Zeitung Heute : Expeditionsbericht aus dem Osten

„Ich möchte das Geld mal haben, das Sie haben.“ Im Brandenburger Wahlkampf bekommt Wolfgang Wieland den Zorn über Hartz IV ab. Doch der Grüne aus Berlin bleibt hart. Eine Schocktherapie vor Jahren wäre hier das Beste gewesen, sagt er

Werner van Bebber

Nass ist die Erde, voller Pfützen, es riecht ein wenig nach Tier, und der Star ist die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Renate Künast. Die macht vor, wie man mit eleganten Schuhen über einen brandenburgischen Biobauernhof tänzelt, ohne nasse Füße zu bekommen. Das kann sie, und reden kann sie auch. Kein Wort wird Wolfgang Wieland, Spitzenkandidat der Brandenburger Grünen, an diesem Nachmittag los. Er ist dabei an diesem „Green Day“, während Renate Künast mit den Schulkindern über Biogemüse und Kartoffelchips spricht. So ist das nun mal: Nicht immer steht der Spitzenkandidat im Mittelpunkt, schon gar nicht bei den Grünen.

Doch das hat Wieland ja gewollt: den neuen Anfang, die Herausforderung. Eine neue politische Szene – wenn er schon nicht, wie Künast, Minister werden konnte. Wieland hat sich immer als „political animal“ verstanden, und Berlin hat ihn, das war zu sehen, ein wenig gelangweilt. Tief und tiefer versank er im vergangenen Frühjahr in seinem Sessel, wenn das Abgeordnetenhaus tagte. Aber jetzt: Ein Wahlkampf, in dem er einiges zu verlieren hat, auch wenn die Brandenburger Grünen, die im Landtag nicht vertreten sind, nur gewinnen können. Und wenn er auch viel zu sehr Profi und viel zu cool ist, um sich Sorgen anmerken zu lassen: Ob es die Grünen am 19. September schaffen, ist kaum vorherzusagen. Sie stehen in den Umfragen bei fünf Prozent. Die gut informierten Potsdamer Musterkinder auf dem Biobauernhof, denen Ministerin Künast nach der Einführung über den Sinn gesunder Ernährung noch schnell die Republik freies Wendland und ihre Bedeutung für die Grünen erklärt, sind in ihrer Offenheit für das grüne Thema Essen nicht repräsentativ.

Wieland macht andere, herbere Erfahrungen: Egal, was das Thema sei, sagt er, die Leute kämen immer auf Hartz IV zu sprechen. Er hat schon mal erlebt, dass ein Thema den Wahlkampf derart beherrschte: „Kosovo“ habe die Leute auch so stark bewegt, sagt Wieland. 1999 seien die Grünen ständig gefragt worden, wie sie mit dem Krieg auf dem Balkan umgingen. Er hat aber noch nicht erlebt, dass die Leute so stark in einer Stimmung gefangen sind. Über Hartz IV kann man mit ihnen einfach nicht reden. Diese Dauer-Besorgnis – Wieland macht Osterfahrung: „Die Leute fragen, wie schaffst du Arbeitsplätze?“ In Brandenburg ist der Staat der Zuständige, für alles.

Wieland hat kein fundamentales oder prinzipielles Problem mit dieser Einstellung – er kam von links zu den Grünen, er gehört nicht zu denen, die den Staat in seinen Zuständigkeiten so weit wie möglich beschneiden wollen. Und West-Berlin, wie Wieland es kannte, war ein großes Staatsunternehmen der alten Bundesrepublik, mit staatsfinanzierten Beschäftigungsgesellschaften und einer mit sich selbst befassten politischen Klasse.

Doch was er jetzt erlebt, hat damit nichts zu tun. Wieland erlebt das pure Ressentiment verbitterter Brandenburger gegen einen, der aus dem Westen kommt. Beim DGB in Cottbus zum Beispiel, der außer Wieland auch die Wahlkreiskandidaten der Konkurrenz geladen hat. Über Arbeitsplätze, Bildung und Wirtschaftspolitik wollte man streiten, abends von halb sieben bis halb neun. Fünf Kandidaten, 20 Zuhörer, Jung-Sozialisten von der PDS, Leute mittleren Alters, einige Rentner, DGB-Mitarbeiter. Man redet über Mehrwertsteuern und gescheiterte Großprojekte. Dann kommt die Hartz-IV-Frage. Wieland sagt, er habe davon nicht gesprochen, „weil ich hoffte, auch andere Botschaften unterzubringen“. Die Grünen hätten die Reform mit beschlossen – „wir machen uns jetzt nicht vom Acker“. Dann schimpft er auf den „Rabaukenjargon“, den die PDS auf ihren Plakaten zeige, und wirft ihr eine „massive Desinformationskampagne“ vor. „Informationskampagne!“, ruft einer der Rentner dazwischen. Dass Hartz IV Armut per Gesetz bringe, wie die PDS behauptet – das ist seine Überzeugung.

