Zeitung Heute : Experten für die gute Tat

Gesellschaftliches Engagement ist in vielen Firmen fester Bestandteil der Unternehmensstrategie

Judith Kessler

Die Schuhkette Deichmann engagiert sich bei einem Missionarsprojekt in Indien. Der Buntstifte-Hersteller Faber- Castell forstet rund 10 000 Hektar Regenwald auf. Und die Unternehmensberatung Boston Consulting Group veranstaltet jedes Jahr für 1000 Schüler einen Workshop zu Wirtschaftsfragen. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Corporate Social Responsibility (CSR) – verantwortliches unternehmerisches Handeln – ist in fast allen Branchen Thema. Es umfasst zum einen das Engagement in den Kommunen oder die Kooperation mit sozialen Organisationen (Corporate Citizenship) und zum anderen umweltbewusstes, nachhaltiges Wirtschaften. Schließlich prägt CSR auch die interne Unternehmensstruktur, etwa wenn es um die Errichtung firmeninterner Kindergärten geht.

Doch wer koordiniert die verschiedenen Projekte? Wer nimmt Kontakt zu sozialen Organisationen auf? Wer motiviert die Mitarbeiter? „Das wird langfristig sicherlich zu einem ganz neuen Berufsbild führen“, meint André Habisch, Gründer des Centers for Corporate Citizenship in Eichstätt. Bisher sind Qualifizierungsmaßnahmen aber noch rar.

„Die meisten Projektleiter haben sich in diese Position hineinentwickelt“, sagt Christine Pehl, CSR-Referentin des Augsburgers Generikaherstellers Betapharm. Das Unternehmen engagiert sich seit fast zehn Jahren für Projekte im Sozial- und Gesundheitswesen. Pehl, die Politik und Geschichte studiert hat, ist seit fünf Jahren dabei. „Wir haben einfach am konkreten Fall gearbeitet und gelernt“, sagt sie. Ein guter CSR-Manager müsse offen, empathisch und in der Lage sein, Menschen zusammenzubringen. Der Rest sei meist Learning-by-doing.

„Das Interesse an CSR ist ungeheuer groß“, sagt André Habisch. Ständig bekäme sein Center Anfragen von Studierenden, die ihre Abschlussarbeit zu diesem Thema schreiben wollen. In letzter Zeit meldeten sich darüber hinaus immer mehr Firmen. Und auch die Wirtschaftsjunioren, Deutschlands größter Verband junger Unternehmer und Führungskräfte, erkoren CSR zu ihrem Jahresthema und unterzeichneten kürzlich eine entsprechende Selbstverpflichtung. „Natürlich ist CSR auch eine Management-Mode“, gibt Habisch zu. „Aber das Unbehagen über die Kehrseite des Wohlstands wird bei vielen immer größer.“

Sich im Bereich CSR systematisch weiterzubilden, ist allerdings schwer. Ein ganzheitlicher Ansatz fehlt bislang in Deutschland. Interessierte sind gezwungen sich auf ein Teilgebiet zu spezialisieren. Auf den ökologischen Aspekt konzentriert sich etwa ein MBA-Studiengang der Universität Lüneburg. Das MBA-Programm „Sustainability Management“ – kurz Sustainment – richtet sich an junge Führungskräfte mit Hochschulabschluss und mindestens zwei Jahren Berufserfahrung und kann innerhalb von vier Semestern berufsbegleitend absolviert werden. „Wir haben festgestellt, dass viele Unternehmen sich zwar mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen“, sagt Studiengangsleiter Stefan Schaltegger. „Aber oft sind die Kenntnisse nicht tief genug, um die unternehmerische Nachhaltigkeit substanziell voranzubringen.“ Absolventen des MBA-Studiengangs werden befähigt, mit fundierten Methoden Nachhaltigkeitsstrategien zu entwickeln. Da diese jedoch alle Unternehmensbereiche umfassen, ist integriertes Managementwissen unabdingbar. „Wir legen großen Wert auf die Vermittlung der sogenannten Soft Skills“, sagt Schaltegger. Im Studienplan sind Module zu Teamentwicklung, Sozialer Kompetenz und Führung integriert. „Wenn ich nicht in der Lage bin, meine Mitarbeiter zu motivieren, kann ich auch nichts verändern“, weiß der Professor.

Verantwortliche Unternehmensführung ist auch Thema des Masterstudiengangs „Ethical Management – Werteorientierte Personalführung und Organisationsentwicklung“ an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er richtet sich an Nachwuchs- und Führungskräfte mit fünf Jahren Berufserfahrung. In vier Semestern beschäftigen sich die Studierenden mit ethisch bewusster Unternehmensführung; ein Modul befasst sich explizit mit Corporate Social Responsibility.

Am Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik steht Corporate Citizenship im Vordergrund. „Uns geht es nicht darum, Unternehmen bei der Gründung von ein paar netten Stiftungen zu unterstützen“, sagt Geschäftsführer Waldemar Hötte. „Wir wollen verantwortliches Handeln in der Wirtschaft vorantreiben.“ In den meist zweitägigen Workshops diskutieren Manager über ethische Fragen und behandeln Case Studies, etwa zum Fall Enron.

Derartige Seminare seien aber nur ein unzureichender Ersatz für eine wirkliche Aus- und Weiterbildung im Bereich Corporate Social Responsibility, beklagt André Habisch. Ausländische Universitäten etwa in Nottingham oder Cambridge seien da wesentlich weiter. Im kommenden Jahr soll auch an der Universität Eichstätt-Ingolstadt ein eigener CSR-Masterstudiengang eingeführt werden. Wer bis dahin nicht warten will, dem rät Habisch: „Einfach ins Ausland gehen.“

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