Zeitung Heute : Ex-Jugoslawien: Der Marsch der schwarzen Truppe

Stephan Israel

Der Mann mit dem roten Vollbart war in früheren Zeiten ein einfacher Schneider in dem Ort Veliki Trnovac. Heute ist er Kommandant der albanischen Rebellenarmee in Südserbien. Kommandant Leshi, so der Kriegsname des Mannes, spaziert gerne mit stolzgeschwellter Brust über die Hauptstraße seines kleinen Reiches. Beim Bad in der Menge wird er von zwei grimmig dreinblickenden Leibwächtern beschützt. Der Feind lauert schließlich überall.

Auch Journalisten gegenüber ist man nicht mehr so prahlerisch und aufgeschlossen wie einst. Ein Mann, der sich Dino nennt, schleust die unerwünschten Besucher in ein nahes Café. Zwei schwarz gekleidete Rebellen mit der Kalaschnikow vor dem Bauch nehmen am Nebentisch Platz. Sie werden später den Auftrag ausführen, die Eindringlinge wieder aus dem kleinen Reich von Kommandant Leshi hinauszuexpedieren. Beim Zwangsaufenthalt im Café hat Dino den Grund für das rasant gestiegene Misstrauen schnell erklärt: "Es wird schlecht über uns geschrieben", sagt er und wiegt mit Bedauern den Kopf.

Dino hat mit den Journalisten schon einmal gesprochen, im Dezember. "Weshalb habt ihr keine Belegexpemplare mitgebracht?" Man will schließlich wissen, mit wem man es zu tun hat. Nur wer "objektiv" berichtet, darf mit dem Kommandanten sprechen. Im Dezember herrschte noch eine ganz andere Stimmung. Dino und ein paar andere Wortführer im Ort hatten vor allem von der Erwartung geredet, mit der neuen Regierung in Belgrad ins Gespräch zu kommen. Der Dialog schien in der Ära nach Slobodan Milosevic plötzlich möglich. Die neue Regierung von Zoran Djindjic ist inzwischen im Amt, doch nur wenige Wochen nach dem letzten Zusammentreffen ist von der Hoffnung auf eine friedliche Lösung nicht mehr viel zu spüren: "Die Serben sind alle gleich", schimpft Dino und verliert sich in einer historischen Betrachtung: "Wir haben seit Jahrhunderten nur Probleme mit ihnen."

Aus Belgrad mag also kommen, was will, die Männer von Veliki Trnovac werden mit gebührender Skepsis darauf reagieren. Von der "Plattform", den Zielen der neuen serbischen Regierung, hat Dino schon gehört, und er kommentiert abschätzig: "Sie bieten uns nur, was ihnen ohnehin recht ist." Veliki Trnovac, das ausgedehnte Straßendorf, ist eine der Hochburgen der "Befreiungsarmee für Presevo, Medvedja und Bujanovac" (UCPMB). Die Truppe mit dem komplizierten Kürzel nennt sich nach den drei mehrheitlich albanischen Gemeinden im südserbischen Tal. Die UCPMB hat sich im Verlauf der vergangenen zwölf Monate in einem fünf Kilometer langen Streifen auf der südserbischen Seite der administrativen Grenze zum Kosovo breit gemacht. Belgrad musste die Pufferzone zum Kosovo laut Waffenstillstandsabkommen nach dem Nato-Luftkrieg entmilitarisieren.

Das Dorf Veliki Trnovac liegt knapp innerhalb des fünf Kilometer breiten Streifens. Noch im Dezember schien am Ortsrand eine Art Niemandsland zu beginnen, und die bewaffneten Rebellen hielten sich diskret im Hintergrund. Heute jedoch markiert die Truppe von Kommandant Leshi direkt an der neuen Frontlinie auf dem Balkan unübersehbare Präsenz. Man fährt aus dem Kleinstädtchen Bujanovac hinaus und trifft schnell auf den letzten Kontrollposten der serbischen Polizei. In Sichtweite, nur rund hundert Meter weiter, kontrollieren die schwarzen Truppen der UCPMB den spärlichen Verkehr.

Der Grund für die Verhärtung an der neuen Front ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Nebojsa Covic, der serbische Vizepremier und Statthalter vor Ort, bemüht sich redlich um den Dialog. Die während der Milosevic-Ära diskriminierte und schikanierte Minderheit im Presevo-Tal soll eingebunden werden. Spät kommt das Angebot, aber immerhin kommt es nun: Belgrad bietet den Albanern Posten in der lokalen Polizei, Stellen in Schlüsselministerien und einen hohen Grad an Selbstverwaltung. Doch vorerst ist die "Plattform" noch Papier. Und Hürden auf dem Weg zur Verwirklichung gibt es genug. Nebojsa Covic, der serbische Verhandlungsführer, kämpfe auf einsamem Posten und habe in Belgrad keinen Rückhalt, behaupten die Albaner im Presevo-Tal. Der Vizepremier hat auch mit der Sabotage seiner eigenen Generäle zu kämpfen, wie unabhängige Beobachter bestätigen. Die Offiziere der Bundesarmee, alle noch von Milosevic eingesetzt, möchten gerne dreinschlagen und den Konflikt mit den albanischen Rebellen militärisch lösen. Gegen den Willen der Führung in Belgrad haben die Militärs in den vergangenen Tagen angeblich Panzer in die Pufferzone geschickt und Scharmützel mit den Rebellen provoziert.

Die UCPMB auf der anderen Seite der Frontlinie hat gleichzeitig Zulauf wie nie zuvor. Ganze Klassen haben ihre Schulen verlassen und sich den Rebellen angeschlossen. Zu deren wachsendem Bewusstsein der eigenen Stärke trägt auch die erzwungene Zurückhaltung der serbischen Truppen bei: Schließlich kann Belgrad nicht mehr "durchgreifen" wie noch zur Zeit des alten Regimes. Und dann hält sich im Presevo-Tal hartnäckig das Gerücht, wonach die bewaffneten Rebellen die diskrete Protektion des US-Kontingents auf der kosovarischen Seite der Grenze genießen.

In der neuen Konstellation sind die Hasardeure der UCPMB kein Faktor mehr, der übergangen werden kann. Das hat auch Riza Halimi, Bürgermeister von Presevo, erkannt. Der sanfte Politiker hat sich während der Milosevic-Ära als albanischer Stadtvater im zu 90 Prozent albanischen Presevo halten können. Heute will er mit Belgrad nur verhandeln, wenn die Vertreter der Rebellen mit am Tisch sitzen. Gemeinsam hat man sich am Montagabend auf diese Vorbedingung für Gespräche geeinigt. Aus Belgrader Sicht sind die Rebellen noch immer Terroristen. Aber der neue Belgrader Regierungschef Zoran Djindjic hat den Bann über die UCPMB gebrochen. Gestern zitierte ihn das Staatsfernsehen mit dem Satz, man müsse mit allen reden, die im Süden Serbiens Einfluss hätten. Vielleicht werden die Rebellen im Presevo-Tal von ihren Waffen doch keinen Gebrauch machen müssen.

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