Zeitung Heute : Eurovisionen

Kiew im Grand-Prix-Fieber. Dabei geht es aber weniger um Musik, sondern immer noch um die Revolution – und um die Zukunft

Jens Mühling[Kiew]

Kiew klingt wie ein kaputtes Radio. Wer den Kreschtschatik-Boulevard entlang flaniert, hat das Gefühl, durch die Frequenzskala eines Kurzwellenempfängers zu driften. Gegenüber dem arabischen Markt singen 20 kostümierte Mädchen Volkslieder. Ihre schrillen Kiekser vermischen sich mit dem Sound einer Hardrockband, die wenige Schritte weiter ihre Verstärker aufgebaut hat. An der nächsten Ecke spielt ein befracktes Orchester Walzermelodien, und 100 Meter weiter vermischen sich neben Musikstilen ganze Kulturkreise: Die österreichische Band „Kryner Global“, die heute Abend ihr Land in Kiew vertritt, spielt eine Alpen-Version von „Dikie Tanzy“, dem Lied, mit dem die ukrainische Sängerin Ruslana den letztjährigen Eurovision Song Contest, ehemals Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, in Istanbul gewann.

Ein Jahr ist seitdem vergangen, und für die Ukraine war es das ereignisreichste seit dem Zerfall der Sowjetunion. Im Winter sicherte sich das zuvor weitgehend ignorierte Land den ersten Platz in den internationalen Schlagzeilen, als Viktor Juschtschenko die „Revolution in Orange“ entfachte und Millionen sich gegen das Kutschma-Regime auflehnten. Musik spielte schon damals eine wichtige Rolle: Auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem Platz der Unabhängigkeit, spielten ukrainische Künstler für die protestierenden Massen. Besonders ein Lied traf den Nerv der Zeit: die Revolutionshymne „Gemeinsam sind wir viele“, mit der die Band „Greenjolly“ über Nacht zur Stimme der Nation avancierte. Zur Belohnung darf sie in diesem Jahr die Ukraine beim Grand Prix vertreten. Gemäß den Statuten des Schlagerwettbewerbs, die unpolitisches Liedgut vorschreiben, musste ihr Revolutionsrap allerdings um ein paar Zeilen entschärft werden. Deshalb heißt es jetzt zwar immer noch: „Gemeinsam sind wir viele“, aber nicht mehr: „Juschtschenko, unser Präsident!“

Von diesem Kompromiss abgesehen, wird in der Ukraine derzeit alles getan, um den Gästen aus Europa den Geist der Revolution nahe zu bringen. Mitten auf dem Kreschtschatik-Boulevard stehen ein paar Zelte, die das Revolutionscamp verkörpern sollen, in dem letzten Winter wochenlang die Demonstranten ausharrten. Auf einem steht „Revolutionsmuseum“: Im Inneren sind Fotografien aus den Tagen des Protests ausgestellt. An den Straßenrändern bieten fliegende Händler Revolutionssouvenirs an: orangefarbene Taschen, T-Shirts und Kaffeebecher. Ein Revolutionshund aus Plüsch wackelt über den Asphalt, bis ihm die Batterien ausgehen.

Die unumstrittenen Verkaufsschlager jedoch sind Porträtfotos der beiden größten Popstars, die die Ukraine derzeit zu bieten hat: Viktor Juschtschenko und seine Premierministerin Julia Timoschenko. „Sie ist das Sex-Symbol der Ukraine“, sagt einer der Verkäufer ohne jede Ironie über die attraktive Premierministerin. Die Juschtschenko-Aufnahmen stammen meist aus der Zeit vor der Dioxin-Vergiftung, als das Gesicht des Präsidenten noch nicht von Schrunden und bläulichen Schatten entstellt war. „Als Schreibtischfoto macht sich das einfach besser“, sagt der Verkäufer.

Wer Menschen auf der Straße fragt, was sich seit Juschtschenkos Amtsantritt getan hat, erhält in der Regel eine Antwort, die nicht recht zu den Revolutionsbeschwörungen passen will: „nicht viel“. Die Preise seien ein bisschen gestiegen, das Fernsehen sei ein bisschen besser geworden. Ab und zu gebe es kein Benzin, „weil die Russen Juschtschenko nicht mögen und kein Öl mehr liefern“. Immerhin: Laut Umfragen vertrauen über 60 Prozent der Ukrainer der neuen Regierung.

