Ex-Bundestagsabgeordnete : Ein Loch wird kommen

Sie sind wichtig gewesen, unentbehrlich. Und plötzlich sind sie ein Nichts: Bundestagsabgeordnete, die ihre Karriere beenden. Zum Beispiel Winfried Nachtwei von den Grünen. Vom Versuch, mit dem Leben als Ex klar zu kommen.

Robert Birnbaum
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Dienstschluss. Winfried Nachtwei, 63 Jahre, Verteidigungsexperte, seit 1994 für die Grünen im Bundestag, hört auf. Sein Engagement...Foto: dpa

Das mit seiner Resozialisierung, sagt Winfried Nachtwei, den alle nur „Winnie“ nennen, das war ein klasse Einfall. „Dass jetzt die letzte Chance auf meine Resozialisierung ist – kann keiner was gegen sagen!“ Nachtwei verschränkt die Arme und guckt den Stapel auf seinem Schreibtisch an. Den ganz rechten Stapel, um genau zu sein, weil sich auf und um und neben diesem Schreibtisch die Stapel türmen. Der ganz rechte ist Afghanistan. „Meinen privaten Hindukusch“ nennt Nachtwei das Papiergebirge. Das Wort „privat“ ist ihm da nur so reingeschlüpft. Aber es stimmt. Und es kann noch zum Problem werden. Winnie Nachtwei, Grünen-Politiker, 63 Jahre, Mitglied des Bundestags seit 1994, Verteidigungsexperte, hört auf.

Das ist nun eigentlich nichts Besonderes. Nach der letzten Statistik gehen jeden Tag in Deutschland 3287 Menschen in Rente, von denen zu schweigen, die plötzlich arbeitslos werden. 3287 mal den Schreibtisch ausräumen, den Spind leer machen, den Schlüssel abgeben; wenn’s gut war, hält noch einer eine kurze Ansprache, alte Kollegen klopfen Schulter, mach’s gut, meld dich mal, man sieht sich.

Es ist aber doch etwas Besonderes. Über Dasein und Wesen des Volksvertreters gibt es im vertretenen Volk jede Menge Vorstellungen, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben. Übertroffen wird das nur noch von den Vorstellungen, die man sich vom ehemaligen Volksvertreter macht. Da prägen die Gerhard Schröders, Joschka Fischers und Friedrich Merz’ das Bild, Ausgeschiedene, die in Gas machen oder in Pipeline oder in Anwalt. Hätten die doch nicht mal nötig! Die haben doch ausgesorgt!

Dass nicht so prominente Ex-Mitglieder des Deutschen Bundestages sich schon mal auf dem Sozialamt wiederfinden, weiß kaum einer.

Nachtwei ist diesbezüglich nicht gefährdet. Trotzdem sitzt er im vorigen Dezember eines Abends im Fraktionsvorstandssaal der CDU/CSU. Nachtwei hat eine olivgrüne Schirmmütze auf dem Kopf mit dem Schriftzug der Afghanistanschutztruppe Isaf. Er ist oft am Hindukusch gewesen, ein Gründlicher, der wissen will, was wirklich los ist. Auch in eigener Sache. Im vorigen Juni hat er seinem Kreisverband in Münster mitgeteilt, dass er nicht mehr kandidiert. Damals ist ihm auch der Spruch eingefallen, dass das die letzte Chance zu seiner Resozialisierung sei. „Man muss sich doch vorbereiten“, sagt er jetzt. Die Deutsche Vereinigung für Parlamentsfragen stellt eine Untersuchung vor. Die Sozialwissenschaftlerin Maria Kreiner hat nachgefragt, wie es so ist mit der Zeit nach dem Mandat.

Das Ergebnis ist das, was man gemeinhin „differenziert“ nennt. Andere, mehr statistisch orientierte Untersuchungen an der Uni Jena ergeben ein ähnliches Bild: Die meisten Abgeordneten kommen mit dem Leben als Ex klar, finanziell und auch sonst. Aber nicht alle. Und – es ist verdammt schwer.