Draußen dämmert es, ein zartblauer Abend, drinnen reden sich die Rentner in Rage. Einer spricht von seinem Vater, einem Sozialdemokraten, der für seine Überzeugungen ins KZ gegangen sei, und verbittet sich den Vorwurf des „Rabaukentums“, den Wieland ihm allerdings nicht gemacht hatte. Ein anderer hält Wieland vor, er gehöre einer Partei der „Besserverdienenden“ an. Als sich Wieland darauf einlässt und erklärt, die Grünen seien eine Akademikerpartei und setzten sich für mehr Bildung ein, dreht der Mann ab: „Von oben herab!“ rede Wieland, „nach Berliner Art“. Eine jüngere Frau bezeichnet den Fragebogen zum Arbeitslosengeld II als Angriff auf ihre Menschenwürde und sagt: „Ich möchte das Geld mal haben, das Sie haben!“

Draußen wird es Nacht. Auf Wieland stürzt der Ärger hernieder, den sonst die SPD-Kollegen abbekommen. Martina Münch, die Cottbuser SPD-Kandidatin, weiß, wie man mit Ost-Gefühl den Ärger bremst. „Ich verstehe Sie ja“, sagt sie öfter mal und „wir kennen uns doch“. Wieland fehlt dieses Ost-Gefühl – diese Bereitschaft, mit der Manfred Stolpe und Regine Hildebrandt den Brandenburgern ein staatsfinanziertes Biotop zu bewahren versuchten. Wo die Cottbuser Ärztin den Konflikt weichspült, macht Wieland den Fels, auf den die anderen auflaufen sollen. Der Humor wird zum Sarkasmus. Ihn habe der DGB vor vielen Jahren herausgeschmissen – „Hören Sie zu: wegen Linksradikalismus!“ Jetzt wisse er: „Sie sind die wahren Linksradikalen!“

Natürlich kommt einer der beige gekleideten Rentner nach dem Ende der Debatte zu Wieland und der SPD-Kandidatin, klagt noch mal über das ihm persönlich gar nicht vorgeworfene Rabaukentum – und will doch beiden nur die Gelegenheit geben, den Krach zu entschärfen. Natürlich fasst ihn die SPD-Kandidatin am Arm – während Wieland felsenhaft stehen bleibt: Er habe nicht ihn in der Debatte einen Rabauken genannt, sondern der PDS Rabaukenjargon vorgeworfen. Kein Ost-Gefühl, könnte man meinen – aber Wieland weiß, dass dieses Publikum nicht zu gewinnen ist. Da passt er sich nicht an, das steht seinem Politikverständnis entgegen. Noch im April, bevor ihn die Brandenburger Grünen offiziell nominierten, hat er über Manfred Stolpes landesväterlichen Regierungsstil gesagt, der habe verhindert, dass die Brandenburger „in der neuen Wirklichkeit angekommen sind wie die Thüringer oder die Sachsen“. Eine „Schocktherapie“ hätte wahrscheinlich bessere Ergebnisse gebracht. Das war seine Arbeitshypothese vor dem Engagement in Brandenburg. Daran hält er sich – er redet in Brandenburg nicht anders als vorher in Berlin. Doch es trifft ihn, dass er mit grünen Themen so wenig durchdringt. Er hatte sich vorgestellt, einen alten Streit weiterzuführen – den mit Jörg Schönbohm, ehemals Innensenator in Berlin, jetzt CDU-Vormann in Brandenburg und Innenminister. Wieland gegen Schönbohm, der schnarrende General gegen den linksgrünen Anwalt – das hätte dem Berliner Grünen Spaß gemacht. Er hätte über Bürgerrechte und Videoüberwachung reden können, über schwache CDU-Minister und die Schwächen der großen Koalition. Er hätte sich als Spitzenkandidat einer 600-Mitglieder-Partei darstellen können, für grüne Bildungs-, Wirtschafts- und Landwirtschaftsthemen werben können. Es hat nicht funktioniert. Wieland hat seinen Optimismus trotzdem glaubwürdig gerettet. Die Grünen seien darauf eingestellt, dass sie es schaffen, sagt er. Dann will er den Oppositionsführer geben – mehr erwartete der Realo Wieland nicht für diese Wahl. Und wenn nicht? „Dann arbeite ich wieder als Rechtsanwalt.“

