Exiltibeterin Jetsun Pema : "Tibetisch lerne ich im nächsten Leben“

Jetsun Pema, 68, geboren in Lhasa, studierte in England und der Schweiz. 1964 kehrte sie als Exiltibeterin nach Indien zurück, wo sie die Leitung der Tibetan Children’s Villages übernahm. Sie wurde mit dem World’s Children’s Honorary Award ausgezeichnet. Jetsun Pema hat drei erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Mann in Dharamsala. Sie hält mit dem Dalai Lama ein Schwätzchen und nennt ihn dabei "Eure Heiligkeit“ Jetsun Pema über ihr Leben mit einem ungewöhnlichen Bruder.

Interview: Ruth Ciesinger Jens Mühling Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Frau Pema, Sie sind Chefin der tibetischen Kinderdörfer in Indien. Dort vermitteln Sie kleinen Flüchtlingen aus Tibet die Kultur ihres Heimatlandes. Worin besteht diese Kultur heute?

Wir erziehen unsere Kinder auf moderne Weise, trotzdem achten wir die Wurzeln unser Kultur und Religion. Wenn die Kinder eine Schnecke auf dem Weg sehen, sollten sie sie aufheben und auf die Wiese setzen, damit niemand auf sie tritt.

Sie wollen die Kinder zu besonders friedfertigen Tibetern machen?

Es geht darum, ein besseres menschliches Wesen zu werden. In Tibet wird eine Art kultureller Völkermord betrieben. Deshalb ist es für uns, die wir außerhalb Tibets leben, eine Pflicht, unsere Identität zu bewahren. Seine Heiligkeit sagt aber auch, dass wir nur den Teil unserer Kultur erhalten sollten, der im 21. Jahrhundert nützlich ist.

Wenn Sie und Ihr Bruder, der 14. Dalai Lama, miteinander reden, nennen Sie ihn dann „Eure Heiligkeit“?

Ja. Aber auf Tibetisch sage ich zu ihm Kundün. Das heißt „Die Präsenz“. Die meisten Tibeter nennen ihn so. Eine Alternative ist: „Das Wunsch erfüllende Juwel.“

Wie haben Sie ihn als Kind genannt?

Kundün. Sogar meine Mutter hat ihn so gerufen. Immerhin ist er mit fünf Jahren als der Dalai Lama erkannt und von da an im Kloster zum Mönch erzogen worden. Der Kontakt zur Familie blieb bestehen. Man hat uns aus unserem kleinen Dorf im Nordosten Tibets in die Hauptstadt Lhasa gebracht. Dort bekamen wir dann ein Haus und Geld. Das war ungewohnt, wir waren ja in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen.

Die Schwester eines Gottes zu sein, das muss aufregend gewesen sein.

Ein Gott ist er wohl nicht. Obwohl, na ja. Seine Heiligkeit sagt, ich bin kein Gott, ich bin der Dalai Lama.

Waren die anderen Mädchen in der Schule eifersüchtig auf Sie?

Ach, so besonders war ich gar nicht, an meiner Schule haben auch die Töchter des Königs von Nepal gelernt. Die Nonnen aber hatten Spaß daran, mit uns vor wichtigen Besuchern anzugeben. Wir mussten dann extra hingehen, um „Guten Tag“ zu sagen und Blumen zu überreichen. Ich war ein bisschen älter als meine Mitschülerinnen, und hatte deswegen alle möglichen Aufgaben. Ich musste den Schlüssel für unseren kleinen Schulladen verwahren, in dem wir Süßigkeiten verkauften. Wir mussten auch auf die Basketbälle aufpassen oder uns um die Hockey-Schläger kümmern.

Gerade in den USA und in Europa übt Tibet auf die Menschen eine große Faszination aus. Wie erklären Sie sich das?

Seine Heiligkeit hat daran sicher großen Anteil. Seit vielen Jahren reist er um die Welt und wirbt für unsere Sache. Und viele Leute fühlen sich von seiner Botschaft und seiner Persönlichkeit angezogen. Er versucht, anders als viele Politiker, zu leben, was er predigt. Andererseits fühlt die westliche Welt mit den Tibetern, weil wir ungerecht behandelt werden. Eine indische Schriftstellerin sagte mir vor kurzem, sie habe sich immer gefragt, weshalb der Dalai Lama so viel reise. Jetzt wisse sie, wie clever das war. Heute weht in San Francisco die Free-Tibet-Flagge, genau so wie in Australien oder Japan. Und das schockiert die Chinesen.