Die Sache mit der „Abgehobenheit“ zum Beispiel. Den Begriff, versichert Kreiner, hat nicht sie erfunden, den haben ihre Gesprächspartner benutzt. Er meint gar nichts Böses. Es ist bloß einfach so, dass ein Abgeordneter nicht weiß, wie man einen Fahrkartenautomaten benutzt. Den braucht er nicht. MdBs haben freie Fahrt mit Bus und Bahn, freien Flug im Inland, Diplomatenpass. Sie haben ein Büro im Wahlkreis und eins in Berlin, mit Mitarbeitern und allem. Wenn Nachtwei nach Afghanistan will, schreibt er Ziele, Zeitraum und Gesprächswünsche auf einen Zettel, den Rest erledigen andere. „Man schnippt mit den Fingern, dann kommt das Taxi und fährt einen irgendwo hin“, hat eine Ex der Forscherin gesagt. Der Alltag ist stressig, aber er kennt keine Hürden.

Damit nicht Missverständnisse aufkommen: Das ist kein willkürliches Privileg, das muss so sein. Winnie Nachtwei hat die Arme immer noch verschränkt und guckt jetzt vom Stapel auf dem Tisch hoch auf den Aktenschrank, wo sich die Afghanistanordner aneinanderreihen. „Das hier ist ein totaler Beruf mit asozialen Zügen“, sagt er. Nachtwei war Lehrer, bevor er in die Politik ging, als Grüner der ersten Stunden in der Studentenstadt Münster. Wenn er in den letzten Jahren Urlaub gemacht hat, dann haben sie sich in der Familie erst mal drei Tage aneinander gewöhnen müssen.

Und was heißt schon Urlaub! Seit es das Handy gibt, klingelt das Ding. Neuer Anschlag in Afghanistan? Das ZDF will drei Sätze, der WDR, der Tagesspiegel. Nachtwei beklagt sich nicht. „Gibt ja auch positiven Stress“, sagt er.

Das unbedingte Engagement hat dazu beigetragen, dass zu seinem Abschied auch die Kanzlerin gekommen ist. Nachtwei ist einer, den alle respektieren in Berlin und alle, die ihn näher kennen, sogar mögen. Ein Vertreter jener Spezies, die am besten als „freier Abgeordneter“ zu beschreiben ist – gewissenhaft, gut informiert und klug vernetzt, nicht scharf auf ein Regierungsamt, mit einem leisen Ekel vor dem bloß Parteipolitischen und eben deshalb dafür völlig unverzichtbar. Nur so einer kann Pazifisten überzeugen, dass Militär keine Lösung ist und trotzdem manchmal gebraucht wird.

Haben wir gerade „unverzichtbar“ geschrieben, einfach so, gedankenlos? Herzlich willkommen beim Kern des Problems. Dass das Leben nach dem Mandat wieder Hürden hat, damit kommt jeder irgendwann klar. „Ich werd elektronisch aufrüsten müssen“, seufzt Nachtwei und schaut auf sein Handy. Es ist eins von der alten Sorte, zum Telefonieren. Er wird eins von der neuen brauchen, auf dessen Schirm man die Mails, die Nachrichten und die ganze Welt holen kann. Noch kommt er ohne aus. Noch hängt er in einem einzigartig dichten Netz von Kommunikation und Information: die tägliche Presseschau der Fraktion, die Plauderei auf dem Reichstagsflur, schneller Anruf im Ministerium, und wenn er was aus Kabul braucht, geht am anderen Ende der Erde einer dran. Der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen ist für eine Menge Leute wichtig, ja unverzichtbar.

Verzichtbar ist hingegen Winnie Nachtwei.

Die Erfahrung trifft alle. Manche trifft sie hart. Der Forscherin Kreiner hat ein Ex-Abgeordneter aus Ostdeutschland den Absturz von der Respektsperson in die Bedeutungslosigkeit besonders plastisch beschrieben: „Es gibt keine Tür, die Ihnen verschlossen bleibt … man ist wichtig gewesen, wichtiger, als man sich vorher je vorgestellt hatte … Und plötzlich ist man nichts mehr.“

Die ganze Wahrheit ist sogar noch unerfreulicher: Man ist ein Nichts mit Vergangenheit. Für die, die bald in Rente gehen, ist das meist nur ein psychologisches Problem. Für andere kann es handfest materiell werden, trotz Übergangsgeld. Die Vorstellung, dass die Partei nach dem blauen Sessel im Plenarsaal eine gut gepolsterte Position draußen bereithält, ist nämlich so populär wie falsch. „Die eigene Partei hat sich einen feuchten Kehricht um mich gekümmert“, sagt einer von Kreiners Gesprächspartnern. Andere Ehemalige berichten sogar von einer Art Lepra-Status. Besonders wer nach verlorener Wahl aus dem Parlament ausscheiden muss, sieht sich plötzlich von Parteifreunden gemieden.

