Ex-Jugoslawien : Die Sehnsucht nach Tito

In Fernsehsoaps und durch Marschall-Cocktails ist er noch präsent. Und viele in Ex-Jugoslawien träumen wieder von seinem Vielvölkerstaat. Nur Titos Enkel hat wenig davon. Ein Besuch.

Jens Mühling
Josip Broz Tito.
Josip Broz Tito.Foto: IAM / akg-images

Sein Grab ist, gemessen an den Gepflogenheiten sonstiger sozialistischer Völkerführer, eine schlichte Angelegenheit. Keine aufgebahrte Mumie, wie sie es in Russland mit Lenin gemacht haben oder in China mit Mao, kein bombastisches Mausoleum, keine Büste, nicht einmal ein Heldengedicht. Nur ein Marmorblock, beschriftet mit 22 Goldlettern:

JOSIP BROZ TITO 1892–1980.

Die Fremdenführerin, die geboren wurde, als Tito schon tot war, trägt ein T-Shirt mit aufgedruckter New-York-Skyline. 100 000 Menschen, sagt sie, besuchen das Grab Jahr für Jahr, „und jedes Jahr werden es mehr“. In ihrer Stimme mischen sich Stolz und Staunen. „Seit ein paar Jahren nehmen wir sogar Eintritt – und trotzdem werden es immer mehr.“

Das Grab steht mitten in einem Gedenkkomplex, der sich „Museum der Geschichte Jugoslawiens“ nennt, es ist das bestbesuchte Museum der serbischen Hauptstadt Belgrad. Bis Tito starb, lebte er hier, das Haus war seine Belgrader Residenz – und Belgrad noch die Hauptstadt eines sehr viel größeren Landes: Jugoslawien, Titos Werk, sechs Teilrepubliken, fünf Nationen, vier Sprachen, drei Religionen, zwei Alphabete, eine Partei.

Ahnten die Trauernden, die 1980 der Bestattung beiwohnten, dass auch Titos Reich dem Tod geweiht war? Vier Könige waren unter den Gästen, fünf Prinzen, sechs Parlamentschefs, 22 Premierminister, 31 Staatspräsidenten, 47 Außenminister, Helmut Schmidt, Jassir Arafat, Margaret Thatcher, Leonid Breschnew – kein Staatsbegräbnis des 20. Jahrhunderts war ähnlich prominent besucht. Im Museum beziffert man der Einfachheit halber nur die Länder, die bei der Feier nicht vertreten waren. „Das waren nämlich nur 14“, sagt die Fremdenführerin.

Titos Herz setzte an einem Sonntag aus, es war der 4. Mai, nachmittags um fünf nach drei. Die Wanduhr im Café „Pavle Korcagin“ kennt nur diese eine Uhrzeit, ihre Zeiger stehen still. Ringsum an den Wänden hängen Tito-Porträts, Tito-Abzeichen, Tito-Flaggen, Tito-Urkunden, Tito-Liedtexte, Tito-Gedenkmünzen, Tito-Zeitungsausschnitte. Besonderes Schmuckstück der Sammlung: ein Tito-Banner, zusammengenäht aus Gefängnisbettwäsche, das Werk weiblicher Sträflinge. Weswegen die Frauen im Knast saßen, weiß Vojin Cucic nicht, er hat den Überblick verloren über all die Memorabilia, die die Gäste des Lokals ihm körbeweise vorbeibringen. „Wir können gar nicht alles aufhängen“, sagt er. „Unser Vorrat würde für zwei weitere Cafés reichen.“

Cucic ist 23, das Lokal haben seine Eltern gegründet, er selbst studiert Jura und jobbt hier nebenbei als Geschäftsführer. Die meisten Gäste sind in seinem Alter, Studenten mit wenig Geld, die hier „Partisanen-Platten“ essen und „Marschall-Cocktails“ trinken, Nostalgiker einer Ära, die sie selbst nicht erlebt haben. „Meine Eltern waren glücklich unter Tito“, sagt Cucic. „Sie hatten Arbeit, die sie ernährte, sie hatten Pässe, mit denen sie durch die ganze Welt reisen konnten. Heute hat in Belgrad jeder drei Jobs und trotzdem kein Geld, und mit meinem serbischen Pass werde ich an jeder Grenze schief angesehen.“

Titos Enkel Josip Joska Broz leitet die serbische KP.
Titos Enkel Josip Joska Broz leitet die serbische KP.Foto: Boris Kralj