Überblicken Sie eigentlich noch Ihre weltweite Unterstützergemeinde?

An amerikanischen Universitäten ist vor Jahren die Bewegung „Studenten für ein freies Tibet“ entstanden. Inzwischen hat die Bewegung mehr als 500 einzelne Verbände, sogar in Indien. Weltweit haben wir etwa 400 Unterstützergruppen, und auch rund 1500 Buddhismus-Zentren verbreiten unsere Botschaft. Oder nehmen sie das Sponsoren-System für unsere SOS-Kinderdörfer. Ich habe 1965 mit einer Spende einer einzelnen Dame von 100 Dollar im Monat angefangen. Heute kümmern wir uns um mehr als 16 000 Kinder.

Viele Eltern schicken jedes Jahr ihre kleinen Kinder von Tibet über die Berge zu Ihnen nach Dharamsala in Indien. Wieso tun diese Väter und Mütter ihren Kindern diese Reise an?

Für diese Eltern ist das die richtige Entscheidung. Denn wenn ihr Kind in Dharamsala lebt, dann ist es in der Nähe seiner Heiligkeit. Außerdem sagen sie sich: Dort, in Indien, werden unsere Kinder zu Tibetern erzogen. Blieben sie in Tibet, würden viele von ihnen überhaupt keine Ausbildung genießen. Und wenn sie das Glück hätten, eine öffentliche Schule zu besuchen, würden sie zu Chinesen erzogen.

Trotzdem ist es schwer vorstellbar, dass Eltern ihre Kinder deswegen über eines der gefährlichsten Bergmassive der Welt schicken.

Die Kinder müssen Pässe überqueren, die mehr als 5000 Meter hoch sein können. Es gab Todesfälle. Die Kleinen haben nicht die richtige Kleidung, viele von ihnen kommen bei uns mit Frostbeulen an den Füßen an, oder mit abgefrorenen Fingern. Einem Jungen waren alle Zehen erfroren, bis er es nach Dharamsala geschafft hatte. Es hat mehr als zweieinhalb Jahre gedauert, bis die Wunden an seinen Füßen verheilt waren, weil er immer weiter herumtollte. Jeden Abend waren die Verbände kaputt und er hat wieder geblutet. Letztlich musste man ihm Haut von seinem Oberschenkel transplantieren.

Wer bringt die Kinder über die Berge?

Meistens schließen sich fünf oder sechs Elternpaare zusammen und bezahlen einen Führer.

Sie selbst haben Tibet als Neunjährige verlassen. Wie gut ist denn Ihr Tibetisch nach der langen Zeit im Exil?

Es wäre eine Schande, wenn ich kein Tibetisch spräche. Aber peinlich ist schon, dass ich Tibetisch weder richtig lesen noch schreiben kann. Als ich mit neun Jahren in Indien auf eine katholische Schule kam, haben mich die irischen Nonnen auf Englisch unterrichtet. Später in der Schweiz habe ich erst Recht kein Tibetisch gelernt. Und nach meiner Rückkehr nach Indien 1964 hatte ich keine Zeit mehr. Inzwischen glaube ich: Tibetisch lerne ich in meinem nächsten Leben.

Sie waren insgesamt sieben Geschwister …

… nun, sieben von uns haben überlebt. Insgesamt hat meine Mutter 16 Kinder geboren. 13 Jungen und drei Mädchen. Heute sind wir nur noch zu fünft. Vier Brüder und ich.

Wie oft sehen Sie sich?

Wir sind ja über die ganze Welt verstreut. Mein ältester Bruder ist heute 86 Jahre alt und lebt in Amerika. Der nächste pendelt mit 79 Jahren immer noch zwischen Hongkong und Indien, seine Heiligkeit wird dieses Jahr 73, dann komme ich mit 67 und mein jüngster Bruder mit 62. Als meine Mutter noch gelebt hat, haben wir uns oft alle zusammen getroffen. Alle paar Monate kamen meine Brüder nach Indien, um sie zu sehen. Wenn ich jetzt in Dharamsala bin, gehe ich zusammen mit meinem jüngeren Bruder zu seiner Heiligkeit zum Mittagessen, und wir halten ein Schwätzchen.

