Zeitung Heute : Ewiges Eis und Kältestress

Unverfroren – wo Berlin am frischesten ist

Kai Müller

Zwei Meter misst der Mann, von dem man nicht viel mehr als einen Schnauzbart und zwei freundliche blaue Augen sehen kann. Sein Kopf steckt bis über beide Ohren in einer Fellmütze, die mehrlagige Thermokleidung ist bis zum Hals zugeknöpft, isolierte Handschuhe trägt er auch. Er sieht aus wie ein Polarforscher. Nur seine Füße stecken in Turnschuhen. Sie seien zu groß für gefütterte Stiefel, sagt der Mann. Er sieht blass aus, doch er lächelt vergnügt. An seinem Arbeitsplatz, an Berlins Kältepol, herrschen auch heute antarktische Temperaturen. Wie jeden Tag.

Torsten Lutz arbeitet dort, wo der Kapitalismus am kältesten ist – in einer begehbaren Tiefkühltruhe des Fleischgroßmarkts an der Beusselstraße. Auf minus 18 Grad wird sie heruntertemperiert, unter den großen Ventilatoren an der Decke ist die gefühlte Temperatur noch einmal um etliches niedriger, „Windchillfaktor“, es herrschen minus 45 Grad.

Ein Gebläse verrichtet, was früher Trockeneis-Stäbe leisteten. Doch die sind aus der Mode geraten, seitdem EU-Richtlinien den Transport und die Verarbeitung von Fleisch bis ins Detail festlegen und überall dieselbe Temperatur vorschreiben. Nun zirkuliert die Ware in einer Kühlkette, die vom Schlachthof in den Lastwagen, von dort ins Lager und weiter zu den Portionierungstischen, wieder ins Lager und wieder hinaus in den Lkw keine Unterbrechung mehr kennt. Das Schlimmste wäre ein Stromausfall. Zwölf Stunden, schätzt der Chef Jürgen Wache, würde die Isolierung einem Kälteabfall vorbeugen. „Danach wird’s kritisch.“

An den Wänden des kältesten Arbeitsplatzes von Berlin stehen Regale, bis zur Decke gefüllt mit Pappschachteln und Plastikwannen. Darin Tintenfische und Grönland-Garnelen, Buffalo-Chicken- Wings, Filets und Haxen. Alles „pfannenfertig“ verpackt und eingeschweißt.

Der Raum ist eine Zeitkammer, in der die biologische Uhr angehalten wird. Während draußen in der Sonnenglut alles viel schneller verdirbt, gibt es in dem weißwandig-isolierten Gehäuse kein Vergehen mehr. Nur bei Torsten Lutz und seinem rotwangigen Kollegen tickt ständig eine innere Uhr. Länger als zwei Stunden halten es selbst diese beiden Hartgesottenen in dem Eiskäfig nicht aus. Für gewöhnlich verlassen sie alle 30 Minuten den Raum, trinken warmen Tee und versuchen, die Kälte abzuschütteln, die ihnen in die Knochen kriecht. Die Devise lautet: immer in Bewegung bleiben. Man wird in diesem Eisschrank schon aus eigenem Interesse zum Schwerarbeiter. „Hier geht keiner freiwillig rein“, sagt Torsten Lutz, der wegen der trockenen Luft nie krank wird. Wobei es ihn nachmittags, wenn seine Schicht zu Ende ist und auch er sich in die Tageshitze begibt, meist umhaut. Er wird so müde, dass er sich schlafen legen muss. Eine Folge des Kältestresses, mit dem der Körper über Stunden den Wärmeverlust hat ausgleichen müssen.

Manchmal kommen Extrem-Abenteurer in die Lagerhalle und schlagen hier ihr Nachtlager auf. Sie härten sich ab für Trips ins ewige Eis. Lutz kann über so viel Unverfrorenheit nur schmunzeln. Der Kältetod soll schön sein, sagt sein Kollege. Er selbst fährt lieber ins Warme, wenn er sich amüsieren will.

Einmal hat sich ein Mitarbeiter des Fleischgroßhandels beim Verladen auf der Rampe den Fuß gebrochen. „Da hatten wir nichts“, sagt ein Vorarbeiter, „womit wir ihn hätten kühlen können. Wir konnten ihm ja schlecht einen gefrorenen Fisch auf den Fuß legen.“

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