Unangefochten ist Juschtschenkos Position dennoch nicht, man spürt das auch auf dem Kreschtschatik. Auf einmal wird das Musikgedudel von laut skandierten Rufen übertönt: „Juschtschenko het!“, weg mit Juschtschenko. Ein Demonstrationszug schiebt sich über den Boulevard, es sind 1000, vielleicht 2000 Anhänger der „Partei der Regionen“, der Machtbasis des unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukowitsch. Mit Spruchbändern demonstrieren sie gegen „Repressionen und Menschenrechtsverletzungen“. Gemeint sind die Gerichtsverfahren, mit denen Juschtschenkos Regierung derzeit Korruptionsfälle der Kutschma-Ära aufrollt. Einige hochrangige Funktionäre der „Partei der Regionen“ sind davon betroffen. „Juschtschenko redet von Demokratie, aber gelten soll sie nur für die, die ihn gewählt haben“, sagt einer der Demonstranten. Die Spaziergänger auf dem Kreschtschatik nehmen kaum Notiz von der Kundgebung. Einzig ein vorbeifahrendes Taxi kontert die Protestslogans mit dem dreimaligen Hupen, das zum akustischen Signal der Orangenrevolutionäre geworden ist: Jusch-tschen-ko!

Auch der Schriftsteller Andrij Kurkow nimmt die Proteste nicht ernst. „Janukowitsch lässt nach wie vor Menschen aus der Ostukraine zum Demonstrieren nach Kiew karren“, sagt er. „Als ich gestern meine Frau zum Flughafen brachte, kam uns eine ganze Bus-Kolonne aus Donezk entgegen.“ Kurkow ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Ukraine, sein Roman „Picknick auf dem Eis“ hat ihn auch in Deutschland bekannt gemacht. Während der Revolution kämpfte er engagiert für die Opposition – und ist wenig überrascht, dass greifbare Veränderungen bislang auf sich warten lassen. „Kein Land lässt sich innerhalb von drei Monaten zivilisieren.“ Fühlbar seien Veränderungen in den Medien, die nun objektiver berichteten. Und generell gelte: „Die Ukraine ist jünger geworden. Es hat sich ein neuer Muskel herausgebildet, der für Bewegung sorgt.“ Während Kurkow das sagt, hat er Mühe, seine drei kleinen Kinder zu bändigen, die lärmend um den Wohnzimmertisch toben.

Die Kurkows leben in einem heruntergekommenen Backsteinbau aus der Chruschtschow-Ära. Einige Schritte weiter steht die Botschaft der USA, aber das hat nichts zu heißen: Der Blick aus dem Wohnzimmerfenster geht auf einen trüben Hinterhof, den eher der Geist der Sowjetunion durchweht als der des Westens.

Ist die Ukraine seit der Revolution näher an Europa gerückt? Kurkow seufzt. „Es ist nur deutlicher geworden, dass Europa die Ukraine nicht braucht. Natürlich wird man hier weiter auf proeuropäische Rhetorik setzen – aber sie wird sich immer weiter von der Realität entfernen.“

Kurkows Haltung steht im krassen Gegensatz zu dem, was die offizielle Ukraine derzeit unternimmt, um sich als Teil Europas zu präsentieren. Überall in Kiew weht die Flagge Brüssels, auf allen Fernsehkanälen wird die Nähe zu Europa beschworen. Um Gäste anzulocken, wurde die Visa-Pflicht für EU-Bürger aufgehoben. Und die letztjährige Siegerin Ruslana versichert inständig, damals in Istanbul hätten „die Menschen verstanden, dass wir ein Teil Europas sind“.

Seit einem Jahr werden in Kiew Hotels aus dem Boden gestampft, um den Bettenbedarf für den Grand Prix abzudecken. Aus Sorge, dass der Platz trotzdem nicht reicht, wurde auf einer Insel im Dnjepr ein Zeltlager aufgebaut: Dort kann man jetzt im Geiste der Orangenrevolution kampieren. In einem der Zelte unterhalten sich drei Studenten aus Belgien: „Mich erinnert das hier an diese Geschichte von dem Inselvolk im Pazifik“, sagt einer. „Deren Häuptling hatte irgendwo gehört, dass zivilisierte Länder unbedingt Flugzeuge brauchen, um zu Wohlstand zu kommen. Deshalb befahl er seinen Untertanen, aus Bambus und Palmwedeln eine Landebahn zu bauen – weil er hoffte, damit Flugzeuge anzulocken.“ Warum er das erzählt? „Na ja, hier ist es genau so: Die Ukrainer hängen überall blaue Flaggen auf und hoffen, dass irgendwann Europa kommt.“

Man hätte diese Geschichte besser nicht Andrij Kurkow erzählen sollen. Er findet sie kein bisschen amüsant. „Jeder hier, der halbwegs intelligent ist, ist ziemlich zynisch, was Europa angeht“, sagt er scharf. Speziell von Deutschland verspreche er sich nichts mehr: „Dieser ganze Visa-Skandal liegt vier Jahre zurück, aber konfrontiert wurde die Ukraine damit unmittelbar nachdem Juschtschenko seine EU-Ambitionen verkündet hatte. Solange Europa auf Russland setzt, steht die Ukraine nur im Weg.“

Bleibt Europa eine Vision, bleibt die Ukraine das Land „u krajna“, das Land „am Rande“? Auf dem Kreschtschatik verteilen Mädchen Werbung für einen Telefonbetreiber. Ein „Euro-Tarif“ wird da angeboten: „Telefonieren ohne Grenzen!“

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