Fragt der Dalai Lama Sie manchmal um Rat?

Mich? Doch, was die Erziehung der Kinder betrifft, hat er Fragen. Er will wissen, wie wir mit den Kindern umgehen, die neu zu uns aus Tibet kommen.

Sie sind sehr bescheiden, dabei sind Sie fast ein Hollywood-Star: In „Sieben Jahre in Tibet“ spielten Sie Ihre eigene Mutter.

Es war interessant. Ich mochte den Regisseur Jean-Jacques Annaud ganz gerne. Annaud hat auch einige Dinge am Skript geändert, die ich so nicht richtig fand. Es war trotzdem das erste und letzte Mal, dass ich in einem Film mitgespielt habe.

Wie war die Zusammenarbeit mit Brad Pitt, einem der größten Sex-Symbole der westlichen Welt?

Er sieht nicht nur außerordentlich gut aus, er ist auch wirklich ein sehr netter Mensch. Die Filmcrew hatte einen 80 Jahre alten tibetischen Mönch zum Drehort nach Argentinien geflogen. Er war eigentlich fit, aber eben auch sehr alt. Als er krank wurde, musste er ins Krankenhaus. Als ich ihn besuchte, stand neben dem Bett ein riesiger Blumenstrauß. Daran hing eine Karte mit Grüßen von Brad Pitt.

Was wird aus der weltweiten Tibet-Bewegung, wenn die Olympischen Spiele vorüber sind?

Wenn es keine wirtschaftlichen Sanktionen gibt, dann wird nach den Olympischen Spielen die Bewegung sterben. Der Dalai Lama ist nicht gegen die Olympischen Spiele, das hat er immer wieder betont. Aber gerade die jungen Tibeter haben das jetzt als eine Möglichkeit gesehen, um für ihre Sache zu kämpfen.

Warum glauben Sie, dass die chinesischen Behörden Ihrem Bruder nicht trauen?

Ich denke, sie haben Angst vor ihm. Schließlich gibt es auch in China viele Buddhisten. Deswegen wäre für die chinesische Führung eine Bedingung für die Rückkehr seiner Heiligkeit, dass er sich der chinesischen Politik zu Diensten macht. Aber seine Heiligkeit will keine Politik machen.

Wird er irgendwann einmal ohne Bedingungen zurückkehren?

Ich weiß es nicht. Als mir 1980 ein Besuch in Tibet gestattet wurde, brachten meine Begleiter und ich 7000 Briefe an Seine Heiligkeit mit zurück. In den meisten hatten die Menschen geschrieben, sie würden ihn zwar gerne wieder in Tibet sehen, aber er solle doch lieber nicht zurückkommen – den Chinesen sei nicht zu trauen. Seitdem war ich nicht mehr dort.

Hoffen Sie, dass Sie China in nächster Zukunft wieder besuchen können?

Die Chinesen lassen mich ja nicht einreisen. Aber wenn sie sagen „Komm!“, dann würde ich auch kommen.

Könnte eine Frau der nächste Dalai Lama sein?

Ja, das hat seine Heiligkeit ausdrücklich gesagt. Er ist eben ein offener, pragmatischer Mensch, der mit der Zeit geht. Ich glaube, deshalb fühlen sich so viele Menschen von ihm angezogen. Weil das, was er sagt, Sinn ergibt. Er ist kein Politiker, der die Menschen betrügen will, weil er auf Stimmen aus ist. Er spricht aus seinem Herzen. Und er sagt die Wahrheit.

Nicht alle Politiker sagen zwangsläufig die Unwahrheit. Sie selbst waren doch Ministerin in der tibetischen Exilregierung. Jetzt gibt es wieder Gespräche zwischen der chinesischen Regierung und den Exiltibetern.

