Zeitung Heute : Ewig lockt das Wettbüro

Sportwetten haben sich in Deutschland etabliert, Wettbüros gibt es auch in Berlin an jeder Ecke. Große Turniere beleben zusätzlich das Geschäft, zur WM herrscht Hochbetrieb in den Annahmestellen. Gewettet wird längst nicht mehr nur auf Ergebnisse, sondern auch auf Tore, Ecken und Trainerentlassungen.

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Berlin-Wedding, ein schwüler Tag. Aus den Fenstern hängen keine Deutschlandfahnen, die Menschen hasten an Ein-EuroShops und Dönerbuden vorbei. Der Anstoß des Spiels Ukraine gegen Saudi-Arabien lässt den Multikulti-Bezirk kalt. Im Wett-Tempel „Hattrick“ sitzen zwei Dutzend, die sich fürs Spiel interessieren – es sind Spieler, es ist ihr Spiel. Sie suchen etwas Erholung, wie sie sagen. Den Kick beim Kick.

Die Spieler betreten ihr Feld über den Marmorboden im Foyer, über den roten Teppich, der bis zur großen Leinwand reicht. Die Sonne knallt frontal, die Spieler sitzen deshalb vor den Flachbildschirmen, die rechts in die Wand eingelassen sind. Von der hohen Decke bläst der Ventilator, die Wettzettel auf den ovalen Tischen flattern. Anpfiff, seltsame Ruhe – das Wettbüro ist die Oase im hektischen Berliner Bezirk.

Oktay (Name geändert) sieht fast alle Spiele, er gehört zum harten Kern. Als Andrej Russol die Ukraine in Führung köpft, bleibt der Türke ruhig wie all die anderen auch. Kein Mucks. Keiner geht vor zum Empfang und kassiert. Oktay erklärt, dass kaum jemand auf den Spielausgang tippt. Zum einen sei es schwierig zu tippen. Echte Spieler brauchen zudem mehr Reizpunkte. Sie tippen, was als Nächstes kommt: Abstoß, Eckball oder doch ein Tor. Sie tippen, wann das nächste Tor fällt, nicht für wen. Von verschobenen Spielen wollen sie hier nichts wissen: „Das machen andere Kaliber.“ Und wenn man nichts wüsste, könne man auch nicht drauf wetten.

Die WM ist eine Reizüberflutung für die Spieler – und ein Einstieg für viele Neulinge. Der Wettmarkt freut sich seit Jahren über enormen Zuwachs, der Manipulationsskandal um den Schiedsrichter Robert Hoyzer hat die Wettbuden ins öffentliche Blickfeld geführt – und das Wetten skurrilerweise noch beliebter gemacht. Die Zahl der Wettbüros stieg rasant auf 1200.

Noch besitzt Oddset das staatliche Wettmonopol, nur wenige nutzen alte DDR-Lizenzen, darunter der größte deutsche Anbieter „betandwin“. Die meisten dürfen nur als Vermittler für ausländische Buchmacher agieren. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts herrscht Unklarheit, inwiefern die privaten Büros bestehen bleiben dürfen – in Süddeutschland wurden einige geschlossen. Bei einer Liberalisierung schätzen Experten das Potenzial auf 10 000 Büros.

Die Ukrainer spielen flott, die Wettenden in Wedding werden unruhig. Wann fällt das zweite Tor? Für einen Treffer vor der Pause steht die Quote bei 1,40 für einen Euro. Wieder setzt keiner – zu riskant. Als Sergej Rebrow den Ball aus 25 Metern ins Tor der Saudis schnibbelt, kein Raunen, keine Begeisterung. Sie haben ihr eigenes Spiel.

Oktay sagt, er interessiere sich nicht sonderlich für Fußball. Wer gewinnt, sei ihm egal. Durch das Wetten bekommt das Spiel erst den Reiz, der stundenlangem Zuschauen den Kick verleiht. Einmal habe er 18 von 20 Ligaspielen richtig getippt – parallel. Er kassierte über 150 000 Euro. In den vergangenen zwei Wochen verlor er wiederum 800 Euro. So geht das weiter: „Von Spieltag zu Spieltag denken“, sagt der 25-Jährige.

Das 3:0 fällt. Ein kurzer Aufschrei. Oktays Freund geht zum Schalter und kassiert. Er hatte auf ein Tor zwischen der 46. und 65. Minute getippt. Dank Schewtschenko musste er nur 40 Sekunden zittern. Insgesamt zehn solcher Livewetten machen Oktay und sein Freund während des Spiels. Mindesteinsatz zwei Euro, maximal 25 000 Euro, Oktay setzt meistens einen Fünfer. 20 Minuten vor Schluss geht es noch mal um alles. Wie viel Nachspielzeit lässt der Referee spielen? Die klassischen drei Minuten bringen 1,80. Und noch immer kann man auf einen Sieg der Ukrainer setzen. 100 Euro Einsatz bescheren einem ziemlich sichere fünf Euro.

Am Ende steht es 4:0 für die Ukraine. Oktay und sein Freund verloren knapp, dabei sind Favoritensiege bei Spielern beliebt. Um 21 Uhr geht ihr Spiel weiter. Lieblingsvereine, Abstiegsangst und Torjubel kennen sie nicht: „Fußball ist ein Spiel elf gegen elf. Und am Ende gewinne ich – oder die Wettbank.“ Stefan Tillmann

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