Cucic erzählt von den alten jugoslawischen Feiertagen, die aus den Kalendern verschwunden sind, aber nicht aus den Köpfen. Er sperrt an solchen Tagen den ganzen Parkplatz vor dem Café und stellt Tische auf, nicht nur die Jungen sind dann da, auch ihre Eltern und Großeltern kommen, um der alten Zeit nachzutrauern. „Dass damals vieles besser war, verstehen die Leute erst heute, wo alles schlechter ist“, glaubt Cucic. „Früher kannte man Jugoslawien überall. Wir waren die Nummer drei in der Welt, gleich hinter Amerika und der Sowjetunion.“

Jugoslawien, der Monolith zwischen den Fronten des Kalten Krieges. Nummer drei in der Welt, das mag nostalgischer Unsinn sein, aber tatsächlich gelang Tito in der Blockkonfrontation der Nachkriegsjahrzehnte das Unglaubliche: Er brüskierte Stalin, den Hohepriester der kommunistischen Internationale, indem er für Jugoslawien einen eigenen Weg zum Sozialismus reklamierte, mit begrenzter Selbstverwaltung für die volkseigenen Betriebe, im Gegensatz zum zentralplanerischen Ansatz der Sowjetunion. Stalin war außer sich, er drohte Tito mehr oder weniger offen mit Mord: „Das Schicksal Trotzkis ist lehrreich“, warnte düster ein Artikel im Moskauer KP-Zentralorgan „Prawda“. Stalins Widersacher Leo Trotzki, auch er ein kommunistischer Abweichler, war 1940 im mexikanischen Exil von sowjetischen Agenten aufgespürt worden, man fand ihn blutüberströmt in seinem Wohnhaus, ermordet mit einem Eispickel.

Tito überlebte nicht nur, es gelang ihm, Jugoslawien zwischen den Parteien des Kalten Krieges zu positionieren, einen „dritten Weg“ aufzuzeigen, das Versprechen eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ in die Welt zu setzen. Enttäuschte Kommunisten wie der Deutsche Wolfgang Leonhard flohen aus Moskau nach Belgrad, andere Staaten folgten dem Beispiel Jugoslawiens, mehrheitlich Drittweltländer, die sich zur „Bewegung Blockfreier Staaten“ zusammenschlossen, Gründungskonferenz 1961 in Belgrad, Vorsitz: Josip Broz Tito.

Die Einigung seines eigenen Landes, ein kaum leichterer Kraftakt, lag da schon hinter Tito. Der Sohn einer Slowenin und eines Kroaten war 1892 im ungarisch-österreichischen Teil des zersplitterten Balkans zur Welt gekommen. Er lernte Schlosser, wurde Offizier der K.u.K.-Armee, geriet im Ersten Weltkrieg in russische Gefangenschaft, erlebte in Sankt Petersburg die Oktoberrevolution, schloss sich den Bolschewiken an, kämpfte im russischen Bürgerkrieg, kehrte als Kommunist zurück in seine Heimat, agitierte, wurde verhaftet, emigrierte nach Paris, kämpfte im spanischen Bürgerkrieg, bevor er schließlich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs abermals auf den Balkan zurückkehrte. Hier, in einem der wohl unübersichtlichsten Konflikte der Weltgeschichte, sollte die Karriere des Josip Broz Tito erst richtig beginnen: Kroatische Faschisten kämpften gegen serbische Königstreue, deutsche Besatzer gegen alliierte Interventionisten, Katholiken gegen Orthodoxe gegen Muslime, und zwischen allen Fronten die Partisanenarmee des kommunistischen Marschalls Tito, die am Ende siegte.

Die Erinnerung an die Gräuel, die sich Slowenen und Kroaten, Bosnier, Serben und Albaner bereits in diesem Krieg antaten, sollte knapp ein halbes Jahrhundert später den nächsten mörderischen Balkankrieg anheizen. Dazwischen herrschte Tito. Über einen Vielvölkerstaat, der zumindest oberflächlich geeint war. Wohl deshalb denkt heute, ein gutes Jahrzehnt nach dem Ende der blutigen Sezessionskriege, mancher in Ex-Jugoslawien voller Wehmut zurück an die Jahrzehnte des Friedens, der ein trügerischer gewesen sein mag, aber eben doch ein Frieden.

Eine Welle der „Jugostalgie“ und „Titostalgie“ schwappt derzeit über den Balkan. Gedenk-Cafés wie das „Pavle Korcagin“ gibt es inzwischen in fast allen ehemaligen Teilrepubliken. In Fußgängerzonen von Ljubljana bis Skopje werden T-Shirts, Tassen und Anstecker mit Titos Konterfei verkauft, auch den Schriftzug „I love YU“ sieht man oft. Auf Internetseiten stellen fiktive Generalkonsulate jugoslawische Pässe aus, Radiosender spielen Retro-Musik der Tito-Ära, im Fernsehen laufen Seifenopern, die den jugoslawischen Alltag nachinszenieren. Aktuelle Filme und Bücher erzählen gerne von schicksalhaften Begegnungen, bei denen sich Kroaten und Bosnier, Serben und Albaner gegen alle Widerstände miteinander verbrüdern. Intellektuelle und Künstler bedauern den Verlust einer gesamtjugoslawischen Öffentlichkeit, manche beschwören sehnsuchtsvoll das Entstehen einer neuen „Jugosphäre“.