In der freien Wirtschaft aber haben sie auf Ex-Abgeordnete erst recht nicht gewartet. Es gibt in dieser Studie die satirefähige Szene, in der eine ehemalige Fachsprecherin ihrer Partei erzählt, wie sie Geschäftsführerin einer Firma werden wollte und beim Bewerbungsgespräch älteren Herren gegenübersaß: „Da konnte man richtig in den Gesichtern sehen, wie sie sich dann überlegten: Deren Chef soll ich sein? Wie mach ich das denn?“

Politik prägt Charakter. Politik ist Kampf, ist Redegewandtheit, Konfliktfähigkeit, selbstbewusster Auftritt vor Kameras. Wer so was kann, sprengt normale Betriebshierarchien in tausend Stücke. Dazu kommt ein Paradox. Kaum eine Berufsgruppe wird gleichzeitig so ver- und geachtet wie der Berufspolitiker. Alle schimpfen über die Idioten im Reichstag. Aber die Zeitungen sind voll mit Fotos von Schützenkönigen, die neben dem örtlichen Abgeordneten in die Linse lächeln. Und der soll als Sachbearbeiter ins Bauamt zurückkehren, hinterher? Nils Diederich, Geschäftsführer der Vereinigung ehemaliger Bundestagsabgeordneter, kennt etliche, die „nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen haben“. Vier Jahre, acht Jahre Parlament haben gereicht für den Stempel „Überqualifiziert!“

Winnie Nachtwei hat sich das alles sehr genau angehört an jenem Dezemberabend. Dann ist er rausgegangen und hat gesagt, prima, er weiß jetzt, er hat alles richtig gemacht. Was er damit damals gemeint hat? „Selbst den Zeitpunkt zu wählen!“ Gehen, solange es die anderen noch bedauern. „In den Stiefeln sterben“ – nicht sein Ding. Den radikalen Schnitt machen – auch nicht sein Ding. Mit dem Ehemaligenausweis bewaffnet durch den Bundestag schleichen? Um Himmels willen! Was dann? Er will sich noch nicht festlegen, obwohl es Anfragen gibt. Seit 2003 steht er auf der Liste von Persönlichkeiten der vorbeugenden Diplomatie bei den UN – Krisenvermittler im Auftrag der Welt.

An Afghanistan dranbleiben will er auf jeden Fall. Nachtwei hat bei den Grünen mit für das Ja zum Einsatz am Hindukusch gesorgt. Er will helfen, „dass wir das noch glimpflich hinkriegen“. Also doch – unentbehrlich? Nachtwei lacht. Er hat denen, die nach ihm kommen, neulich eingeschärft, dass sie bei Koalitionsverhandlungen auf jeden Fall die Strukturen einer neuen Sicherheitspolitik vereinbaren müssen, weniger militärisch, mehr Vereinte Nationen. „Da hab ich gemerkt, das sind Gründe, ewig zu bleiben. Und da hab’ ich gesagt: Jetzt erst recht nicht.“ Er lacht wieder. Die Arme bleiben immer noch verschränkt.

Einmal hat er mal mit Antje Vollmer über das Hinterher gesprochen. Die hat ihm gesagt: Das Loch kommt. Nicht sofort, aber es kommt. Kannst mich anrufen, wenn es so weit ist.

Er hat gewusst, dass sie recht hat. Er weiß ja jetzt schon, was ihm fehlen wird. Etwas Einfaches und Großes zugleich: das Dabeisein. Neulich ist er mit dem Rad zum Verteidigungsausschuss geradelt. Unterwegs ist ihm eingefallen, dass das jetzt wohl das letzte Mal sein wird. Und da, sagt Nachtwei, ist es ihm auf einmal doch feucht in den Augen geworden.

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