Zeitung Heute : Existenzgründung: Skeptiker für den Überblick

Anno Fricke

"Suppenkaspar" heißt die Geschäftsidee von Wernher Weymann: "Auf Marktplätzen heiße Suppen anbieten. Gemüsecremesuppen, Gulaschsuppen, vielleicht etwas Asiatisches ... ". Der junge Mann strahlt Begeisterung und Optimismus aus: "Wenn das keine klasse Idee ist!"

Der Vertreter einer Steuerberaterkammer, dem er die Idee bei einem Existenzgründertag vorträgt, ist allerdings eher skeptisch. "Gibt es so etwas schon?", will er wissen. "Haben Sie schon gefragt, ob ihre Stadt auf dem Marktplatz im Augenblick Standlizenzen vergibt?", bohrt der Steuerberater weiter. Der hoffnungsvolle Existenzgründer grübelt, der Vertreter der Kammer vermittelt einen Kollegen. Immerhin: Wenig später ist aus der Idee "Suppenkaspar" ein Konzept geworden, in dem Vokabeln wie Einkauf, Betriebskosten und auch Gewinnerwartung auftauchen.

"Viele Existenzgründer kommen viel zu spät zu uns", sagen Steuerberater. Angesichts von über einer halben Million Neugründungen pro Jahr stellen sie immer häufiger fest, dass sich Jungunternehmer in wirtschaftliche Abenteuer gestürzt haben, ohne die Rahmenbedingungen der Branche zu kennen, ohne Grundkenntnisse von Buch- und Betriebsführung zu haben, nur gestützt auf in Studium oder Ausbildung erworbene Fachkenntnisse. "Viele erfahren erst nach der Betriebseinweihung von öffentlichen Fördermitteln und zinsgünstigen Darlehen für Gründer", berichten Steuerberater. Nur: Dann ist der Zug abgefahren. Solche Hilfen müssen unbedingt vor dem Geschäfts-Start beantragt sein.

Lange bevor die erste Steuererklärung fällig ist, sollten Existenzgründer deshalb schon einen Steuerberater, eine Steuerberaterin aufsuchen. Aufgrund ihrer Erfahrung im Umgang mit Unternehmen. Keine Angst vor den Kosten. Der Bund gibt schon für die Gründungsberatung einen Zuschuss. Keine Angst auch davor, dass der Berater die schöne Geschäftsidee mies macht. Kommt der Steuerexperte zu dem Schluss, dass ein Suppenimbiss auf dem Marktplatz der Stadt X wahrscheinlich kein Renner sein wird, heißt das ja nicht, dass das Geschäft gestorben ist. Vielleicht wäre es ja besser, einen kleinen Raum anzumieten, damit die Gäste ihre Suppe im Sitzen löffeln können.

Vier Phasen kennzeichnen die Gründungsberatung: Zunächst prüft der Berater, ob sich eine

Idee überhaupt umsetzen lässt. Lässt sich diese Frage mit Ja beantworten, fertigt er eine

Durchführbarkeitsstudie an. Dabei zieht der Berater auch in Betracht, ob der Gründer oder die Gründerin die persönliche und berufliche Eignung zum Unternehmer mitbringt. Ferner wirft der Berater einen kritischen Blick auf den Markt, auf dem sich der Gründer umtun will. In einer Stadt, in der es fünf Suppenimbisse gibt, ist der sechste wahrscheinlich fehl am Platz. Er berät bei der Wahl der Rechtsform und des Standortes des Unternehmens. Letztendlich schaut der Steuerberater auch aufs Geld. Wieviel Eigenkapital bringt der Gründer mit? Wieviel Kredit braucht er zu Beginn? Welche Fördermittel gibt es? Derzeit wartet Geld in mehreren hundert Töpfen der Europäischen Union, des Bundes, der Länder und der Gemeinden auf Existenzgründer. Nur Spezialisten haben da noch den Überblick.

Steht der Geschäftsgründung immer noch nichts im Wege, legen der Berater und sein Mandant in einem dritten Schritt die Unternehmensziele fest. Sie erstellen einen umfassenden und konkreten

Gründungsplan, in dem sie die einzelnen Etappen der Gründung schriftlich festhalten. Erst die vierte Phase ist die, auf die alle Unternehmensgründer brennen

Betriebseröffnung. Das Geld kommt zum Einsatz, um Maschinen, Arbeitsmaterial und Einrichtungsgegenstände zu bezahlen. Der Jungunternehmer kann durchstarten.

Nun ist dies nicht der Augenblick, sich wieder von seinem Steuerberater zu trennen. "Mindestens ein halbes Jahr sollten sich Existenzgründer von einem Steuerberater eng begleiten lassen", lautet der Expertenrat bei jeder Geschäftsidee.

Meist haben beide Seiten ohnehin Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit. Steuerberater erhalten nur selten Einzelaufträge, in der Regel betraut ihn der Kunde mit einem Dauermandat. Schon aus eigenem Interesse unternimmt der Steuerberater dann alles, um nicht nur die steuerlichen Fragen, sondern auch die betriebwirtschaftlichen Probleme zu lösen. Da er den Unternehmer und das Unternehmen gut kennt, ist der eigene Steuerberater auch im Krisenfall oft besser und schneller als externe Berater. Diese müssen sich die notwendigen Informationen meist erst mühsam und zeitaufwendig beschaffen.

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