Wissen Sie, unsere Repräsentanten haben China mehrfach besucht. Es ist nichts passiert. Deshalb bin ich nicht besonders optimistisch, was diese Gespräche angeht. Es würde vielleicht nützen, wenn die internationale Gemeinschaft uns unterstützt. Das müsste aber vor den Olympischen Spielen geschehen. Denn wenn die Spiele erst einmal vorbei sind, dann haben die Chinesen bekommen, was sie wollten. Und dann werden sie ihre Türen wieder schließen.

Wie könnte Ihrer Meinung nach eine politische Lösung aussehen?

Die Strategie seiner Heiligkeit ist die Strategie des mittleren Weges: Die Interessen der Chinesen berücksichtigen und die Interessen der Tibeter! Seine Heiligkeit hat gesagt, dass er keine Unabhängigkeit fordert, sondern dass wir ein Teil Chinas sind. Aber gebt uns die Autonomie, in der wir unser Leben auf unsere Art führen können, die es uns ermöglicht, unsere Kultur zu bewahren und unsere Religion auszuüben.

Würde das bedeuten, dass die Chinesen Tibet verlassen müssten?

Nein. Es gibt Chinesen, die seit 30, 40 Jahren in Tibet leben, wohin sollten die denn gehen? Tibet ist ihr Zuhause. Aber es ist auch das Zuhause der Tibeter, die im Exil geboren sind und seit 40 Jahren nicht in Tibet waren. Natürlich wird es Konflikte geben, wenn diese Bevölkerungsgruppen aufeinander treffen. Wir sagen: Stoppt jetzt die Ansiedlung von Chinesen in Tibet.

Vor etwa sieben Jahren schien sich ein erfolgreicherer Dialog abzuzeichnen. Warum scheiterten die Gespräche?

Das Problem muss bei den Chinesen gelegen haben – das Problem liegt immer bei den Chinesen.

Machen Sie es sich da nicht ein bisschen leicht?

Nein. Die Chinesen fühlen sich den Tibetern überlegen, sie haben keinen Respekt vor uns. Sie behandeln die Tibeter wie Barbaren. Sie sprechen ständig über das Feudalsystem der Tibeter – dabei war das chinesische Feudalsystem hundertmal schlimmer. Sie sagen, sie hätten die Tibeter von ihrem Feudalsystem befreit. Dabei gab es, obwohl wir ein Feudalsystem hatten, nie Hungersnöte bei uns. Die gab es erst, nachdem die Chinesen einrückten. Anfang der sechziger Jahre sind 1,2 Millionen Tibeter gestorben, die Hälfte davon durch Hunger. Die Chinesen stellten die tibetische Landwirtschaft gewaltsam von Gerste auf Weizen um, und so gab es drei Jahre lang kaum Ernten. 1979 sagte Deng Xiaoping, man habe in Tibet große Fortschritte erzielt und viel Gutes für die Bevölkerung getan. Also schickte seine Heiligkeit einen Repräsentanten nach Peking, der fragte: Wenn das stimmt, warum erlauben Sie uns dann nicht, diese Fortschritte zu sehen …

Wenn wir Sie kurz unterbrechen dürften? Inzwischen sind auch viele junge Tibeter frustriert, sie sind nicht mehr einverstanden mit der Strategie des gewaltlosen Widerstands, die der Dalai Lama propagiert – gesehen hat man das bei den gewalttätigen Aufständen im März.

Sie denken, dass die Strategie des mittleren Weges zu mild ist. Dass wir aggressiver sein sollten. Seine Heiligkeit sagt, wir sind eine demokratische Gesellschaft, jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Wenn also jemand glaubt, das tibetische Problem lösen zu können, dann sollte er bitte auch einen detaillierten Plan präsentieren, der als Alternative zur Strategie seiner Heiligkeit funktioniert.

Was denken Sie: Könnte Tibet überhaupt als unabhängiger Staat überleben? Ist es nicht viel zu eng mit China verbunden?

Es hat keinen Sinn, die Unabhängigkeit zu fordern, wenn wir danach nicht in der Lage wären, die Bedürfnisse der Menschen zu bedienen, in der Erziehung, der Medizin, der Wirtschaft. Seine Heiligkeit weiß, dass wir ein Teil Chinas bleiben müssen, um zu überleben.

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