Eurovision Song Contest : In der Satellitenbahn

Puh!, sagt sie, als sie die Halle sieht. So groß! Meist aber absolviert Lena Meyer-Landrut, deutsche Hoffnung beim Eurovision Song Contest, die Vorbereitungswoche in Oslo nach dem Motto: Was irritiert, wird ignoriert.

Imre Grimm
Wer spricht? Medien-Lena? Lena-Lena? Lena Meyer-Landrut (l.) beim Botschaftstermin. Foto: Nigel Treblin/ddp
Wer spricht? Medien-Lena? Lena-Lena? Lena Meyer-Landrut (l.) beim Botschaftstermin. Foto: Nigel Treblin/ddpFoto: ddp

Die junge Frau ist aufgeregt, lächelt vorsichtig. Vor ihr steht eine Kamera, hinter ihr eine hellblaue Wand. Auf der Bluse der junge Frau pappt ein Aufkleber mit der Nummer: 05053. Sie singt ziemlich leise, und vor einem Fernsehbildschirm in der Kölner Schanzenstraße verguckt sich ein Mann in sie, der sie berühmt machen wird. Es ist ein Abend im Mai 2009. „Ein magischer Moment“, sagt Stefan Raab, Deutschlands Beauftragter für den Eurovision Song Contest. Er beginnt, Lieder für das Mädchen zu schreiben, lange bevor es bei der Vorentscheidung siegt.

Ein Jahr später, ein Abend im Mai 2010. Wieder steht ein Finale an, das Finale, dessen wegen die Sangeswelt in dieser Woche nach Oslo blickt, und nun steht Lena Meyer-Landrut dort auf der Bühne, singt und tanzt, sie ist zum Star geworden in den vergangenen Monaten. Ein fremder Mann am Bühnenrand ruft vielleicht stellvertretend für ein ganzes Land: „Ich liebe dich!“, was Lena Meyer- Landrut, 19 Jahre alt und aus Hannover, souverän ignoriert. Es könnte auch irritieren, erschrecken oder freuen. Doch an ihr rutscht es ab wie so vieles andere auch, Fragen nach Privatem oder Nachforschungen in ihrer so jungen Vergangenheit. Später nennt sie den Zustand, in dem sie sich befindet, eine „komische Berühmtheitssache“. Und: „Ich bin doch nur Lena.“ Sie sagt das jedem, der es hören will. „Bloß keine Rolle spielen, wenn man nicht Schauspieler ist. Lieber ehrlich und echt als gespielt und aufgesetzt.“

Am Rande von Oslo, in Bærum, einem exklusiven Vorort. Die erste Probe zum Grand-Prix-Finale am heutigen Samstag in der Telenor Arena ist angesetzt. „Puh“, sagt Lena leise, als sie zum ersten Mal die Halle betritt. „Puh.“ Die Halle, Heimstätte des Fußballvereins Stabæk Fotball, ist groß. Lena Meyer-Landrut hat Magenschmerzen. Nach dem ersten Durchgang setzt sie sich auf den Bühnenboden. Stefan Raab lobt, tröstet, korrigiert: „Man merkt, dass du im Livefieber bist, dass du Gas gibst. Das ist super, genauso musst du’s machen!“ Sie nickt konzentriert. Sie trägt zwei verschiedene Schuhe, zum Ausprobieren.

Schnörkellos, cool, grauschwarz, ohne Rüschen – schon optisch ist Lena das Gegenteil von Nicole, der deutschen Grand-Prix-Heldin von 1982, die nach dem Wunsch ihres Mentors Ralph Siegel „katholisch“ aussehen sollte. Der Wunsch, Lena möge Nicole ablösen, ist in ganz Deutschland vorhanden, die Chancen gelten als nicht schlecht: Bei den Buchmachern gehören Lena Meyer- Landrut und ihr Song „Satellite“ kurz vor dem Finale zu den Favoriten, und der Verein Deutsche Sprache befürchtet beim Eurovision Song Contest am Samstag in Erinnerung an den 20. von 25 Plätzen des Vorjahres für „Miss Kiss Kiss Bang“ in Oslo eine „erneute Blamage“. Weil doch die Kandidatin auf Englisch singe, so habe das nämlich noch nie geklappt.

Lena, Lena über alles

Warum Lena nicht siegen kann

Es ist eine Sehnsucht nach Jugendlichkeit und ein bisschen Unkonventionalität, die sich an der Person von Lena kristallisieren. Sie ist zum Popstar der bröckelnden Mittelschicht geworden. Viele erleben Lenas Fähigkeit zur Selbsterdung als Wohltat im Heer der tiefdekolletierten Windmaschinenstroboskoplichtshowblondinen.

Dass Lena eher Gesamtkörperinterpretin ist als Stimmwunder, dass ihr irisch- australisch-ghettomäßiger Englisch-Dialektmix in kein Schema passt – das erregt höchstens ein paar Puristen. Sie selbst macht sich einen Jux draus und singt, begleitet von ihrem Mentor Raab, „No Matter What“ von Boyzone in krautigstem Englisch. Was soll’s.

Dass sie über Privates schweigt, wurmt nur den Boulevard. Eine Reporterin des Fernsehsenders RTL fragt, ob denn auch die Familie Lena in Oslo unterstützt.

