Evolution : Aufrecht durchs Leben

Ein internationales Forscherteam hat eine sensationelle Entdeckung gemacht. Das aus Äthiopien stammende Skelett "Ardi" ist mit 4,4 Millionen Jahren mehr als eine Million Jahre älter als der berühmte Fund "Lucy". Welche Erkenntnisse ziehen die Wissenschaftler daraus?

Kai Kupferschmidt
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Seltener Fund. Ardis Fuß ist gut erhalten - und verrät einiges. -Foto: Science

Von so einem Fund träumen Paläoanthropologen. Dafür suchen sie ein Leben lang auf Händen und Füßen die Erde ab. Denn „Ardi“ ist eines dieser extrem seltenen gut erhaltenen Skelette, die unsere Sicht auf die evolutionäre Vergangenheit des Menschen verändern.

Das Team von Wissenschaftlern um Tim White von der Universität Berkeley fand nicht nur fast den kompletten Schädel eines weiblichen Exemplars der Art Ardipithecus ramidus. Auch das Becken sowie Hand- und Fußknochen dieses Urmenschen konnten sie in mühsamer Kleinstarbeit dem äthiopischen Sand entreißen. Die Überreste deuten darauf hin, dass der Vorfahre von Mensch und Schimpanse den Affen weit weniger glich als bisher angenommen.

Die ersten Bruchstücke von Ardi wurden bereits im November 1994 entdeckt, in der Nähe des Dorfes Aramis in Äthiopien. Aber erst jetzt, 15 Jahre später, sind Ardis Überreste gesammelt, gereinigt, zusammengesetzt und erforscht. Manche Knochen waren in 100 Einzelteile zerbrochen, viele zerfielen zu Staub, sobald sie angefasst wurden. Die Forscher entfernten deswegen ganze Blöcke aus der Erde, die sie eingipsten und ins Museum in Addis Abeba brachten, um sie dort freizulegen.

In elf Veröffentlichungen in einer Sonderausgabe der Fachzeitschrift „Science“ beschreiben die 47 beteiligten Wissenschaftler nun das Ergebnis ihrer Arbeit. Etwa 1,20 Meter groß und 50 Kilogramm schwer soll Ardi gewesen sein – und sie ist circa 4,4 Millionen Jahre alt. Damit ist sie nicht der älteste Urmensch, der je gefunden wurde. Ein Schädel, der im Tschad entdeckt wurde und den Namen Sahelanthropus tchadensis trägt, ist zum Beispiel sechs bis sieben Millionen Jahre alt. Aber Ardi ist ohne Zweifel das am besten erhaltene dieser Fossilien.

Ohnehin gibt es nur eine Handvoll gut erhaltener menschlicher Skelette, die älter als eine Million Jahre sind. Lange Zeit war „Lucy“, ein 3,2 Millionen Jahre altes Exemplar der Art Australopithecus afarensis, der Star unter den knöchernen Zeugnissen unserer Vergangenheit. Als sie 1974 entdeckt wurde, bewies sie mit einem Schlag, dass der Mensch schon aufrecht ging, bevor er sein großes Gehirn entwickelte. So beeinflusst jeder Fund die Vorstellungen von der Menschwerdung. Auch Ardi.

Genetische Untersuchungen haben ergeben, dass der letzte gemeinsame Vorfahre vom Menschen und unserem nächsten Verwandten, dem Schimpansen, vor sechs Millionen Jahren oder früher lebte. Ardipithecus ist zwar höchstwahrscheinlich nicht dieser letzte gemeinsame Vorfahre, aber er dürfte viele von dessen Merkmalen teilen.

Das Bild der menschlichen Evolution, das häufig gemalt wird, sieht in etwa so aus: Vor sechs Millionen Jahre lebte ein gemeinsamer Vorfahre von Affe und Mensch, der viele Gemeinsamkeiten mit den heutigen Affen hatte, einen kurzen Rücken, zum Schwingen geeignete Arme sowie ein Becken und Gliedmaßen, die sich dazu eigneten, wie Gorillas auf den Knöcheln zu gehen. Dann trennten sich die Wege, unsere Vorfahren entwickelten sich zunehmend in Richtung moderner Mensch, während die Affen viele der alten Merkmale behielten.

Bewiesen wurde die These nie, auch weil es kaum Fossilien früher Schimpansen gibt. Ardi scheint nun in eine andere Richtung zu deuten, denn sie unterscheidet sich in vielem von den Affen. Offenbar lebte sie im Wald, kletterte Äste auf allen Vieren entlang, lief aber auf dem Boden schon aufrecht. Darauf deutet aus Sicht der Forscher unter anderem der Fuß. Der habe zwar einen opponierbaren großen Zeh, der das Klettern erleichtert. Die anderen Zehen seien aber eher für den aufrechten Gang gebaut. Außerdem weise das Becken auf eine lange, geschwungene Wirbelsäule hin, wie beim Menschen, nicht auf eine kurze, steife wie beim Schimpansen. Tim White ist deswegen überzeugt, dass Ardipithecus ramidus „schon lange auf zwei Beinen unterwegs war“.

Nicht alle stimmen damit überein. Der Paläoanthropologe David Pilbeam von der Harvard-Universität etwa ist skeptisch. Denn das würde bedeuten, dass Gorillas und Schimpansen sich über Millionen Jahre unabhängig voneinander ganz ähnlich entwickelt hätten. Eine Sache sei aber sicher, sagt auch Pilbeam: Ardi werde die Diskussionen der nächsten Jahre beherrschen.

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