Seit 2008 findet am sozialistischen „Tag der Jugend“, dem 25. Mai, sogar wieder der traditionelle Staffellauf statt, ein Ritual der Tito-Zeit, das jedes Jahr in einem anderen Republikteil begann und mit der feierlichen Übergabe des Staffettenstabs an Tito endete. Heute ist der Zielpunkt dieses balkanweiten Jugendmarathons Titos Grab.

Josip Joska Broz sieht diese Nostalgiewelle mit gemischten Gefühlen. Er ist Titos Enkelsohn, geboren 1947, ein Kindeskind aus Titos Ehe mit der Russin Pelagija Belousowa, der ersten von vier Frauen, wenn man die angeblich sehr zahlreichen außerehelichen Verhältnisse nicht mitrechnet. Broz junior, inzwischen selbst Mitte 60, findet die posthume Verehrung seines Großvaters durchaus schmeichelhaft, allerdings nicht in allen ihren Erscheinungsformen. „Diese billigen chinesischen T-Shirts!“, schimpft er. „Einmal gewaschen, schon fehlt meinem Großvater das halbe Gesicht. Würdelos ist das!“

Titos Konterfei findet sich bis heute auf Devotionalien, zum Beispiel auf bosnischen Kaffeetassen.
Titos Konterfei findet sich bis heute auf Devotionalien, zum Beispiel auf bosnischen Kaffeetassen.Foto: AFP

Broz sitzt im Speisesaal eines Restaurants am Belgrader Stadtrand, er raucht schwarze Zigarillos, einen nach dem anderen. In sein Benzinfeuerzeug sind kyrillische Buchstaben eingraviert: „KGB SSSR“, darunter prangt das Schwert- und Schild-Symbol des alten sowjetischen Geheimdienstes. An der Wand hinter Broz hängt sein Großvater in Öl, flankiert von anderen Führerporträts, die auf den ersten Blick wenig miteinander verbindet: Fidel Castro neben Wladimir Putin, der venezolanische Staatschef Hugo Chavez neben dem weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko. „Alles Freunde des jugoslawischen Volkes“, versichert Broz.

Er sieht seinem Großvater nicht unähnlich, und das ist in gewisser Weise sein Job. Seit 2010 leitet Broz die Kommunistische Partei Serbiens, einen Zusammenschluss aus 14 marxistischen Splitterparteien, die sich kurz vor der letzten Parlamentswahl zusammentaten. Sie trugen Broz den Vorsitz an, seitdem versucht er, die Fußstapfen seines Großvaters auszufüllen, mit mäßigem Erfolg. Bei der Wahl brachte es die KP nicht einmal auf ein Prozent der Stimmen. Broz spricht von fünf Prozent, der Rest sei ihnen „gestohlen“ worden. 60 000 Mitglieder habe seine Partei, behauptet er, die KP trete für eine Stärkung der Wirtschaftskooperation mit Russland ein und gegen den serbischen Nato-Beitritt, außerdem mache sie sich für eine „Überprüfung“ der Nachwende-Privatisierungen stark. Letzteres möge man bitte nicht falsch verstehen, beschwichtigt Broz im gleichen Atemzug – selbstverständlich sei die KP heute nicht mehr gegen Privateigentum.

Er spricht schleppend, seine Augen verschwinden fast unter den hängenden Lidern. Selbst in seinen kämpferischeren Momenten wirkt Broz müde, als sei er es innerlich leid, vor gealterten Kommunisten den Ersatz-Tito zu mimen. Die serbischen Zeitungen bezeichnen ihn hämisch als „Rentner-Maskottchen“, er weiß es.

Einen Ersatz-Tito braucht kein Mensch, die Wahlergebnisse zeigen es, nicht nur in Serbien. Broz’ KP ist ähnlich erfolglos wie der „Bund der Linken Tito-Kräfte“ in Mazedonien und all die anderen altmarxistischen Splitterparteien der jugoslawischen Teilrepubliken. Politisch rückwärts will hier nur eine Minderheit. Die Sehnsucht nach Tito, dem echten Tito, hat andere Gründe. Olga Manojlovic Pintar, eine Belgrader Historikerin, sagt: „Tito ist die Metapher für das bessere Leben, das wir einmal hatten.“

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