Lena weigert sich, die Frage zu beantworten: „Nööööööööt.“

Raab feixt: „Joa, muss Frauke Ludowig halt mal ohne so ’n Käse auskommen.“

RTL: „Familie ist also immer tabu?“

Lena: „Mm-h.“

Ein paar Tage später versucht die RTL- Reporterin erneut ihr Glück: „Lena, hast du einen Glücksbringer?“ - „Ja.“

„Was denn?“

„Sage ich nicht. Dann wirkt er nicht mehr.“

Wie die Liebeserklärung des Fremden am Rande ihrer Osloer Bühne schafft sie es auch hier, das Irritierende zu ignorieren. Die Starrolle kann also auch Freiheiten lassen. Darin dürfte sich auch Stefan Raab bestärkt sehen, über dessen Privatleben auch nichts öffentlich wird. Berühmtheit ist immer ein Angriff auf den Seelenfrieden. Mediale Dauerpräsenz birgt Herausforderungen.

„Das macht etwas mit dir, ganz klar“, sagte Stefan Raab seiner Entdeckung schon am 12. März, nachts im „TV total“-Studio in Köln. Da Lena gerade „Unser Star für Oslo“ geworden. Sie saß hinter der Bühne, versuchte, ihre Nerven wieder einzufangen, und sie hat geweint.

Öffentlich zeigt sie diese Lena seither kaum noch, schon gar nicht in Oslo. Sie lässt Journalisten fröhlich abtropfen, die sich vorsichtig nach den Dämonen in ihrem Keller erkundigten, nach den Ängsten, die diese große Sache doch auslösen muss, nach den Lena-Hassern und liebeskranken Fans im Internet. Auszug aus einem Fanforum: „Ich kann nicht mehr. Ich habe stundenlang mit verheulten Augen vor Glück diese ganzen Lena-Videos wieder und wieder angeschaut und das Forum und Facebook und Google nach Neuigkeiten abgescannt. Ich bin ein langsam in die Jahre kommender Mann, der in diesem Girlie sieht, wie er mal war oder sein wollte oder wie überhaupt alle sein müssten.“

Und dann sagt sie doch, dass der Hype nicht spurlos an einem vorübergeht. Dass das keinen Spaß macht, wenn RTL in einem Akt der Eifersucht eine verfilmte Nacktbadeszene aus dem Archiv kramt, um die Mär vom Medienfrischling Lena zu zerstören und sie zum Fernsehluder abzustempeln.

Sie war krank zwischendurch, und man sagt ja, dass der Körper sich meldet, wenn es der Seele zu viel wird. „Nachts im Hotelzimmer oder im Zug nach Hause oder im Gespräch mit Freunden und der Familie – da kann man alles abladen, was man erlebt hat.“ Vielleicht war es aber auch nur eine simple Erkältung.

Für die mediale Übersättigung, die mit der Probenwoche in Oslo ihren Höhepunkt erreicht hat, kann sie ja nichts.

Der nächste Termin in Oslo. Ein Segelschiff im Oslofjord. Lena singt „Ohne Dich“ von der Münchener Freiheit im Duett mit dem Norweger Didier Solei-Tangen. Sie lacht, sie hat Spaß. Danach: Fotos an der Reling. „Reicht?“, fragt sie. Reicht nicht. Sie muss sich mit ausgestreckten Armen über die Reling beugen wie Leonardo DiCaprio in „Titanic“. Dutzende Kameras klicken. „Halt dich fest“, sagt ihre Begleiterin.

Halt dich fest. Es war ein schneller, heißer Ritt von „Mechthild, der Meerjungfrau“ – einem unschuldigen Liedchen, das sie mit Kumpel und Gitarrist Holger aus Spaß am Blödsinn als eine Hälfte des Spaßduos „Stenorette 2080“ aufnahm – bis zu „Satellite“. Und es ist persönlich ein ziemlicher Spagat zwischen der Glaubensgemeinschaft Taizé, die sie mal besuchte, und RTL-Swimmingpoolfernsehen. Vielleicht ist auch das eine Erklärung für ihren Erfolg: dass sie eben nicht nur ein Biotop der Gesellschaft repräsentiert, dass sie eben nicht nur höhere Tochter ist, sondern auch Rebellin, dass sie sich als Angehörige der Generation Youtube zurechtfindet zwischen trashigen Netzclips, RTL-Soaps und Opern, dass die Überdrehtheit um sie herum sie nicht erschreckt, sondern vor allem amüsiert.

Und was wird nach dem Finale? Wenn die Scheinwerfer erloschen sind und der Alltag wieder beginnt? Kann sie dann noch zurückkehren in ihr altes Leben, das sich aufgespalten hat in eine Medien-Lena und eine Lena-Lena? Gibt’s die alte Lena-Lena überhaupt noch?

Sie hat das in einer Talkshow mit einem Gleichnis beantwortet. „Mein Leben ist ein Weg, eine Allee“, hat sie gesagt. „Und jedes Erlebnis ist ein Bäumchen. Und die Bäumchen wachsen. Manche wachsen schneller, manche langsamer, manche werden noch in der Vergangenheit größer und bedeutender. Und Oslo ist ein ziemlich großer Baum. Er wird immer größer sein als die anderen. Aber er ist halt wirklich nur ein Baum.“

Sie war am Donnerstag dann noch mal auf einem Schiff, auf Einladung des deutschen Botschafters in Norwegen. Sie sang auch dort noch mal ihr Lied, tanzte dabei auf die ihr typische Art, eroberte noch ein paar Herzen auf die ihr typische Art. Am Freitagabend, nach der Generalprobe gab es fast nichts mehr zu tun. Außer, zu entscheiden, welches Paar Schuhe sie beim Auftritt tragen wird.

Lena Meyer-Landrut hat mal gesagt, dass sie von einem Bauernhof träume, von einem Schauspielstudium, von einem sehr großen Hund. Sie entscheidet sich für Schuhe mit hohen Absätzen.

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