Die Innen- und die Rechtspolitik mit allem, was daran hängt, vom Umgang mit Ausländern und Zuwanderern bis hin zur Korruption waren immer Wielands Themen. Am Ende seiner Berliner Zeit gehörte er zu den seltenen Profi-Polemikern, die Erkenntnis und Gelächter gleichermaßen beförderten. Der Mann mag die Bühne. Mit Worten für seine Ansichten zu kämpfen, macht ihm Spaß. Sein Kampfstil, die Kombination aus Humor, Spottlust und moralischer Schärfe, vom angenehmen Brummbass intoniert, hat ihm Respekt verschafft. Sie hat ihn auch, da ähnelt er Daniel Cohn-Bendit, weit über die Flughöhe der politdeutsch plappernden Berliner Abgeordneten hinauskatapultiert. Eine „Autistenversammlung“ hat er das Berliner Parlament mal genannt.

Anfangs war er der freche Schreck der Exekutive. Dann wurde er zum ebenbürtigen Kombattanten manches CDU-Innensenators. Eigentlich hat er in Berlin zwei Karrieren gemacht, neben der langen im Parlament noch eine kurze in der Exekutive. Die machte ihn zum Justizsenator der rot-grünen Koalition, die, von der PDS toleriert, zwischen Sommer 2001 und Frühjahr 2002 die Trümmer zu beseitigen versuchte, die der Zusammenbruch der CDU-SPD-Koalition in der politischen Landschaft hinterlassen hatte. Die CDU-Parteispende, die Bankenkrise, der schwarz-rote Filz – Justizsenator Wieland hatte gut zu tun, und er hätte sicher gern weitergemacht, wenn sich nach der Wahl 2002 SPD, FDP und Grüne auf eine Ampelkoalition verständigt hätten.

In Berlin haben sie ihn verabschiedet, als gehe er auf eine Expedition. Ein wenig hat er sich selbst so gefühlt. Der Mann aus Kreuzberg kündigte im April den Umzug nach Potsdam an. Nun wohnt er in Babelsberg möbliert. Der Stadtmensch richtete sich darauf ein, die Provinz kennen zu lernen – als einer der Letzten im Großraum Berlin-Brandenburg, die sich zur Länderfusion noch bekannten.

Noch vor vier Monaten saß er in seinem Berliner Büro unter dem Dach des noblen preußischen Landtags und tat sich ein wenig schwer mit der Vorstellung, diese seine Szene aufzugeben – dieses Berlin, die Stadt, der er sich „mehr denn je“, wie er sagte, verbunden fühlte. Dass sein Ausscheiden aus dem Parlament mit der politischen Bewältigung des 1. Mai zusammenfiel, war bezeichnend. Da vollendete sich ein Thema seines politischen Berliner Lebens. 2004 war es soweit, dass die Grünen mit einem Polizeieinsatz zufrieden sein konnten. Wolfgang Wieland aus West-Berlin, 56 Jahre alt, war bei sich selber angekommen, wie die 3000 Berliner Grünen bei sich angekommen und zur Großstadtpartei geworden sind.

Jetzt erlebt Wieland wie sein alter Berliner Antipode Jörg Schönbohm im Crashkurs, dass Brandenburger Politik nach eigenen Regel funktioniert. Ganz langsam nur driftet das Land mental nach Westen. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn sich die Politik um die Jugend bemüht.

Im Landtag debattierten Wieland und andere Kandidaten vor ein paar Tagen mit Schülern. Der Landtag wirbt mit einem Projekt „Juniorwahl“ bei Schülern um Interesse an der Politik. Über 100 Schüler kamen, einige erprobten ihre Debattierfähigkeiten an Wieland und anderen Politikern. Das Thema Abschiebung zeigte, dass Brandenburger Schüler wenig Sinn für die Ausweisung von Ausländern haben, auch dann nicht, wenn es sich um schwerkriminelle Jugendliche handelt. Wer hier aufwächst, soll auch hier ins Gefängnis, meinte Schülerin Saskia, und: „Wir leben in einer multikulturellen, offenen Gesellschaft.“ Tosender Beifall. Die DVU-Politikerin Liane Hesselbarth war nicht ganz leicht zu verstehen, denn sie gebrauchte Formulierungen wie „Verwerfung in der Wahrnehmung“, wenn sie „Missverständnis“ meint. Aber sie argumentierte für die Abschiebung. Saskia bekam tosenden Beifall. Wieland sagte, er sei mit Bauchschmerzen zu der Veranstaltung gekommen. Denn die Grünen hätten beschlossen, nicht mit dabei zu sein, wenn DVU-Vertreter am Tisch säßen. Doch nun sehe er, „wie Sie die Vertreterin der DVU gekontert haben – das war Klasse!“ Er gehe mit einem guten Gefühl. Auch das gab großen Beifall. Aber die Schüler dürfen eben nicht wählen.

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