ihre Sprösslinge im Sumpf des Dolce Vita oder mit ihren Jachten untergehen können. Werfen wir doch nur einmal einen Blick auf das Lotterleben junger reicher Europäer, hierzulande als „Eurotrash“ bekannt, deren Existenz sich aus dem Erbe der Eltern nährt. Offenbar argumentieren Mama und Papa mit Oscar Wilde, Wohltätigkeit leiste „einer Vielzahl von Sünden“ Vorschub, weshalb es besser sei, der Philantropie als eines gefährlichen Ausdrucks von „Gutmenschentum“ resolut zu entsagen und die Millionen dem Nachwuchs hinterherzuwerfen. Hier mein Junge, ’ne Milliarde, vergnüg dich auch schön!

In Amerika gilt dergleichen als verwerflich. Oder wie Buffett sagte, als er den Microsofts für deren Stiftung seine Milliarden übereignete: Er liebe es, wenn er die Menschen über die lähmenden Auswirkungen des Wohlfahrtsstaats reden höre und sie gleichzeitig ihren Kindern ein Leben in Saus und Braus vermachten. Das lähmt nämlich erst recht! Im Übrigen hängt auch mein Geld in jenen Zigmilliarden für die Gates-Stiftung. Brav kaufte ich im Lauf der Jahre Süßigkeiten und Matratzen von Herstellern im Besitz von Buffetts Holding. Der an mir gemachte Profit wird also auf Umwegen nach Afrika wandern, wo sodann geimpft und gewerkelt wird, was das Zeug hält.

In Europa sieht es vergleichsweise mies aus. Oder gibt es etwa eine Agnelli-Stiftung? Eine Otto Beisheim Foundation? Eine Lidl-Stiftung? Aldi? Nein? Nun muss ich gestehen, dass auch mich die Vorstellung reizt, in bester amerikanischer Tradition dereinst meinen Namen nach einer millionenschweren Spende zumindest an einem Universitätsgebäude eingemeißelt zu sehen (The Kilian Center for Applied Physics). Noch besser wäre natürlich eine ausgewachsene Stiftung mit einer Milliardendollarausstattung für Schwermetaller – The M.Kilian Foundation for Heavy Metal!

Meiner Seel, wie viel Gutes könnte damit getan werden! Allein die Immunisierung bakteriologisch hoch gefährdeter Gitarristen wie Angus Young oder Headbanger-Combos wie Judas Priest! Vererben an die Töchter werde ich jedenfalls nichts, zumal die Dinge im Zeitungswesen derart stehen, dass der Verwaltungsrat nach Rücksprache mit dem Chef meinen Antrag auf sofortige zehn Milliarden überraschend abgelehnt hat. Es könne nicht Aufgabe der Zeitung sein, in den Vereinigten Staaten eine nach mir benannte Stiftung zu finanzieren, die sich ungeimpften Rockgitarristen widmen wolle, lautete der unverschämt formulierte Bescheid.

„Wir schulden es der Gesellschaft, ihr etwas zurückzugeben“, sagte Bill Gates, nachdem ihm Warren die 31 Milliarden überreicht hatte. Nur ich darf wieder nicht, weil die Zeitung in typisch europäischer Manier auf ihrem Geld sitzen bleibt. Manchmal ist es zum Verzweifeln mit den Europäern!

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