Zeitung Heute : Eva Bubat , geb. 1914

Der Tagesspiegel

Silvester in Paris. Nur für zwei Tage – aber erlaubt ist das nicht, so ohne Urlaubsschein. Ohne Urlaubsschein dürfen die Schauspieler vom Schiller-Theater die Stadt nicht verlassen, müssen immer erreichbar sein. Eva fährt trotzdem. Sie ist verliebt, und was soll schon passieren in den zwei Tagen. 1958 muss das gewesen sein.

Eva wollte schon immer Schauspielerin werden. Die Eltern waren dagegen, doch davon ließ sie sich nicht abhalten. Heimlich schloss sie sich auf dem Dachboden ein und probte wild gestikulierend die großen Rollen. Sogar gefesselt hat sie sich mal, erzählt sie später ihrer Tochter. Mit 17 bekam sie dann einen Platz an der Schauspielschule in Heidelberg. Nach dem Ende der Ausbildung warben gleich zwei Theater um sie. Als Eva am Schiller-Theater begann, lagen schon eine Hochzeit, der Krieg und die Scheidung hinter ihr. Aber sie hatte es immer geschafft, sich und ihre kleine Tochter mit Bühnen-Engagements zu ernähren, auch wenn sie dafür durch ganz Deutschland touren musste.

Tochter Julika fällt es schwer, ihre Mutter zu beschreiben. „Sie war rätselhaft, geheimnisvoll, ein verschlossener Mensch.“ Und dann sagt sie noch: „Natürlich war sie auch temperamentvoll und gesellig.“ Leidenschaft und Gefühl zeigte Eva Bubat wohl am liebsten auf der Bühne. Im Theater brauchte es nur eine schwarz gelockte Perücke und aus der kühlen Blonden wurde eine Zigeunerin mit Glut in den Augen. Sie konnte weinen, wenn es die Rolle verlangte, und ihre Schreie gingen dem Publikum durch Mark und Bein.

Nach den Kriegswirren wollte Eva Bubat in Berlin sesshaft werden. Auch ihrer kleinen Tochter zuliebe. So war für Eva das Engagement am Schiller-Theater ein großer Erfolg. Sie gehörte zu den ersten Schauspielerinnen, die das Schiller-Theater nach dem Krieg wieder zum Leben erweckten. Es begannen die besten Jahre des Theaters mit Gastregisseuren wie Erwin Piscator und Jürgen Fehling. Jahrelang ist der Saal jeden Abend ausverkauft. Es ist die Zeit, in der die Damen schwingende Cocktailkleider tragen und die Herren ihnen galant den Arm halten. Eine gute Zeit für das Theater. Ob es eine gute Zeit war für Eva Bubat, ist ungewiss. Sie hat nie darüber gesprochen.

Die Stars im Schillertheater hießen Elisabeth Flickenschildt und Martin Held. Eva Bubat spielte mal die Magd, mal die Wäscherin, mal das Hökerweib. Vielleicht war es ihr herber Typ, waren es die slawischen Gesichtszüge und die dunkle volle Stimme, die sie auf diese Rollen festlegten. Der Theaterkritiker Friedrich Luft fand ihr Talent an diese „Kochlöffel schwingenden Rollen“ vergeudet, auch wenn ihm die Leidenschaftlichkeit ihres Spiels manchmal etwas übertrieben erschien.

Eva Bubat arbeitete hart, aber sie blieb in der zweiten Reihe des erstklassigen Ensembles. Oft war es Berta Drews, die Mutter von Goetz George, die die Rollen bekam, in denen vielleicht auch Eva sich in die erste Reihe hätte spielen können.

Sie beklagte sich nie. Nach den Vorstellungen verschwand sie fast unbemerkt aus dem Theater. So verpasste sie das Strippenziehen hinter den Kulissen. Eva mochte nicht um Rollen buhlen. Wenn die anderen die Vorstellung begossen, fuhr Eva lieber nach Hause in ihre kleine Wohnung in Lankwitz.

Das letzte Haus in der Straße eröffnet einen weiten Blick ins Grüne auf den Teltowkanal. Ihre schönen alten Holzmöbel, das rosafarbene Sofa im Empire-Stil, der Tee aus hauchdünnem chinesischen Porzellan – das alles gab ihr Ruhe und Geborgenheit. Wenn sie auf dem Sofa der Tochter und ihren Freundinnen Geschichten erzählte, dann hingen alle an ihren Lippen. Das ist ihre erste Reihe. So inszenierte Eva das Leben zum Auftritt. Das Haus verließ sie nie ungeschminkt.

Eva Bubat war eine schöne Frau, und sie wusste, dass sie schön ist. Wer Eva Bubat vom Bahnhof abholte, konnte sie nicht verfehlen. Eva gehörte zu den Frauen, die auch auf überfüllten Bahnsteigen nicht zu übersehen sind. Fotos zeigen sie bis ins hohe Alter in stolzen Posen und eleganten Kleidern. Die Tochter erinnert sich an Auftritte von imposanter Eleganz mit tizianrot gefärbten Locken und einem wallenden grünen Cape. Neben Eva wurden Passanten zu Zuschauern, der Gehsteig zur Bühne.

Als Eva Bubat ohne Urlaubsschein nach Paris fährt, liegen schon fast zehn Jahre Schiller-Theater hinter ihr. Sie verbietet ihrer Tochter, ans Telefon zu gehen und reist zu ihrem jungen Liebhaber nach Frankreich. Doch „das Schöne ist immer des Schrecklichen Anfang“, so zitierte sie selbst gern Rilke. Kaum ist sie abgereist, klingelt das Telefon. Wenig später kommen die Telegramme. Das Schiller-Theater verlangt nach Eva Bubat.

Der Intendant hätte ihr den kleinen Ausflug bestimmt verziehen. Doch nicht ohne eine angemessene Entschuldigung. „Man hat wohl von mir erwartet, dass ich auf Knien um Verzeihung bitte“, erzählte sie ihrer Tochter. Doch das brachte Eva Bubat nicht übers Herz. Sie packte ihre Sachen und tourte von da an wieder durch Deutschland, spielte an den verschiedensten Bühnen, synchronisierte Filme und nahm kleine Fernsehrollen an.

Einmal noch gab es eine große Chance. Volker Schlöndorff suchte jemanden für die Rolle der Großmutter in der „Blechtrommel“. Diesmal war Eva nicht zu herb, sondern zu mondän. Schlöndorff hat sich für Berta Drews entschieden.

In Eva Bubats Wohnung fand sich nach ihrem Tod kein Programmheft, kein Erinnerungsfoto aus der Theaterzeit. Sie muss alles weggeworfen haben. Ulrike Demmer

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